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Marlene Streeruwitz: Die Schmerzmacherin Verwerfungen einer Unsicherheitsgesellschaft

23.09.2011 ·  In ihrem neuen Roman spielt Marlene Streeruwitz ein Szenario durch, das weit weniger fiktiv ist, als den Lesern lieb sein dürfte: Was geschieht mit unserer Freiheit, wenn sich staatliche Souveränität in Netzwerken auflöst?

Von Christian Metz
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Die Angst vor einer unerwarteten Gefahr, die plötzlich über einen hereinbricht, kennt jeder. Jetzt zumal, da uns der zehnte Jahrestag des 11. September noch einmal vor Augen geführt hat, dass wir in einer Welt ständiger Unsicherheit leben, immer in der Erwartung, uns könnte etwas zustoßen. Diese geheimnisvolle Bedrohung versetzt uns in einen kontinuierlichen Ausnahmezustand, sie schränkt unser Denken und Handeln ein. Sie bewirkt aber auch, dass wir zunehmend dazu bereit sind, unsere persönliche Freiheit zugunsten von staatlich verordneten Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen aufzugeben.

Diese Diagnose bildet den Ausgangspunkt von Marlene Streeruwitz’ neuem Roman, der schonungslos von den Verwerfungen unserer Unsicherheitsgesellschaft erzählt. „Die Schmerzmacherin“, jüngst für die Short List des Deutschen Buchpreises nominiert, folgt dabei allen, für Streeruwitz’ Prosa charakteristischen Prinzipien. Zum Typischen gehört, dass „Die Schmerzmacherin“ eine weibliche Protagonistin hat: Amy, 24 Jahre jung, unterzieht sich zwischen Dezember 2010 und September 2011 einer Ausbildung in einer Sicherheitsfirma. Das Unternehmen ist unter anderem in den Afghanistan-Krieg involviert und hat sich dort auf Folterverhöre spezialisiert. Das Szenario wirft also – auch dies kennt man von Streeruwitz – eine dezidiert feministische Frage auf: Welche Rolle spielen Frauen in der internationalen Sicherheitsbranche und im „Kampf gegen den Terror“?

Auf rätselhafte Weise weggedreht

Charakteristisch für Streeruwitz’ Programm ist zudem, dass die Protagonistin als Perspektivfigur des Romans fungiert. Der Leser sieht die Welt durch Amys Augen. Er erfährt ausschließlich, was Amy wahrnimmt, wie sie das Erlebte verarbeitet, was sie denkt und fühlt. Hinzu kommt, ein weiteres Charakteristikum von Streeruwitz’ Romanen, deren sprachliche Gestalt. Es handelt sich um eine verletzte Sprache, die ganzen Sätzen misstraut, weil diese mit ihrer heilen Oberfläche eine Aussagesicherheit versprechen, die sie nicht halten können. Da die Sätze ihre Zerrissenheit ausstellen und da sie Zusammenhänge vor allem mit Hilfe von Wiederholungsfiguren herstellen, erinnern sie an den Redestil der Ovidschen Nymphe „Echo“. Denn das Echo besteht in seinem Wi(e)derhall ebenfalls aus Fetzen eines ehemals Ganzen. Das ist deshalb so bedeutend für Streeruwitz’ Poetik, weil – wie die Germanistin Bettine Menke gezeigt hat – sie mit diesem Duktus einer spezifisch „weiblichen Sprache“ Ausdruck verleiht.

