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Dienstag, 14. Februar 2012
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Martin Mosebachs Roman „Eine lange Nacht“ Nachtwachen eines notorischen Taugenichts

04.11.2000 ·  Der Palmengarten als Keimzelle der Schöpfung: In „Eine lange Nacht“ spaziert Martin Mosebach spaziert mit dem Darling alter Damen. Wenn der Leser merkt, daß Mosebachs Fabulierlust zuweilen allzu fleischige Blüten treibt, hat er sich in diesem Dschungel schon zu tief verfangen, um noch aufhören zu können.

Von Kristina Maidt-Zinke
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Die Nacht ist keines Menschen Freund, schon gar nicht in einer Stadt wie Frankfurt, aber mutmaßlich ist sie dort mehr als anderswo bevölkert von romanfähigen Gestalten. Was ein Roman sei, bestimme derjenige, der ihn schreibe, sagte Heimito von Doderer, und obwohl Martin Mosebach das rebellische Diktum seines Preispatrons gern zitiert, scheut er sich weniger als andere, die Möglichkeiten der Romanform innerhalb der literarischen Konventionen auszuschöpfen, die vor Doderers Zeit galten. Sein neues Frankfurt-Epos erzählt mit langem Atem und weit ausschwingender Geste von den Nachtwanderungen, Nachtwachen und Nachtgedanken eines jungen Mannes aus mäßig gutem Hause, der es fertigbringt, noch in den späten Siebzigern, vielleicht auch frühen Achtzigern des zwanzigsten Jahrhunderts als kaum befleckter Tor und schwerromantischer Taugenichts durch die Main-Metropole zu tappen, zugleich jedoch eine Art von schöngeistiger Schlitzohrigkeit zu pflegen, die an Felix Krull gemahnen könnte, hätte jener ein paar Semester Kunstgeschichte studiert.

Dabei ist dieser Ludwig Drais, dessen Vatername einen dreisten Wesenszug schon nahelegt, mitnichten durch das kunsthistorische Examen gefallen, sondern durch das der Jurisprudenz. Sein Versuch, sich zum Kunsthändler hochzustapeln, endet damit, daß ein Freund seiner Eltern, ein jovialer Drahtzieher mit dem Thomas-Mann-haften Namen Dr. van Twillebeeckx, ihn zum Geschäftsführer einer Importfirma für pakistanische Baumwollwaren macht, weil auf diesem Posten jemand gebraucht wird, der von Handel und Wandel keinen blassen Schimmer hat. Blaß schimmert die Haut der weißblonden Bella, die ihre Schreibdienste am Schwarzen Brett der Universität angeboten hat und nun, nach behutsamer Annäherung in nächtlichen Telefonaten, das neonbeleuchtete Kellerbüro der Firma „Nephew & Nephew Europe“ mit Ludwig teilt, um als seine Sekretärin, Repräsentationsdame und rechte Hand den Absatz von Holzfällerhemden und Strampelhosenpyjamas aus Hyderabad anzukurbeln.

Noch stört es den Verträumten nicht, daß Bella mit dem spanischstämmigen Leichtfuß und Gelegenheitsgauner Federico „Fidi“ Lopez verheiratet ist. Im Gegenteil: Ludwig hat seine Freude an diesem „luftigen, improvisierend über das Großstadtpflaster schwebenden Paar“, betrachtet es mit jener still staunenden Aufmerksamkeit, die er auch anderen Paarbeziehungen in seinem Gesichtskreis entgegenbringt und die der Autor zum Anlaß nimmt, aparte oder tragikomische Varianten des Zusammenlebens von Mann und Frau arabeskenartig in die Handlung einzuflechten. So eng fühlt sich der tatenscheue Jungunternehmer mit der unentbehrlichen Bella und dem handlangerisch begabten Fidi verbunden, daß er den beiden „Prinzenkindern“ im Souterrainzimmer seiner ersten eigenen Wohnung, die selbstverständlich - so will es die Stadtästhetik à la Mosebach und Drais - in einer noblen Gründerzeitvilla liegt, Unterschlupf gewährt.

