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Martin Walsers neuer Roman : Der letzte Tango in München

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Abgetaucht in eine Parallelwelt des Tango: Doch so agil wie bei den amtierenden Weltmeistern geht es bei Walser längst nicht mehr zu. Bild: dpa

Martin Walsers Roman „Ein sterbender Mann“ ist eine absichtsvoll vertrackte Parodie über die Sprache der Liebe im Alter. Manche Kulturmenschen könnten sich darin wiedererkennen.

          „Mehr als schön ist nichts.“ Diesen Satz hat Martin Walser gleichsam als Köder für seinen neuen Roman ausgelegt. Der beginnt nämlich mit einem Brief an einen Schriftsteller, in dem sich der zweiundsiebzigjährige Theo Schadt über dessen Ausspruch beschwert. Er selbst sei nicht schön, deshalb müsse er sich gegen den Satz und seinen Autor zur Wehr setzen. Was er weiterhin über sich mitteilt, klingt allerdings verdächtig nach Martin Walsers Verhältnis zur medialen Öffentlichkeit: „Ich reagiere lieber, als dass ich nachdenke. Ich bin in meinen Reaktionen mehr enthalten als in meinen Nachdenklichkeiten. Dass mir das von den Verwaltern der Klugheit vorgeworfen werden kann, ist mir klar.“ Entsprechend erscheint Theo Schadt als Autor von „Ein sterbender Mann“, der Roman besteht aus seinen Mitteilungen an den Schriftsteller, erst in der Ich-, später in der Er-Form. So betreibt Walser von vornherein ein Verwirrspiel mit der Autorschaft wie mit dem Begriff der Schönheit.

          „Zu mir kommen die, die wie ich sind, die Verkrampften“, schrieb Walser einmal in sein Tagebuch. Theo Schadt ist aber nicht nur wegen seines sprechenden Namens kein realistischer Briefschreiber, er ist eine Spielart des unzuverlässigen Erzählers. Was er zu berichten hat, erscheint als satirisch überzeichnete Folge einer verkrampften Wahrnehmung. Er besaß angeblich ein florierendes Unternehmen für Patentverwertungen nebst einer auf Naturprodukte spezialisierten Tochterfirma namens „Der Verschönerer“. Außerdem sei er ein erfolgreicher Autor von Ratgeberliteratur gewesen, darunter einer „Anleitung zur Selbstbefriedigung“. 98 Millionen Dollar habe er in die Produktion eines aus Schlangengift zu gewinnenden Mittels gegen Herzinfarkt investiert, dann jedoch sei er verraten worden und habe die Firma an seinen Hauptkonkurrenten verloren.

          Bürgerliche Ressentiments gegen moderne Lyrik

          Der Verrat, über den der Leser nichts Genaues erfährt, scheint Schadts ausuferndes Mitteilungsbedürfnis zu bewirken, obendrein sorgt eine Krebsdiagnose für Torschlusspanik der Kommunikation und des Verhaltens. So beteiligt er sich an einem Suizidforum im Netz und trägt seine Geschichte in einer Talkshow vor. Er teilt eine Serie von Grandiositätsträumen sowie Aphorismen zum Alter mit und schreibt Eingaben an die Regierung der Art, sie möge „eine Propaganda gegen das Lesen in öffentlichen Verkehrsbetrieben“ veranlassen, auf dass die Leute „einander wahrnehmen, erleben“. Schließlich entdeckt Herr Schadt, das darf bei Walser nicht fehlen, in quasi mystischer Plötzlichkeit noch einmal die Liebe.

          Martin Walser: „Ein sterbender Mann“
          Martin Walser: „Ein sterbender Mann“ : Bild: Rowohlt

          Der Verräter soll sein früherer, von ihm bewunderter Freund und Teilhaber Carlos Kroll sein, ein hochnäsiger Dichter, die Karikatur eines hermetischen Lyrikers, der behauptet, „seine Gedichte seien Sprachereignisse, die in dieser Zeit, in der das Mittelmaß triumphiere, gar nicht erkannt werden könnten“. In der Konzeption der Figur hat Walser mit offensichtlichem Schalk alle bürgerlichen Ressentiments gegen die moderne Lyrik versammelt.

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