Das interessanteste Jahr des neuen, dritten Tagebuchbands von Martin Walser ist nicht 1976, nicht das Jahr, in dem sein Roman „Jenseits der Liebe“ spektakulär verrissen wird und sich dennoch sehr gut verkauft, nicht das Jahr, in dem der Schriftsteller im Traum immer wieder von Todesvisionen heimgesucht wird, nicht das Jahr, in dem er mit seiner Frau Käthe und den beiden jüngeren seiner vier Töchter monatelang in die neue Welt, an die Universität von West Virginia, flieht, wo er ganz der Alte bleibt.
Nein, das aufschlussreichste Jahr dieser Aufzeichnungen ist 1978, jenes, in dem Martin Walser mit der Novelle „Ein fliehendes Pferd“ ungeheuren Erfolg hat, beim Publikum sowieso, aber auch bei der Kritik. Denn nicht die bitterste Enttäuschung, nicht die öffentliche Niederlage, sondern erst der überproportionale Erfolg entfesselt tatsächlich jene Gewalten des Literaturbetriebs, die der Autor zwei Jahre zuvor gegen sich gerichtet sah. Hatte man den Leidenden von 1976, der sich als „früh Verstorbenen“ begriff und jede Freundlichkeit so dankbar wie misstrauisch aufsog, geschont und mitunter wohl auch höflich angeschwindelt, was den Rang seines Romans anging, so brechen mit dem durchschlagenden Erfolg von 1978 auch die Dämme der Zurückhaltung.
Das kleine und das große Buch
Jetzt kann Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld endlich wieder ohne Sorgen um das geschundene Autoren-Ego ungeniert seinen schulterklopfenden „Was kostet die Welt“-Charme versprühen und mit seinen Frauengeschichten angeben, jetzt verpacken Schriftstellerkollegen ihre neidischen Spitzen in zweifelhafte Komplimente und legen Journalisten eine neue Beflissenheit an den Tag. Der Fuchs Walser traut der Sache keinen Augenblick: „Die Novelle wird Anlass zur Entwertung aller früheren Bücher“, konstatiert er nüchtern im März 1978 im Winterdomizil Sarn. „Jeder, der mir etwas Nettes sagen will über das kleine Buch, gesteht jetzt, was ihm an früheren Büchern nicht gefiel.“
Zwar hat er eine Erklärung parat – „Was die jetzt mit dem Novellchen machen, ist genauso willkürlich wie das, was sie vorher mit anderen Büchern gemacht haben“ –, aber bei dem Spiel nicht mitzumachen kommt für ihn auch nicht in Frage. Öffentlich werbewirksam in jedes Mikrofon parlierend, übt er sich im Stillen im bewunderten Max-Frisch-Ton „der Leidlosigkeit, der doch völlige Empfindlichkeit verrät“. Auch ohne Lektüre der Tagebücher weiß man, dass das angestrebte „Ich sag’ euch nichts, ihr spürt alles selber“ nie ganz Walsers wurde. Aber wer Balzacs „Verlorene Illusionen“ kennt, kann hier deren Reprise im zwanzigsten Jahrhundert erleben. Das betriebliche Scharwenzeln, Geflöte, Geheuchle, das in Walsers Aufzeichnungen unverbrämten Niederschlag findet, ficht ihn erstaunlich wenig an – weil er gedanklich noch immer feststeckt im Jahr 1976: „Man ist festgelegt auf die Stelle, auf die die Schläge fallen.“
Über die Schulter schaut der Leser
Walsers frühere Beteuerungen, anders etwa als jene Thomas Manns seien seine Tagebücher „eine Veröffentlichung des Autors für den Autor“, ein Ort, wo er „allein mit sich“ sein könne, darf für diesen Tagebuchband nur noch eingeschränkt gelten. Seit den sechziger Jahren war Walser ein bekannter Autor, der stark in die Öffentlichkeit hineinwirkte und dem der Gedanke an eine Veröffentlichung seiner Notate schon früh gekommen sein dürfte. Als er 1977 Frischs „Montauk“ liest, bemerkt er: „Diese Pseudo-Tagebuch-Literatur ist Ehrlichkeitsattrappe. Aber spannend zu lesen, weil der Autor nicht Attrappe wollte, sondern Ehrlichkeit.“ Aufregend sind seine Tagebücher immer dann, wenn dieser Satz uneingeschränkt auch für ihn gilt. Das ist weniger durchgängig der Fall, als man vermuten könnte. Oft spürt man Vorsicht walten, auch sich selbst gegenüber. Der Hang zur maßlosen Selbstkritik bei höchstens angedeuteten Hintergründen verrät jedenfalls eher das Talent zur dramatischen Sentenz („Zu leben, als stürbe man nie, liegt mir nicht“) als Offenheit oder das Bedürfnis, sich Rechenschaft abzulegen.