Aber der Roman ist auch ein Bildungsroman. Nachdem Ludwig, der nicht zuletzt wegen enttäuschender Erlebnisse mit einer gewissen Erika in der Rolle des passiven Beobachters verharrt, lange genug aus dem oberen Stock auf das knoblauchduftende, rotverhängte Ehenest heruntergeblickt hat, ereignet sich der „historische Augenblick“, der ihn in Bellas Arme, in den Rausch beseligender Liebesstunden und erwartungsgemäß in einige Kalamitäten treibt. Keine davon ist freilich groß genug, um die Grundregel der Lebenskunst außer Kraft zu setzen, die der junge Drais, notorischer Darling alter Damen, von einer Freundin seiner Mutter gelernt hat und die ihn als typisch Mosebachschen Helden ausweist: „Die Lebenskunst bestand darin, gegen übermächtige Gewalten nicht anzukämpfen, sondern rechtzeitig aufzugeben und so bescheiden und geschmackvoll wie möglich unterzugehen.“ Und selbst der Untergang kann, wie Ludwig noch erfahren wird, in entscheidenden Momenten durch Untätigkeit vermieden werden.

Das Attribut „geschmackvoll“ mit seinem leicht ironischen Beiklang bietet sich zur Charakterisierung dieser sorgsam polierten Prosa unwiderstehlich an. Sogar die Niederungen des Frankfurter Milieus, mit denen Ludwig durch Fidis Machenschaften in Berührung kommt, werden hier in einer Weise geschildert, die jederzeit auf zartfühlende Nerven Rücksicht nimmt, und wir gestehen, daß wir diese altmodische Dezenz zu schätzen wissen. Ein wenig bedauern mag man allenfalls, daß Mosebach sein Talent für das Komische nicht stärker zum Zuge kommen läßt, etwa in der Szene, in der Fidi aus nicht ganz durchsichtiger Berechnung seinen „Chef“ zum flotten Dreier mit einer Kaschemmenwirtin animiert. Indes wäre diese Sphäre des Romans dann noch schärfer getrennt von jener ganz anderen, gedankenschweren, in der Ludwigs kranker Vater sich auf den Tod vorbereitet und sein Sohn über den Unfug des Lebens und Sterbens sinniert. Die dritte und rätselhafteste ist die Sphäre, in der Ludwigs älterer Bruder Hermann, noch untüchtiger und weltentrückter als er selbst, meditative Patiencen legt und merkwürdigen religiösen Riten beiwohnt. In der „siebzehnten Vision“ einer Glaubensgenossin, der Sachbearbeiterin Emme Brust, wird Ludwigs Liebesschicksal mit alttestamentarischem Dekor und Kolorit so prachtvoll wie grotesk gespiegelt. Und es ist Hermann, der ihm am Ende die überraschende Prophezeiung aus den Karten liest: „Du bist zu allem fähig.“

Die Fähigkeiten des Autors erschließen sich am eindrucksvollsten dort, wo er aus Kindheitserinnerungen, Früchten seiner feuilletonistischen Exerzitien und frei flottierender Phantasie ein Frankfurt-Bild zusammensetzt, dessen Anteil an zeitgemäßer, zeitgebundener Wirklichkeit vernachlässigt werden kann, weil seine Realität eine poetische ist. Da wird der Palmengarten zur Keimzelle der Schöpfung und die Münchener Straße zur venezianischen Vedute, und in der märchenhaft verfremdeten Stadtlandschaft gedeihen zahlreiche Nebenfiguren wie bizarre und doch eigenartig vertraute Nachtschattengewächse. Wenn der Leser merkt, daß Mosebachs Fabulierlust zuweilen allzu fleischige Blüten treibt, hat er sich in diesem Dschungel schon zu tief verfangen, um noch aufhören zu können, und am Ende der langen Buchnacht findet er es nicht einmal mehr kurios, daß das gute alte Sofa, auf dem der Verfasser sein Personal mit Vorliebe Platz nehmen läßt, hier durch die Bank als „Sopha“ auftritt.

Martin Mosebach: „Eine lange Nacht“. Roman. Aufbau-Verlag, Berlin 2000. 576 S., geb., 49,90 DM.

Quelle: 14.11.2000, F.A.Z., Literatur (Literaturbeilage), Seite L5 14.11.2000
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