Im Fall von „Die Schmerzmacherin“ erzeugt Streeruwitz’ poetischer Stil vom ersten Satz an eine schicksalhaft wirkende Bedrohung: „Noch nie waren so viele Raubvögel zu sehen gewesen. Die lange Kälte hatte sie aus den Wäldern herausgetrieben. Sie saßen auf den Pfosten der Feldbegrenzungen und in den Kronen der Obstbäume. Sie kauerten auf den Köpfen der Heiligenfiguren an den Brücken und auf den Kreuzen an den Weggabelungen.“ Amy, die in ihrem Auto durch das deutsch-tschechische Grenzgebiet fährt, setzt dieser unheimlichen Wahrnehmung zwar einen Schluck eiskalten Wodkas entgegen, doch kurz darauf blickt sie der Gefahr direkt ins Auge: „Einen Augenblick. Der Vogel. Die Lider. Eine gelbe Iris war zu sehen und gleich hinter wachsfarbenen Häutchen verborgen. Der Vogel wandte sich ab. Weggedreht. Nicht weggeflogen.“ Weggedreht, sich auf rätselhafte wie bedrohliche Weise abgewendet – dieses Schicksal bestimmt auch Amys Leben.

Die Grenze zwischen Simulation und tödlichem Ernst

Von diesem Einsatzpunkt an spinnt der Roman seine Protagonistin in ein Netzwerk geheimnisvoller Bedrohung ein. Gefahr erwächst aus allen Ecken und Winkeln von Amys Leben: aus ihrer Kindheit, da sie früh zur Adoption frei gegeben wurde. Aus ihrer Adoptivfamilie, deren Zusammenhalt durch die Krebserkrankung der Adoptivmutter akut bedroht ist. Aus einem Restitutionsprozess, den ihre leibliche Familie gegen den österreichischen Staat anstrengt, um eine millionenschwere Entschädigung für ein von den Nazis entwendetes Bild zu erhalten. Der Prozess schürt Amys Verdacht, dass ihre Tante es darauf anlegt, ihre erbberechtigte Nichte loszuwerden. Und nicht zuletzt entwickelt sich die Gefahr für Amys Leben aus ihrer Anstellung bei jener Sicherheitsfirma, die im „Terrorkampf“ tätig ist.

Schon bei ihrer Ankunft in der Firma bestätigt sich, dass ihre Tante dort die Finger mit im Spiel hat. Mit dem Beginn von Amys Ausbildung vereinen sich somit familiäre und berufliche Bedrohungen. Prompt treibt der Roman das Szenario auf die Spitze: Amy erleidet dasselbe Schicksal wie vor ihr Heinrich von Kleists Marquise von O: Sie wird in einem Moment schwanger, in dem sie ihr Bewusstsein verloren hat. Was exakt passiert ist, bleibt für Amy später unergründbar. Als sie aber Wochen später in London unter der Dusche steht, muss sie geschockt feststellen, dass sie einen Schwangerschaftsabbruch erlitten hat. Von diesem Augenblick an, mit dem Streeruwitz die Kleistschen Schrecknisse überbietet, sind Gefahr, Bedrohung und Geheimnis nicht nur irgendwo in Amys Bewusstsein präsent, sondern haben Besitz von ihrem Körper ergriffen. Trotzdem gibt Amy ihren zähen Freiheitskampf nicht auf. Immer wieder versucht sie, ihre Souveränität zurückzugewinnen. Doch ihre neunmonatige Ausbildung zur Sicherheitsagentin entpuppt sich als ideal, um die Grenzen zwischen Simulation und tödlichem Ernst aufzulösen. Amy kann nicht mehr überblicken, ob sie gerade noch trainiert (wird) oder ob sie schon um ihr Leben ringt. Verzweifelt stellt sie fest: „Hier war alles ein Vergleich. Alles war, als ob.“ In dieser Welt des „Als ob“ kann Amy nicht mehr unterscheiden, ob sie nur gegen Windmühlen oder gegen leibhaftige Gefahren ankämpft.

Totale Unsicherheit

Warum entwirft Streeruwitz’ Roman solch eine Schmerzenspoetik? Das eröffnet vor allem ein Blick auf den Leser. Da dieser Amys Sichtweise teilt, überträgt sich die totale Unsicherheit auf ihn. Der Roman macht ihn zum Mitspieler innerhalb der Geheimnisstruktur und zu Amys Leidensgenossen. Das funktioniert, weil das Szenario einerseits zwar konstruiert erscheint, andererseits aber so genau recherchiert ist, dass der Text sehr wohl den Eindruck erzeugt, man bewege sich in der realen Welt. Es gelingt aber auch deshalb, weil der Leser sich immer wieder unerwarteten Zusammenhänge stellen muss, in denen ihm jede Orientierung versagt bleibt.

