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Martin Walser: Ein liebender Mann Im Grenzenlosen sich zu finden

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Einmal alles beiseite, den ganzen Walser mitsamt Paulskirche und den ganzen Goethe, und „Ein liebender Mann“ als das betrachtet, was es ist: ein Roman. Es geht darin um einen dreiundsiebzigjährigen Mann, der sich unverhofft in eine Neunzehnjährige verliebt. Das klingt schauerlicher, als es sich liest. Es liest sich nämlich ganz leicht. Zwei Menschen begegnen einander, und es wird Liebe daraus. Oder das, was man dafür hält. Zumindest der Mann hält es dafür, und dessen Innenleben erzählt der Roman. Was das neunzehnjährige Mädchen empfindet, bleibt weitgehend unbekannt, aber neunzehnjährige Mädchen eignen sich für Projektionen ja ohnehin wie kaum jemand sonst - unsympathisch ist ihr der alte Mann jedenfalls nicht. Der alte Mann, das ist der alte Goethe. Das Mädchen: Ulrike von Levetzow, die Goethes letzte große Liebe sein sollte, was den Leser des Romans aber nicht zu interessieren braucht, denn hier geht es nur um diese Liebe selbst. Der Roman würde sogar funktionieren, wenn Goethe nicht Goethe, sondern irgendein alter Mann wäre, allerdings einer, der Sprache sehr liebt, denn Goethes Begabung für Kalendersprüche, für Aperçus, Bonmots und geistvolle Repliken steht im Mittelpunkt und wird nur noch übertroffen von den noch geistvolleren Repliken der jungen Ulrike.

Im Grunde ist „Ein liebender Mann“ ein Buch über die Kunst der Konversation. Und damit wahrscheinlich, trotz seines Protagonisten, das undeutscheste Buch, das der deutsche Schriftsteller Martin Walser je geschrieben hat.“Gestern, sagte sie, habe ihre immer lebhafte Schwester Amalie den Fehler gemacht, ihn zu fragen, wie ihm ihr Kleid gefalle. Ja, sagte Goethe, und ich habe gesagt: Sehrhübsch. Und Ulrike: Aber Ulrikes ist hübscher, haben Sie noch dazugesagt. Und Goethe: Darauf sagte die Schwester, das hätte ich gar nicht erst fragen müssen, an Ulrike ist ja immer alles hübscher. Das war nicht nötig, sagte Ulrike. Aber wahr, sagte Goethe. Wahr, das ist keine Entschuldigung für eine Peinlichkeit. Schon wieder eine Satzhoheit! Rief er. Ich habe vorausgeschickt, dass ich Sie imitiere. Wenn Sie mich jetzt kritisieren, kritisieren Sie sich selbst. Ich kapituliere, sagte er. Bitte, sagte sie, bedenken Sie, Amalie ist sechzehn. Erst oder schon, fragte Goethe. Erst und schon, sagte Ulrike. Und er: Ulrike, ich muss Sie bewundern. Was man nicht alles muss, sagte sie, aber es freut mich. Natürlich. Sehr. Adieu. Und ging.

“Das hätte sich Oscar Wilde nicht schöner ausdenken können. So ein vergnügliches, leichtfüßiges Gesprächs-Pingpong.Walser schildert Ulrike als so geistreich und unbeeindruckt, dass es dem Altersunterschied von fünfundfünfzig Jahren das Unappetitliche nimmt. Er lässt sie die Bemerkungen des Meisters gekonnt retournieren, lässt sie widersprechen, wo es nur geht, das von Goethe Gesagte auf Ungenauigkeit prüfen und verbessern, wo nötig. Ob das nun besonders neunzehnjährig ist, sei einmal dahingestellt, es ist auf jeden Fall ein großes Vergnügen. So ist sie zum Beispiel der Meinung, all die klugen Sätze Goethes, die ganz Europa zitiert, klängen in ihr Gegenteil verkehrt genauso wahr. Ob sie ihm das sagen dürfe? Goethe: „Wer mir nicht sagt, was er denkt, beleidigt mich.“ Sie, zum Beweis: „Wer mir sagt, was er denkt, beleidigt mich.“ Dafür liebt Goethe sie. Und wen wundert's.

