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Max Goldt: Gattin aus Holzabfällen Der Goldtstandard

27.11.2010 ·  Das kommt davon, wenn ein Könner in den Handschuhen der Ironie mit Klischees und Floskeln jongliert: „Gattin aus Holzabfällen“ ist das Opus maximum des Max Goldt.

Von Michael Maar
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Max Goldt zu rezensieren ist fast so unangenehm, wie einen Abend mit ihm zu verbringen, nachdem man ihn versehentlich geduzt hat. Als hätte man es nicht wissen können! „Ungeduscht, geduzt und ausgebuht“ – hätte einen dieser Titel, einer der unübertroffenen Goldt-Titel, nicht warnen müssen? Überhaupt: Allein seine Titel! „Der Krapfen auf dem Sims“, „Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens“, „Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau“, „Ä“, „,Mind-boggling‘ – Evening Post“, „Okay Mutter, ich nehme die Mittagsmaschine“, „Ein Buch namens Zimbo: Sie werden kaum ertragen, was Ihnen mitgeteilt wird“, „Der Globus ist unser Pony, der Kosmos unser richtiges Pferd“ (letzterer zusammen mit Katz) – nicht nur um seine Titelfindung ist Max Goldt zu beneiden. „Gattin aus Holzabfällen“ heißt sein jüngster Band, und ihn zu besprechen ist deshalb kein Vergnügen, weil es ebendiesem Vergnügen nur durchs lange Zitieren gerecht würde, wogegen sich Goldt aber ausdrücklich verwahrt: „Zitiere nicht Max Goldt zum Scherz, denn er fühlt wie du den Schmerz“.

Bemühen wir uns also um Ernst. Goldt-Bücher sind immer gut, aber diese Sammlung ist exzeptionell. Für das Satiremagazin „Titanic“ hat der von Kehlmann gekürte Kleistpreisträger viele Jahre lang Bilder aus seiner Privatsammlung mit Kommentaren versehen. Anders als die Einzeiler, die etwa der „Stern“ früher brachte (Frau mit aufgeföhnter Hochfrisur, Unterzeile: „Selber getöpfert?“), zielen Goldts Bildkommentare nicht auf den überrumpelnden Witz, sondern entfalten eine genuine Kunstform. Die Kollektion seiner mit Text versehenen Bilder, wie der Untertitel heißt, schöpft ein neues Genre oder führt es nach der juvenilen „Wahrheit über Arnold Hau“ von Gernhardt, Bernstein und Waechter zur Meisterschaft.

Ein extrem hoher Glucksquotient

Für Nicht-„Titanic“-Leser ist der Effekt der eines ausgeschütteten Füllhorns. „Er ist in einem Tretboot zur Versöhnung mit seiner Tochter geeilt. Seine Frau, die mit einem eigenen Tretboot unterwegs war, hat ihn überholt und ist ihm zuvorgekommen. Diese Episode wird er in seinem Lebenslauf tunlichst überschlagen.“ Das schön doofe Bild dazu kann man sich vorstellen. Umgekehrt kann man von den schon an sich komischen Fotos nie auf die dann noch viel komischere Kommentierung schließen, noch nicht einmal die Richtung ahnen. – Büroszene; eine formell gekleidete Frau schaut nachdenklich auf einen Bildschirm. „Hm! Eine Mail von Cezmi Quesenberry. Und eine von Cwarf Londoni. Betreff: Harder than honey can buy. Ob das wohl die beiden Herren sind, die neulich in der Kantine sagten: ‚Wir empfehlen das Seelachsfilet. Das ist gut heute!‘ Ich hätte vielleicht nicht gleich so hochnäsig grell auflachen sollen, nicht gleich rufen sollen: ‚Seelachsfilet! Ha! Würd ja ganz gerne mal wissen, was Sie mein Mittagessen angeht!‘“ Und es entspinnt sich ein längerer innerer Monolog, der nach leisen Zweifeln – „Morgen stehen sie dann doch mit überteuerten Staubsaugern vor meiner Tür“ – mit dem Entschluss endet: „Ach, was soll’s – ich gehe zur Tankstelle und hole mir einen Rotwein.“

