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Matthias Zschokke: Der Mann mit den zwei Augen : Von Engeln und schweigsamen Frauen

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Matthias Zschokke ist einer der listigsten Beobachter unserer Tage: Jetzt hat er mit „Der Mann mit den zwei Augen“ einen Abenteuerroman geschrieben.

          Für den Erzähler in Matthias Zschokkes neuem Roman ist Harenberg der schönste Ort der Welt. Hier hofft er, endlich tief und ruhig schlafen zu können und von sich als sehr jungem Menschen zu träumen. Und in gewisser Weise erfüllt er hier den letzten Willen einer Frau, die er, wie er erst rückwirkend erkennt, geliebt hat. Gesprochen haben die beiden selten miteinander, obwohl sie jahrzehntelang in einer Wohnung miteinander lebten. Aber weder er noch sie spürten das Bedürfnis, etwas über die Gefühle und Leidenschaften des anderen zu erfahren, noch wollten sie wissen, wie der Partner seine Tage verbringt. Es genügte, manchmal nebeneinander am Fenster zu stehen, ganz ruhig, wie man neben einem Hund steht, zu dem man Vertrauen gefasst hat, und nach draußen zu schauen - im Rückblick erscheinen ihm diese Momente als vollkommen glückliche.

          Neben Wilhelm Genazino ist Matthias Zschokke der listigste und böseste Beobachter unserer Tage. Beide sehen die scheinbar banalen Details unseres Alltags als tückische Rätsel und begegnen ihnen mit empörter Melancholie, bildhaftem Witz und einer suggestiv-lakonischen Sprache. So ist der Held in Zschokkes neuem Roman, eben „Der Mann mit den zwei Augen“, naturgemäß ein nach außen hin unauffälliger Zeitgenosse: „Ich komme im Mantel, in einem sandfarbenen, und in der linken Hand halte ich einen kleinen, sandfarbenen Koffer. Ich bin durchschnittlich groß, habe durchschnittlich kurzes, sandfarbenes Haar ... - wir werden einander bestimmt nicht verpassen.“

          Existentielle Nacktheit

          Im gleichen Atemzug gibt er widersprüchliche Auskünfte über sich selbst, nennt sich einen „Gemütsalbino“, dem ein guter Kaffee wichtiger sei als der Zustand der Welt, und nimmt doch leidenschaftlich Anteil an ihr: Er sei immer auf Reisen, behauptet er, auch wenn er gerade in Berlin in seiner stillen Wohnung mit der schweigsamen Frau sitzt. Weil sie so gut wie keine Spuren hinterlässt und ihm das besonders an ihr gefällt, nennt er sie zärtlich „Lüftchen“. Allen Helden in Matthias Zschokkes Geschichten (auch in den vermeintlich autobiographischen) geht es so, dass ein langweiliger, biederer Ort sie herausfordert. Deshalb gibt es in seinem skurrilen Reisebuch auch ein provokantes Kapitel, das „Kindheit“ heißt. Darin malt sich der einsame „Neue Nachbar“ die Urheberin der monotonen Cellotöne jenseits der Wand in wilden, erotischen Phantasien aus, und der Stadtwanderer Maurice betritt, mit dem Gewicht der ganzen Welt in den Armen, die Boulevards wie fremde, stickige Wohnzimmer.

          Zu Beginn des neuen Romans trifft seinen Erzähler ein besonderer Schicksalsschlag: Die Frau, mit der er lebte - die eigentlich nicht seine war, wie er betont, denn sie war einmal anderweitig verheiratet -, hat sich das Leben genommen, still und unauffällig. Und er flüchtet aus der Wohnung, um jenes Harenberg zu suchen, von dem sie immer geschwärmt hat. Spätestens hier fühlt sich der Leser an einen der spröde erzählten Kaurismäki-Filme erinnert: Auch unser verstörter Erzähler ist ein „Mann ohne Vergangenheit“, denn wie der finnische Regisseur zeigt Zschokke seine Figuren in ihrer existentiellen Nacktheit.

          Walser als literarischer Ziehvater

          Sie sind aus allen Bindungen und sozialen Netzen gefallen und werden damit sichtbar in ihrem schieren Sein, wirken aber gleichzeitig wie Solitäre, ja wie auf die Erde gefallene Engel. Zschokke ist, wie Kaurismäki, ein verschämter Romantiker, der in konzentriert poetischen, aber sparsam instrumentierten Bildern erzählt. So schildert er mit rauher Zärtlichkeit das Umherirren seines Helden in einem verfallenen Industriegebiet, bis er von einem freundlichen, aber rigorosen Zuhälter zur nahen Bar der Prostituierten Rosaura bugsiert wird, die dort „in privatem Ambiente“ empfängt und belegte Brote, „unverfälschten Alkohol“ und „viel dünne, weiße Haut“ bietet.

          Robert Walser, ein literarischer Ziehvater des 1954 in Bern geborenen Autors, charakterisiert die Hauptfigur seines Romans „Der Räuber“ so: „Er kennt natürlich das sogenannte Leben, aber weil er es lieben will und wirklich liebt, kann es kommen, dass er es missversteht und dann wie ein Unkundiger aussieht.“

          Das Finden der Liebe

          Auch Zschokkes Erzähler, 56 Jahre alt, ist solch ein Räuber, süchtig nach Zuneigung und Zuhörern, der mit genießerischer Wut über die Verlogenheit der Gesellschaft und ihre ignorante Gier herzieht und doch trotzig seinen kindlichen Glauben an wahre Empfindungen und einen unzerstörbaren Kern der Wörter bekennt, die ihm ständig im Mund zu zerfallen scheinen. Auch wenn ihm diese Sehnsucht frivol erscheint - denn selbst die Treffen und Gespräche mit seinem einzigen Freund (den wir aus Zschokkes gewagtem und sehr privatem Mail-Roman „An Nils“ kennen) werden von Missverständnissen und Notlügen bestimmt.

          Doch Rosaura vollbringt fast ohne Worte in ihrer kümmerlichen Bar ein Wunder: Weil sie den Besucher ständig verwechselt und von einem Tag zum nächsten scheinbar vergessen hat, fühlt er sich hier heimisch und probiert die Identitäten an wie neue Kleider. Auch seine erotischen Wünsche erfüllt Rosaura wortlos, und es zeigt die hohe Erzählkunst des Autors, dass gerade diese Szenen zu den zartesten des Romans gehören. So findet er in Rosaura die Liebe wieder an einem Ort, an dem er nur schlafen und nie wieder aufwachen wollte. Ungläubig staunend steht er neben ihr hinter der Bar, „in seinem dreiteiligen Anzug mit den zu langen Hosenbeinen“, den ihm in Berlin ein anatolischer Änderungsschneider genäht hat und in dem er aussieht wie ein türkischer Politiker der fünfziger Jahre.

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