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Marlene Streeruwitz: Die Schmerzmacherin : Verwerfungen einer Unsicherheitsgesellschaft

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

In ihrem neuen Roman spielt Marlene Streeruwitz ein Szenario durch, das weit weniger fiktiv ist, als den Lesern lieb sein dürfte: Was geschieht mit unserer Freiheit, wenn sich staatliche Souveränität in Netzwerken auflöst?

          Die Angst vor einer unerwarteten Gefahr, die plötzlich über einen hereinbricht, kennt jeder. Jetzt zumal, da uns der zehnte Jahrestag des 11. September noch einmal vor Augen geführt hat, dass wir in einer Welt ständiger Unsicherheit leben, immer in der Erwartung, uns könnte etwas zustoßen. Diese geheimnisvolle Bedrohung versetzt uns in einen kontinuierlichen Ausnahmezustand, sie schränkt unser Denken und Handeln ein. Sie bewirkt aber auch, dass wir zunehmend dazu bereit sind, unsere persönliche Freiheit zugunsten von staatlich verordneten Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen aufzugeben.

          Diese Diagnose bildet den Ausgangspunkt von Marlene Streeruwitz’ neuem Roman, der schonungslos von den Verwerfungen unserer Unsicherheitsgesellschaft erzählt. „Die Schmerzmacherin“, jüngst für die Short List des Deutschen Buchpreises nominiert, folgt dabei allen, für Streeruwitz’ Prosa charakteristischen Prinzipien. Zum Typischen gehört, dass „Die Schmerzmacherin“ eine weibliche Protagonistin hat: Amy, 24 Jahre jung, unterzieht sich zwischen Dezember 2010 und September 2011 einer Ausbildung in einer Sicherheitsfirma. Das Unternehmen ist unter anderem in den Afghanistan-Krieg involviert und hat sich dort auf Folterverhöre spezialisiert. Das Szenario wirft also – auch dies kennt man von Streeruwitz – eine dezidiert feministische Frage auf: Welche Rolle spielen Frauen in der internationalen Sicherheitsbranche und im „Kampf gegen den Terror“?

          Auf rätselhafte Weise weggedreht

          Charakteristisch für Streeruwitz’ Programm ist zudem, dass die Protagonistin als Perspektivfigur des Romans fungiert. Der Leser sieht die Welt durch Amys Augen. Er erfährt ausschließlich, was Amy wahrnimmt, wie sie das Erlebte verarbeitet, was sie denkt und fühlt. Hinzu kommt, ein weiteres Charakteristikum von Streeruwitz’ Romanen, deren sprachliche Gestalt. Es handelt sich um eine verletzte Sprache, die ganzen Sätzen misstraut, weil diese mit ihrer heilen Oberfläche eine Aussagesicherheit versprechen, die sie nicht halten können. Da die Sätze ihre Zerrissenheit ausstellen und da sie Zusammenhänge vor allem mit Hilfe von Wiederholungsfiguren herstellen, erinnern sie an den Redestil der Ovidschen Nymphe „Echo“. Denn das Echo besteht in seinem Wi(e)derhall ebenfalls aus Fetzen eines ehemals Ganzen. Das ist deshalb so bedeutend für Streeruwitz’ Poetik, weil – wie die Germanistin Bettine Menke gezeigt hat – sie mit diesem Duktus einer spezifisch „weiblichen Sprache“ Ausdruck verleiht.

          Im Fall von „Die Schmerzmacherin“ erzeugt Streeruwitz’ poetischer Stil vom ersten Satz an eine schicksalhaft wirkende Bedrohung: „Noch nie waren so viele Raubvögel zu sehen gewesen. Die lange Kälte hatte sie aus den Wäldern herausgetrieben. Sie saßen auf den Pfosten der Feldbegrenzungen und in den Kronen der Obstbäume. Sie kauerten auf den Köpfen der Heiligenfiguren an den Brücken und auf den Kreuzen an den Weggabelungen.“ Amy, die in ihrem Auto durch das deutsch-tschechische Grenzgebiet fährt, setzt dieser unheimlichen Wahrnehmung zwar einen Schluck eiskalten Wodkas entgegen, doch kurz darauf blickt sie der Gefahr direkt ins Auge: „Einen Augenblick. Der Vogel. Die Lider. Eine gelbe Iris war zu sehen und gleich hinter wachsfarbenen Häutchen verborgen. Der Vogel wandte sich ab. Weggedreht. Nicht weggeflogen.“ Weggedreht, sich auf rätselhafte wie bedrohliche Weise abgewendet – dieses Schicksal bestimmt auch Amys Leben.

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