20.08.2010 · Ein Meister auf der Höhe seines Könnens: Martin Mosebachs Roman „Was davor geschah“ gehört nicht nur zum Besten der neuen Saison, sondern der deutschen Gegenwartsliteratur überhaupt.
Von Hubert SpiegelEin Auflagen-König ist er nicht. Seine Romane werden nicht verfilmt und nicht in vierzig Sprachen übersetzt. Er ist kein Liebling des Feuilletons, denn seine Bücher spalten die Kritik regelmäßig in zwei Lager. Seine Gegner geraten leicht und zuverlässig in Rage. Offenbar weckt seine Person Ressentiments so verlässlich wie andere schlafende Hunde. Nur eines gestehen ihm in der Regel auch seine erbittertsten Feinde mit schlecht gespieltem Zähneknirschen zu. Ja, die Essays, heißt es dann, die seien schon recht brillant, aber die Romane, die Romane taugten nichts. So wird gönnerhaft das Nebenwerk gelobt, um das erzählerische Hauptwerk zu vernichten.
Durch diese simple Rechnung hat Martin Mosebach seinen Gegnern mit seinem neuen Roman endgültig einen Strich gemacht: „Was davor geschah“ ist von einer Makellosigkeit, die es mit jener seiner stärksten essayistischen Arbeiten mühelos aufnehmen kann. Wie überhaupt etwas ungeheuer Müheloses von diesem Buch ausgeht: Die Erzählkonstruktion ist schlicht und raffiniert zugleich, und Mosebach treibt sie mit der gleichen Eleganz und Entschlossenheit ihrem Ende entgegen, mit der eine Flaumfeder, die sich aus dem Gefieder gelöst hat, ihren Weg zum Boden findet. Es muss freilich nicht immer der direkte sein. Ein zufälliger Lufthauch genügt, um der Schwebenden Aufschub zu gewähren.
„Solche Liebe-auf-den-ersten-Blick-Geschichten“
Von solchen Aufschüben und Lufthäuchen, von kleinsten Turbulenzen und ihren oftmals weitreichenden Folgen handelt dieser Roman, von Zufällen also, die an sich betrachtet sogar absurd und unglaubwürdig erscheinen mögen, aber in ihren Auswirkungen eine geradezu schicksalhafte Folgerichtigkeit gewinnen, als hätte es anders niemals kommen können. Daran ist nun allerdings nichts Zufälliges, im Gegenteil. Denn wie sich hier eins ins andere fügt, das verdankt sich dem raffinierten Kalkül eines Mannes, der mit dem Hals in der Schlinge erzählt.
Geknüpft wurde diese Schlinge im Bett, mit einer einzigen Frage der Geliebten: Wie war das eigentlich, bevor wir uns kannten? Nun, da jedes Wort das falsche sein kann, zeigt sich der Gefragte, ein junger Bankangestellter Mitte dreißig, nicht etwa einsilbig oder wortkarg, sondern legt seine Karten auf den Tisch. Allerdings sind es viele, und wie beim Patiencespiel, das er gerne erwähnt, gibt es darunter offene ebenso wie verdeckte.
Ganz unverblümt berichtet er nun von einem jungen Mädchen, dem er eines Tages im Regionalzug gegenübersaß, und dessen jugendlicher Liebreiz genügte, um ihn zu entflammen. Erwartungsgemäß erfolgt der missvergnügte Einwand der Geliebten, die „solche Liebe-auf-den-ersten-Blick-Geschichten“ nicht sonderlich schätzt: „Steckt nicht meist einfach Wahllosigkeit oder sogar Läufigkeit dahinter?“ Die Antwort des Erzählers klingt beschwichtigend. Welche Ironie sie enthält, wird sich erst dreihundert Seiten später zeigen. Danach, nach dem Ende der Lektüre, legt man dieses Buch vorsichtig aus der Hand, denn es enthält zarteste Gebilde, airy nothings, wie es bei Shakespeare heißt, das Leben und die Liebe.
Zauberberg-Atmosphäre
Zunächst aber wird der erste Zufall präsentiert: Denn die Jugendschöne im Zug ist niemand anderes als die Tochter des Hauses, zu dem der Erzähler gerade auf dem Weg ist, als Debütant bei einer der legendären Sonntagsgesellschaften einer namhaften Frankfurter Familie, die naturgemäß in einem Taunusörtchen residiert. Man hat Geld, man ist vornehm oder tut zumindest so und gibt sich im Übrigen im felsenfesten Vertrauen auf die Unverbrüchlichkeit zahlreicher ungeschriebener Gesetze mit Rasanz unkonventionell. In diesem Kreis, der eine festen Kern hat, um den häufig wechselnde Satelliten kreisen dürfen, geht es zu, als könne jederzeit ein Mynherr Peeperkorn auf den Plan treten. Und das geschieht dann auch, allerdings heißt er hier Schmidt-Flex und ist ein ehemaliger Diplomat, ein Schwadroneur mit Substanz, könnte man sagen, zu dessen Lieblingsbeschäftigungen das mit größter Sorgfalt durchgeführte dodererhafte „Zurückstufen“ des eigenen Sohnes gehört.
