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Martin Walser: Das dreizehnte Kapitel : Vom Wagnis, einen Brief zu schreiben

Bild: Verlag

Abenteuerlich: Martin Walsers Roman „Das dreizehnte Kapitel“ huldigt einer Kommunikationsform, die das Unmögliche möglich macht.

          Oft hat man inzwischen schon den Vorwurf gehört, Martin Walser schreibe nur noch „Altherrenliteratur“. An seinem Roman „Ein liebender Mann“ über die Beziehung des greisen Goethe zur neunzehnjährigen Ulrike von Levetzow schieden sich deshalb die Geister - wie auch zuvor schon an seinem Buch „Angstblüte“, dessen betagter Held eine halb so alte Frau verehrte und das gar als „Busenschlamassel“ gerügt wurde. Auch das Sujet von Walsers neuem Roman „Das dreizehnte Kapitel“ scheint solcherlei Befürchtungen zunächst zu bestätigen: Ein älterer verheirateter Schriftsteller verliebt sich darin in eine jüngere verheiratete Frau, eine Theologieprofessorin noch dazu - nicht unbedingt ein Stoff für Teenager. Oder für Menschen unter fünfzig.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Was hat ein Martin Walser der Generation Twitter noch zu sagen? Die Antwort ist: sehr viel, und sie liegt paradoxerweise in einem Thema begründet, das für diese Generation noch viel antiquierter wirken muss als die Liebesdinge älterer Menschen. Es geht, so sei behauptet, in diesem Roman nämlich nur zweitrangig um die Figuren. Es geht vor allem ums Briefeschreiben. Um Handschrift, um Tinte, um Papier. Es geht um eine Kommunikationsform, in der das Unmögliche möglich wird.

          Der Schriftsteller als Briefeschreiber

          Diese Erfahrung illustriert Walser anhand einer Ausgangssituation, die zunächst ausweglos erscheint: Der Schriftsteller entdeckt die besagte Frau bei einem förmlichen Abendessen, es ist sogar ein Empfang beim Bundespräsidenten, und ist sogleich von dieser fasziniert. Sie dagegen nimmt ihn überhaupt nicht wahr: „Sie demonstrierte mir nichts als meine Nichtanwesenheit“, schreibt der verstört Hingerissene - jeder weiß: Da man kann nichts machen. Der Schriftsteller ist sich schon im Gehen gewiss: „Ich werde diese Frau nicht mehr sehen.“ Dann jedoch fasst er den Entschluss, ihr zu schreiben - und dieses Schreiben wird sein Leben verändern.

          Der Schriftsteller als Briefeschreiber geht gleich in die Vollen. Er dichtet seine Verehrung, lobt die Frau, die er gar nicht kennt, für „raffinierteste Einfalt“ wie auch „unschuldigste Durchtriebenheit“ und erzählt zugleich Intimstes aus seiner Ehe. Er gibt sich preis. Und erhält von der zuvor so Abweisenden tatsächlich eine Reaktion: Die Frau antwortet, ohne recht zu wissen, warum - und auch sie gibt sich preis. Über ihre Antwort ist er wiederum so glücklich, dass er ihr schreibt: „Ihr Brief ist eine Wiese. Ich habe auf dieser Wiese gegrast. Tag und Nacht.“ Sie darauf: „Ich habe übrigens nichts dagegen, dass sich unser Briefwechsel zu einem Geständnis-Wettbewerb entwickelt.“ Und er gesteht dann: „Ich bin ein anderer, und das durch Sie.“Diese beiden Menschen kommen sozusagen von null auf hundert durch das Wagnis des Briefs.

          Zwischen Theologie und Hirnforschung

          Was sich zwischen ihnen entwickelt, erkennen sie bald als „Verrat“ an ihren Ehegatten - und doch spielen auch diese Partner im Roman eine wichtige Rolle. Es wird sogar über ein Treffen zu viert phantasiert. Doch die Situation von Walsers modernem Klassiker über das Aufeinandertreffen zweier Paare, seinem Buch „Ein fliehendes Pferd“, sie bleibt hier ein reines Kopfspiel.

          Damit ist noch nichts gesagt über weitere Dimensionen dieses vielschichtigen Romans, dessen Konzeption als Spiegelung eines Briefwechsels zwischen dem Theologen Karl Barth und Charlotte von Kirschbaum angelegt ist. Es ist auch ein Campus- und Wissenschaftsroman zwischen Theologie und Hirnforschung, eng an die Realität gebunden durch zahlreiche Namen und Orte, während die sprechenden Namen seiner Figuren märchenhaft klingen: Basil Schlupp und Maja Schneilin. Und es ist schließlich auch ein mehrfacher Künstlerroman mit der Anlage zur Metafiktion: Denn Basil Schlupp hat ein Buch namens „Strandhafer“ geschrieben, das ironische Assoziationen zu Walsers Bodensee-Büchern weckt, und auch Frau Schlupp schreibt im Buch an einem Buch, von dem sich Walsers Roman schließlich den Titel „Das dreizehnte Kapitel“ leiht.

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