Das Private ist bei Walser natürlich stets politisch. So wird die angespannte Atmosphäre des Deutschen Herbstes gerade in beiläufigen Beobachtungen lebendig („Käthe trägt, seit Schleyer entführt ist, ein Radio im Haus herum“). Ein weiteres Leitmotiv in Moll ist die bedrückende Teilung des Landes, während die vieldiskutierte Frage, was und wo „links“ denn nun sein solle, stets auf der Höhe der tagesaktuellen Debatten referiert wird. Und wenn Walser, dieser akribische Notierer von Auflagenhöhen, Bestsellerplazierungen und Lesungshonoraren, dieser manische Vergleicher von Hotel- und Lebenskostenpreisen wie Erfolgen anderer, Kassensturz macht, so ist das immer wörtlich zu verstehen: Die sechsköpfige Familie will versorgt, das Nussdorfer Haus gehalten, ein neues Auto angeschafft sein. Und dann muss man noch an die leidige Zukunft denken: „Sobald ich Angst habe, kann ich nicht mehr aufhören mit der Vorsorge für später, für dieses lächerliche Alter.“
Die schnelle Novelle
Das Tagebuch fungiert häufig als Werkstattbericht – mit signifikanten Ausnahmen. Während die vielen ausführlichen Einträge zum Projekt „Gallistl’s Verbrechen“, mit dem Walser die „Gallistl’sche Krankheit“ von 1972 fortsetzen wollte, einen nicht unbedingt bedauern lassen, dass dieser Roman nie zur Ausführung gelang, erfährt man praktisch nichts über jene zwei Wochen im Sommer 1977, in denen Walser „Ein fliehendes Pferd“ heruntergeschrieben haben will – außer dass ein neuer Wagen bestellt wurde und das Ehepaar Grass zu Besuch kam. Am 31. August dann der trotzige Eintrag: „Vor ziemlich genau 14 Tagen habe ich die Novelle angefangen. Jetzt soll sie fertig sein. Das klingt unglaubhaft. Dann kann sie nicht gut sein, heißt das. Dann soll sie eben schlecht sein.“ Überhaupt bleibt „Das fliehende Pferd“, das „kleine Buch“, ein Stiefkind Walsers, als ob dieses Werk, das so mühe- und schmerzlos allgemeines Gefallen findet, den Schutz seines Verfassers nicht verdient hätte. Die Analyse der eingestreuten Kugelschreiberkritzeleien Walsers wäre einmal einen eigenen Artikel wert.
Die Tagebücher Walsers ähneln einem Spiegel, in dem der von seinem Gesicht und dessen Möglichkeiten – „Mein Gesicht ist viel zu beweglich. Es drückt ununterbrochen etwas aus. Meistens mehr, als man von ihm erwartet“ – nachhaltig faszinierte Autor manche Schnuten und Grimassen zieht. Mehr noch aber ähneln sie einem Ankleidezimmer, in dem Gedanken, Worte, Sätze, Beleidigungen, Seufzer, Gewissheiten und Sorgen anprobiert und auf ihren Sitz hin begutachtet werden. Vieles wird sofort verworfen – um gleich darauf das Gegenteil zu behaupten. Zwischen seinem „Ich will nicht so sein, wie ich bin“ und dem „Ich darf nicht so sein, wie ich will“ ist der sonst so bodenständige Walser nämlich ein leidenschaftlicher Poseur.
The Show must go on
Das Tragische ist, dass am Ende des Bandes, wenn am 25. Dezember 1978 vorübergehend der Vorhang fällt, trotz der großen Show niemand ein gutes Bild abgegeben hat, nicht der Herr Verleger, nicht die zahlreichen Schriftstellerkollegen, die zu Wort gekommen sind, und auch nicht der hochempfindliche Autor selbst, der sich über sein klägliches Abschneiden indes wenig Illusionen macht, im Gegenteil. Den Eindruck des Zukurzgekommenen, der auch aus der offenkundigen Unfähigkeit rührt, sich über seine Erfolge freuen zu können, kultiviert Walser bis heute.
Der Einzige, der von dem mächtigen Wortgebrause – inklusive unangenehm drastisch ausgemalter Handgreiflichkeiten – nahezu unangefochten blieb, damals wie heute, ist Marcel Reich-Ranicki. Der Kritiker, den Walser sich seit dem Verriss von „Jenseits der Liebe“ (siehe Seite 3 dieser Beilage) zum Ausschlaggebenden erkoren hat, weil es ihn nach einer Instanz, gegen die es sich anrennen ließ, bedurfte, hat dieses spezielle Temperament Walsers stets zu parieren gewusst, mit Geduld, Verständnis, ja sogar Nachsicht – man lese nur noch einmal das Nachwort seines Buchs mit Aufsätzen zu Martin Walser (Ammann Verlag, 1994). Anstatt zu bemerken, dass die einseitige Schlacht längst geschlagen ist, wirft Walser noch immer Handschuh um Handschuh in eine imaginierte Arena, in der Hoffnung, die Fehde doch noch zu seinen Bedingungen austragen zu können.
Nie wieder statt noch einmal
Dieses Streben nach Anerkennung, Aufmerksamkeit und Liebe, die offenkundige Sehnsucht danach, für den eingebildeten Gegner eine komplementäre Sonderstellung einzunehmen, hat auch etwas Anrührendes, fast Kindliches. Würde Walser die Tagebücher jetzt nur nicht dazu benutzen, seine immer wieder ausführlichst dargelegte Position heute, vierunddreißig Jahre und viele gemeinsame Projekte, aber eben auch ein Buch namens „Tod eines Kritikers“ später, noch einmal mit aller Macht aufs Tapet zu bringen. Der Aufwand, den er betreibt, ist immens; die Wirkung schal. Denn Walsers Verhältnis zu Reich-Ranicki erscheint so gerade nicht als exemplarisch für die stets prekäre Beziehung zwischen Autor und Kritiker, sondern als Ausnahme- und Extremfall. Anstatt als Wiederauflage alter Kämpfe sollte man diese Tagebücher darum lieber als erneuten Beleg für jenes Lob lesen, das Marcel Reich-Ranicki Walser einst aussprach: „Die Sprache ist es, die den Schriftsteller Walser, ob er uns ein besseres oder ein schlechteres Buch beschert, so vertrauenswürdig macht.“
Da möchte man doch jemanden kennen lernen.
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 16.03.2010, 17:40 Uhr