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Martin Mosebach: Was davor geschah : Die Füße im Bett, den Kopf in der Schlinge

Bild: Verlag

Ein Meister auf der Höhe seines Könnens: Martin Mosebachs Roman „Was davor geschah“ gehört nicht nur zum Besten der neuen Saison, sondern der deutschen Gegenwartsliteratur überhaupt.

          Ein Auflagen-König ist er nicht. Seine Romane werden nicht verfilmt und nicht in vierzig Sprachen übersetzt. Er ist kein Liebling des Feuilletons, denn seine Bücher spalten die Kritik regelmäßig in zwei Lager. Seine Gegner geraten leicht und zuverlässig in Rage. Offenbar weckt seine Person Ressentiments so verlässlich wie andere schlafende Hunde. Nur eines gestehen ihm in der Regel auch seine erbittertsten Feinde mit schlecht gespieltem Zähneknirschen zu. Ja, die Essays, heißt es dann, die seien schon recht brillant, aber die Romane, die Romane taugten nichts. So wird gönnerhaft das Nebenwerk gelobt, um das erzählerische Hauptwerk zu vernichten.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Durch diese simple Rechnung hat Martin Mosebach seinen Gegnern mit seinem neuen Roman endgültig einen Strich gemacht: „Was davor geschah“ ist von einer Makellosigkeit, die es mit jener seiner stärksten essayistischen Arbeiten mühelos aufnehmen kann. Wie überhaupt etwas ungeheuer Müheloses von diesem Buch ausgeht: Die Erzählkonstruktion ist schlicht und raffiniert zugleich, und Mosebach treibt sie mit der gleichen Eleganz und Entschlossenheit ihrem Ende entgegen, mit der eine Flaumfeder, die sich aus dem Gefieder gelöst hat, ihren Weg zum Boden findet. Es muss freilich nicht immer der direkte sein. Ein zufälliger Lufthauch genügt, um der Schwebenden Aufschub zu gewähren.

          „Solche Liebe-auf-den-ersten-Blick-Geschichten“

          Von solchen Aufschüben und Lufthäuchen, von kleinsten Turbulenzen und ihren oftmals weitreichenden Folgen handelt dieser Roman, von Zufällen also, die an sich betrachtet sogar absurd und unglaubwürdig erscheinen mögen, aber in ihren Auswirkungen eine geradezu schicksalhafte Folgerichtigkeit gewinnen, als hätte es anders niemals kommen können. Daran ist nun allerdings nichts Zufälliges, im Gegenteil. Denn wie sich hier eins ins andere fügt, das verdankt sich dem raffinierten Kalkül eines Mannes, der mit dem Hals in der Schlinge erzählt.

          Geknüpft wurde diese Schlinge im Bett, mit einer einzigen Frage der Geliebten: Wie war das eigentlich, bevor wir uns kannten? Nun, da jedes Wort das falsche sein kann, zeigt sich der Gefragte, ein junger Bankangestellter Mitte dreißig, nicht etwa einsilbig oder wortkarg, sondern legt seine Karten auf den Tisch. Allerdings sind es viele, und wie beim Patiencespiel, das er gerne erwähnt, gibt es darunter offene ebenso wie verdeckte.

          Ganz unverblümt berichtet er nun von einem jungen Mädchen, dem er eines Tages im Regionalzug gegenübersaß, und dessen jugendlicher Liebreiz genügte, um ihn zu entflammen. Erwartungsgemäß erfolgt der missvergnügte Einwand der Geliebten, die „solche Liebe-auf-den-ersten-Blick-Geschichten“ nicht sonderlich schätzt: „Steckt nicht meist einfach Wahllosigkeit oder sogar Läufigkeit dahinter?“ Die Antwort des Erzählers klingt beschwichtigend. Welche Ironie sie enthält, wird sich erst dreihundert Seiten später zeigen. Danach, nach dem Ende der Lektüre, legt man dieses Buch vorsichtig aus der Hand, denn es enthält zarteste Gebilde, airy nothings, wie es bei Shakespeare heißt, das Leben und die Liebe.

          Zauberberg-Atmosphäre

          Zunächst aber wird der erste Zufall präsentiert: Denn die Jugendschöne im Zug ist niemand anderes als die Tochter des Hauses, zu dem der Erzähler gerade auf dem Weg ist, als Debütant bei einer der legendären Sonntagsgesellschaften einer namhaften Frankfurter Familie, die naturgemäß in einem Taunusörtchen residiert. Man hat Geld, man ist vornehm oder tut zumindest so und gibt sich im Übrigen im felsenfesten Vertrauen auf die Unverbrüchlichkeit zahlreicher ungeschriebener Gesetze mit Rasanz unkonventionell. In diesem Kreis, der eine festen Kern hat, um den häufig wechselnde Satelliten kreisen dürfen, geht es zu, als könne jederzeit ein Mynherr Peeperkorn auf den Plan treten. Und das geschieht dann auch, allerdings heißt er hier Schmidt-Flex und ist ein ehemaliger Diplomat, ein Schwadroneur mit Substanz, könnte man sagen, zu dessen Lieblingsbeschäftigungen das mit größter Sorgfalt durchgeführte dodererhafte „Zurückstufen“ des eigenen Sohnes gehört.

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