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Matrix, redigiert

Wenn Literatur herrschte: Jasper Fforde tritt durch das Prosa-Portal

Jasper Ffordes Debütroman "Der Fall Jane Eyre" ist eine Mischung aus Science-fiction, Comic und literarischem Rätselspiel: ein Unikum, für das niemand bei seinem Erscheinen im englischen Original die richtige Schublade zu finden schien. Die Rezensenten verglichen den Newcomer mit Flann O'Brien, Stella Gibbons, Terry Pratchett, Douglas Adams und J. K. Rowling. Sein Humor, hieß es, läge auf der Wellenlänge von Monty Python und parodiere den Poststrukturalismus in purer Slapstick-Manier. Vorsichtig wurde das Werk auch in den seriösen englischen Feuilletons als heimlicher "Kultroman" hochgeschrieben.

Tatsächlich entfaltet Ffordes Roman ein hohes Maß an unterhaltsamem Irrwitz und Cleverneß auf der Ebene eines intellektuellen Kreuzworträtsels. Die Handlung ist haarsträubend, das Szenario ein fabelhaftes, detailverliebtes Hirngespinst. Fforde erfindet eine Welt, in der die Liebe zur Literatur alles regiert. Doch "Der Fall Jane Eyre" lehrt, daß auch literarischer Fundamentalismus die Welt nicht zu einem angenehmen Platz macht: Über Fragen der Literatur entbrennen gewalttätige Auseinandersetzungen, literarische Gesellschaften legen den Fanatismus von Fußballfans der übelsten Sorte an den Tag. Nichts besitzt höheren Stellenwert als Originalmanuskripte, und eine Spezialeinheit schützt sie vor Fälschern und Dieben.

Die Ich-Erzählerin Thursday Next gehört als Superagentin zu dieser Einheit, als eine Art weiblicher 007 der Literatur. Sie jagt den Superschurken Acheron Hades, der zwar nicht die Weltherrschaft antreten will, dafür aber droht, vielgeliebte Werke der Weltliteratur in ihrer ursprünglichen Gestalt aus dem Gedächtnis der Menschheit zu tilgen. Er manipuliert Charles Dickens' "Martin Chuzzlewit" und visiert als nächstes Charlotte Brontës "Jane Eyre" an. Acheron Hades verändert seine Gestalt nach eigenem Belieben und ist schußwaffenresistent: eine echte Herausforderung also.

Hemmungslos spinnt der Erzähler seine Welt der literarischen Fiktionen mit einer unendlichen Reihe von Einfällen aus. Deren unterhaltsamster ist ein von einem Mann namens Mycroft erfundenes sogenanntes "Prosa-Portal", das es ermöglicht, die Handlung von Büchern zu betreten und darin herumzuspazieren wie in einem Spielfilm. Thursday Next steigt in ihren Lieblingsroman "Jane Eyre" und rettet nicht nur die von Acheron Hades bedrohten Helden, sondern manipuliert auch das für sie bis dahin unbefriedigende Ende.

Thursday Next jagt dabei in einem solchen Tempo durch alle Varianten von Actionszenen, daß es schwer ist, den Faden nicht zu verlieren. Überdies ist in diesem Roman auch auf Zeit und Raum kein Verlaß. Jasper Fforde läßt seine Figuren nicht nur zwischen Literatur und Wirklichkeit hin und her schliddern, sondern auch zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sogenannte Zeitverzerrungen machen es möglich. Einmal kann sich Thursday Next selbst in der Zukunft sehen und entwickelt ein Identitätsproblem: Ist sie sie selbst jetzt oder später?

Dafür bleiben dem Leser jedoch komplizierte psychologische Analysen vollkommen erspart. Die Figuren bleiben eindimensional wie in einem Comic - und sollen wohl auch so sein. Sie sind mit ein bis zwei Grundeigenschaften ausgestattet und haben nicht mehr zu tun, als im Sog der Handlung nicht unterzugehen. Da bleibt kein Raum für Gefühle: Auch wenn jemand stirbt - eines gewaltsamen Todes meist -, trauert niemand. "Ein stummer Schrei entrang sich seiner Kehle, und er stellte die Augen auf Null", heißt es da beispielsweise. Oder: "Er war ein guter Freund von mir, bis er der Schattenwelt anheimfiel und zum Diener der Finsternis wurde. Ich habe ihn selbst erledigt. Pflock rein, Kopf ab - kein Problem. Wesentlich kniffliger war es, seiner Frau das Ganze beizubringen - sie war nicht sonderlich erfreut." Die Abwesenheit von emotionalen Schwankungen bei allen Beteiligten hat den Vorteil, daß, Mord und Totschlag zum Trotz, von der ersten bis zur letzten Seite kontinuierlich gute Laune herrscht.

MARION LÖHNDORF.

Jasper Fforde: "Der Fall Jane Eyre". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Lorenz Stern. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2004. 379 S., br., 14,50 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.06.2004, Nr. 130 / Seite 38

 
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Veröffentlicht: 07.06.2004, 12:00 Uhr