Die tragische Komik des Verliebtseins

Seinen Goethe schildert Walser mit so liebevoller Nachsicht, dass man ihm - mit Walser - sogar seine Eitelkeit verzeiht. Mehr als einmal bringt Goethe etwas zu Papier und hat dabei „das wohltuende Gefühl, sich wieder einmal übertroffen zu haben“. Und hat er einen klugen Gedanken, denkt er sogleich hinterher: „Schreib's auf.“ Er weiß selbst, dass seine Farbenlehre nicht der Weisheit letzter Schluss ist (Ulrike ist, wie er ihr gesteht, der einzige Mensch, der ihn je dazu brachte, bei diesem Thema heiter zu bleiben), aber im Großen und Ganzen ist er mit sich zufrieden, und es ist so ziemlich sein einziges Bedauern, dass es ihm - selbst ihm! - nie gelungen ist, dem männlichen Geschlechtsteil einen Namen zu geben, der in der Sprache erscheinen darf - „es sei denn lateinisch oder verballhornt“. Ja, diese Sorge macht Walser seinem Goethe. Natürlich ist Alter ein Thema, damals galt ein Dreiundsiebzigjähriger ja noch als Greis.

Manchmal taucht es nur am Rande auf, wenn Goethe etwa - die Geschichte spielt 1823 - jemandem mit Gesten zustimmt, „die er konnte. Es waren Gesten aus dem vergangenen Jahrhundert.“ Oder als er einmal vor Ulrike steht: „Er stand vor ihr, wäre gern auf die Knie gesunken, wusste aber, dass das Aufstehen misslingen konnte.“ Nackt vor dem Spiegel, findet er sich immer noch ansehnlich, aber der Altersunterschied macht ihm doch zu schaffen. Als er hört, dass sein Bekannter Knebel, fünf Jahre älter als er selbst, eine dreiundvierzig Jahre jüngere Frau heiratet, erleichtert ihn das irrsinnig - bis er herausfindet, dass nicht sein Bekannter heiratet, sondern dessen Sohn. Vor allem schildert Walser Goethe als Verliebten, als Mensch im Ausnahmezustand. Er schläft schlecht, bringt alles, was um ihn herum passiert, mit der Geliebten in Verbindung und ist in ihrer Gegenwart unsicherer als vielleicht jemals zuvor in seinem Leben. Alles, was er vor ihr sagt, findet er einen Augenblick später peinlich, eine Spur zu angeberisch oder zu belehrend, weshalb er sofort etwas anderes sagt, nur um auch dies wieder zu bereuen.