Max Goldt hat den delikatesten und erfindungsreichsten Humor, und seine Volten sind nicht auszurechnen. Die Folge ist ein extrem hoher Glucksquotient – und da fehlen ja kaum noch zwei Pünktchen zum Glück. Man lacht nicht, man gluckst drei, vier Mal bei jeder der Bildlegenden, die jedes Mal in eine andere Irre führen. Wir sehen einen Zettel, auf dem steht „Wie groß muß ich meinen Namen denn noch schreiben?“, darunter in anderer Handschrift: „Ich bin aus dem Urlaub zurück! Ihr Briefträger“. Goldts elegischer Kommentar: „Man bettelt um Liebe und erhält einen grunzenden Mund, in dem eine faulige Zunge lodert. Man verlangt ein schönes Weizenbier und bekommt nichts als ein ‚Erdinger‘. Man macht und tut und schwitzt und strebt, doch ein Echo kommt und kommt keins. Man fragt, wie groß man seinen Namen denn noch schreiben soll, und die Antwort lautet, daß der Briefträger aus dem Urlaub zurück sei. Man möchte sich ein Zebra anschauen und sieht nur ein Schild: ‚Unser Zebra ist tot‘.“ Und dann die – mürrische? stoische? Rilkes „Wer spricht von Siegen?“ verpflichtete? jedenfalls unvorhersehbare – Schlusswendung: „Wer all dies und alles Weitere nicht aushält, soll halt auswandern.“

Ein prangender Prachtaltar

Goldts Humorsystem ist primzahlverschlüsselt und lässt sich nicht knacken. Versuche jeder, auch nur eine dieser Bildzeilen zu imitieren; es geht so wenig wie bei einer Metapher Prousts. Eine Zirkusszene: Wir sehen, wie ein von einem befrackten Dompteur angeleiteter Elefant mit seinen Vorderbeinen auf zwei Säulchen balanciert und die Hinterbeine in der Luft schweben lässt. Wer erriete den Kommentar? Künstler schrieben, wenn sie nicht gerade ihre mehr oder minder qualvollen Auftritte zu absolvieren hätten, gern ihre Memoiren. Es gebe einen Erinnerungsband des Schauspielers Joseph Cotton „Vanity will get you somewhere“. Heiße: „Vielleicht nicht in die Mailänder Scala, nicht nach Hollywood, nicht in den Hamburger Überseeclub, aber irgendwohin, wohin auch immer, wird sie dich schon bringen, deine Eitelkeit – und sei es auch nur in die Gosse oder – verglichen mit der Gosse gar nicht so übel – in den Staatszirkus von Dnjepropetrowsk. Die hier gezeigten Künstler scheinen jedoch eher ein anderes Schauspielerbuch im Sinn zu haben, nämlich eine Biographie Therese Giehses mit dem Titel: ,Na, dann wollen wir den Herrschaften mal was bieten‘.“

So viel zum balancierenden Elefanten. Und auch uns Herrschaften bietet Goldt in diesem Band auf jeder Seite akrobatisch schwebenden Witz und sachtes Dirigat. Goldt ist ein Arbiter elegantiarum, ein wacher Sprachkritiker und versteckter Moralist. Er meidet die Klischees und Modefloskeln nicht, er greift sie auf, mit den Handschuhen der Ironie, und jongliert mit ihnen. Allein die komischen Effekte seiner Setzung von Gänsefüßchen wären eine Studie wert. Wer schreibt wie Goldt, hört im Alltag genau zu, und er sieht genau hin. Sein Bilderbuch beweist den schärfsten Blick fürs Detail. Nur wenigen sei bekannt, dass der Nahverkehrsplan der Stadt Altenburg in Thüringen einem Mann mit Aktentasche gleiche, „der aufgrund von Harndrang vor sich hin tänzelt, wobei er auf seine Armbanduhr schaut und denkt: Wo bleibt denn nur dieser verdammte Bus?“ Und das Beste, haargenau so sieht dieser Plan denn auch aus; man musste die Vorlage nur erkennen.

133 Bilder mit Goldt-Kommentar – freue sich jeder auf dieses Opus maximum. Es ist ein künftiger Klassiker und ein prangender Prachtaltar, dargeboten der Göttin des zart absurden Humors.

Max Goldt: „Gattin aus Holzabfällen. Mit Text versehene Bilder“. Rowohlt Berlin, Berlin 2010. 128 S., geb., 18,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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