Zwar tragen die Figuren Namen, wie sie sich Thomas Mann kaum schöner hätte ausdenken können, von Phoebe Hopsten, der S-Bahn-Schönheit, über Helga Stolzier, der Stilberaterin von Phoebes Mutter Rosemarie, bis zu Marguerite Simserl, einer im österreichischen Waldviertel residierenden Randfigur dieses frankfurterischen Tableaus, aber Zauberberg-Atmosphäre wird zwischen den Taunushügelchen nicht beschworen, auch wenn Mosebach unter den Reverenzen an Thomas Mann ein Schnee-Kapitel nicht fehlen lässt. Im Gegenteil, man gibt sich sportlich, die Hausherrin zeigt sich gern im Badeanzug am Pool, und wenn von Philosophie die Rede ist, geht es in der Regel um Geschäftsphilosophie: das Ökonomische schwingt hier immer mit, bei Freundschaften und Bekanntschaften, in der Ehe wie in der Familie.
Ein einsamer Eckensteher
Es ist ein kleiner, überschaubarer Kreis, den Frankfurter Verhältnissen entsprechend, mit gerade einmal einem halben Dutzend Hauptfiguren, die allesamt über weitreichende Verbindungen verfügen. Alles hängt auf die eine oder andere und oft kuriose Weise mit allem zusammen, und wie zwei parallele Linien sich irgendwann treffen, findet auch das Mosebachsche Personal stets zueinander, allerdings nicht im Unendlichen, sondern eher schon an der nächsten Ecke. So taucht zum Beispiel der ganz zu Anfang des Buches mit Aplomb angekündigte Baron Sláwina, dessen Name das Messingschild an der Nachbartür des Erzählers schmückt, nach zweihundert Seiten zuverlässig auf, als habe er sich fast den ganzen Roman über wie hinter einer Tapetentür zwischen den Seiten versteckt gehalten, um den idealen Zeitpunkt seines ersten leibhaftigen Auftritts abzuwarten.
Den Einsatz gibt hier allerdings der Erzähler. Er ist es, der alle Fäden in der Hand hält, der die Ereignisse der sechs Monate, die vergangen sind, seitdem er nach Frankfurt gezogen war, nicht nur auf breiter Leinwand ausmalt, sondern sogar in die Köpfe der Akteure schlüpft und jeden ihrer Gedanken zu kennen vorgibt. Sich selbst schildert er als Randfigur, nahezu unsichtbar, ein einsamer Eckensteher bei den Empfängen im Hause Hopsten, der kaum einmal einen Blick oder ein Wort der angebeteten Phoebe zu erhaschen vermag. Im Bett der Geliebten indessen gibt er sich allwissend, also allmächtig.
Wie Mosebach den Kakadu beschreibt
Man liest diesen Roman wie man durch eine Gemäldegalerie geht, in der sich unverhofft faszinierende Porträts völlig Unbekannter aneinandergereiht finden. Das Interesse an den Figuren erwächst allein aus der Meisterschaft ihrer Darstellung. Warum der Vierkantschädel Bernward Hopsten seine reiche Frau gegen die somnambule, stets leicht bepichelte Silvie eintauscht oder Rosemarie Hopsten sich ganz gegen die eigenen Erwartungen auf eine Affäre mit dem leicht schmierigen Joseph Salam einlässt, warum Phoebe all ihre Verehrer kunstvoll-schnippisch in der Folter der Halbdistanz fixiert wie im Schraubstock, wer wen auf welche Weise und zu welchem Zweck manipuliert oder warum die alte Frau Schmidt-Flex ausgerechnet angesichts eines harmlosen Spielchens aus ihrer Jahrzehnte währenden Erstarrung an der Seite ihres dauerdröhnenden Gemahls erwacht, könnte uns eigentlich schnuppe sein. Aber all das ist so genau beobachtet, so klug gedeutet, so kunstvoll, prägnant und böse, so komisch, so spielerisch und vor allem so sprachmächtig beschrieben, dass diese Charakterstudien von der ersten bis zur letzten Seite fesselnd bleiben.
Man muss nur einmal lesen, wie Mosebach den Kakadu beschreibt, der sein Dasein bei den Hopstens fristet. Dieser späte Abkömmling des Falken aus der Novellentheorie des neunzehnten Jahrhunderts war eine Empfehlung Helga Stolziers, gedacht als Accessoire und schmückender Einrichtungsgegenstand. Als der Erzähler das charaktervolle Tier zum ersten Mal wahrnimmt, bietet sich ihm ein Schauspiel, das sich in wenige Worten fassen ließe: Der Vogel schien den Besucher zu betrachten, plusterte sich ein wenig auf und begann dann, genüsslich und mit Sorgfalt sein Gefieder zu putzen. Bei Mosebach erstreckt sich die Szene über vier Seiten. Sie gehören zum Besten, was man derzeit in deutscher Sprache lesen kann.