Sie ist das Publikum, dem er gefallen möchte.Selbst einfaches Gehen ist für ihn plötzlich keine Selbstverständlichkeit mehr: „Er ging, so gut er konnte. Gehschwierigkeiten kannte er nur vom Hörensagen. Aber dass Ulrike ihm jetzt vielleicht nachschaute, machte seinen Gang unsicher. Also betonte er die Sicherheit eines jeden Schritts. Das allerdings konnte komisch aussehen. Als er drüben durch die Tür ging, schaute er sozusagen heimlich zurück. Die Terrasse war leer. Ulrike hatte ihm nicht nachgeschaut. Das war ihm auch nicht recht.“ Die tragische Komik des Verliebtseins. Über hundert herrliche Seiten geht das so. Dialoge wie aus einer Screwball-Comedy, wunderbare Beschreibungen von Personen (“Sie wirkte immer sehr aufrecht. Immer so, als könne sie leichter nach oben schauen als geradeaus“), ein Feiern der Liebe und der Sprache, in einem heiter-beschwingten, belustigten, sorglosen Ton, der ein wenig an Kehlmanns „Vermessung der Welt“ erinnert. Hin und wieder kann es passieren, dass man bei der Lektüre von seinem eigenen lauten Lachen unterbrochen wird, sonst aber stellt sich dem umblätternden Weiterlesen nichts Störendes in den Weg. Das perfekte Buch für die Sommersaison in Karlsbad. Bis zur Seite 111. Doch das Buch endet hier noch nicht. Hier endet nur der erste Teil, zwei weitere folgen, und die werden nun leider schwächer und schwächer. Goethe trägt Ulrike über den Großherzog die Heirat an, die Familie von Levetzow reist überstürzt aus dem Kurort ab, Goethe hinterher, man sieht sich wieder, es geht noch eine Weile, Goethe schreibt seine berühmte Marienbader Elegie, die in Walsers Roman vollständig abgedruckt ist. Zuvor hatte noch Ulrikes Tanz mit einem 1,90 Meter großen jungen Mann Goethes Eifersucht geweckt. Die köchelt nun weiter vor sich hin.

Und alles Leichte ist fort

Goethe kehrt nach Weimar zurück, wo seine Schwiegertochter Ottilie ihn wütend empfängt. Sie hat von seiner skandalösen Liaison zu einer fünfundfünfzig Jahre jüngeren Frau gehört, die ganze Welt hat es gehört, das muss nun alles schnell vergessen gemacht werden. Und Goethe schreibt seiner Ulrike dann nur noch Briefe, lange Briefe, in denen er ihr alles erzählt. Und leider hat diese Briefe eben nicht Goethe geschrieben, sondern Martin Walser als Goethe, und leider hat er im hinteren Teil des Buches seinen leicht perlenden Ton verloren und ergeht sich in Larmoyanz. Da wird alles noch mal nacherzählt und breitgetreten, was wir doch im ersten Tal schon - begeistert - gelesen haben, diesmal aber mit „blauen und roten Lupinen“ garniert, mit dem „Einlass ins Paradies“, mit „Märchenseen“ und „Glut, Blut, Mut und Wut“. Und alles Leichte ist fort. Und damit der ganze Zauber.Und irgendwie versteht man nichts mehr. Ist das noch derselbe scharfsinnige Goethe, der sich jetzt so freimütig unter die Knute seiner Schwiegertochter begibt, der, wie Walser andeutet, ihr zuliebe auf die Fortsetzung seiner Liebesgeschichte verzichtet? Warum denn? Wer ist diese Ottilie, dass sie so eine Macht über ihn hat?

Sie bleibt als Figur vollkommen blass, unglaubwürdig, eine Karikatur, als wäre sie nur eine Bleistift-Comicskizze, wo Ulrike ein wunderbar weichgezeichnetes Porträtfoto war. Und Walser ist als Goethe so viel schlechter denn als Walser. Mit den Briefen hat er sich keinen Gefallen getan. Und dann der Schluss des Romans. Seit Walser Goethe einmal nackt vor dem Spiegel darüber nachdenken ließ, wie schade es sei, dass er nie einen aussprechlichen Namen für sein Geschlechtsteil gefunden habe, war nicht mehr vom nämlichen die Rede gewesen - am Schluss, auf einmal, hat Goethe beim Aufwachen „sein Teil in der Hand, und das war steif. Da wusste er, von wem er geträumt hatte.“ Darauf läuft alles hinaus? Komisch dann, dass der Roman insgesamt so wenig an Sex zu bieten hatte. Irgendwie passt das alles nicht. Es kommt dann noch ein Nachsatz, den es aber auch nicht mehr so recht braucht. Am Schluss bleibt man als Leser in etwa so zurück, als hätte man zwei Wochen Urlaub gebucht - die zweite Woche hätte es durchgeregnet, und nun bei der Abfahrt bedauert man es, nicht nach der ersten schon abgereist zu sein.

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