Diese Verfahren entwickeln eine geradezu körperliche Durchschlagskraft. Der Text greift auf eine Weise auf seine Leser über, die Marlene Streeruwitz in ihrer Tübinger Poetikvorlesung beschrieben hat: „Literarisches Schreiben und Lesen sind, wie alle Prozesse von Sprachfindung, mögliche Formen des In-sich-Hineinblickens. Sind Schnitte in die sichtbare Oberfläche, um tiefere Schichten freizulegen. Sind Forschungsreisen ins Verborgene. Verhüllte. Mitteilungen über die Geheimnisse und das Verbotene. Sind Sprachen, die das Sprechen der Selbstbefragung möglich machen. Und sie so zur Erscheinung bringen. Im günstigsten Fall führt literarisches Schreiben und Lesen zur Erkenntnis.“

Ohne Aussicht auf Sicherheit

Auf Erkenntnis zielt „Die Schmerzmacherin“ tatsächlich ab, weil sie das Bedrohungsszenario unserer Gegenwart in all seiner Komplexität verhandelt. Das Konstruktionsgeschick besteht darin, alle jene Strukturen der Gefahr zusammenzuführen und nachvollziehbar zu machen, die außerhalb der Literatur stets separat verhandelt werden. In diesem Sinne hat Amys Bildungsgeschichte exemplarischen Charakter: Ihre Herkunft aus einer zerrissenen Familie stellt die Vorstellungen leiblicher Elternschaft in Frage. Wenn ihre (Aus-)Bildung jenseits der traditionell dafür verantwortlichen Institutionen abläuft, zeigt sich, dass diese längst ihre Verantwortung an den Einzelnen übergeben haben. Amy vertritt eine Generation, die sich von Projekt zu Projekt hangelt, ohne Aussicht auf Sicherheit. Die Komplexität seiner Betrachtung steigert der Roman weiter, indem er seine feministische Frage im Hinblick auf aktuelle Gendertheorien zuspitzt: Stellt Amys Vergewaltigung doch zur Debatte, wie man, bei allem Wissen über die kulturelle Prägung unseres Geschlechts, damit umgeht, dass letztlich dem realen Körper die entscheidende Rolle zukommt? Nämlich spätestens dann, wenn es um seine Unversehrtheit geht. Gibt es eine spezifisch weibliche Bedrohung, weil nur einer Frau Amys Schicksal widerfahren kann?

Das Literarische hat unseren Alltag erobert

Auf diese Weise verbindet der Roman die Analyse der heutigen „politics of fear“ mit der Frage, ob unsere Angst- und Sicherheitskultur nicht einen eigenen Charakter hat, der sich aus unserer Geschichte erklärt. Anders gefragt: Zeichnet das Sicherheitsdenken in einer Familie, die seit Generationen existentielle Bedrohung erfahren hat (oder die umgekehrt auf der Seite der Täter war), besondere Eigenschaften aus? Zudem erscheint Amys Geschichte nur möglich vor dem Hintergrund jener „Staatsparanoia“, bei der Staaten sich ebenso von geheimen Gefahren bedroht fühlen wie ihre Bürger. Amys Schicksal lotet aus, was passiert, wenn Staaten ihre Sicherheitspolitik in die Hände privater Unternehmen legen und das politische Feld in einen Wirtschaftssektor umwandeln. Erst die Aufgabe staatlicher Souveränität führt dazu, dass man nicht länger von einem „Imperium der Angst“ sprechen kann, das uns beherrscht. Die Vorstellung eines solchen Souveräns kennzeichnet der Roman als naiv. Das Netzwerk, das an seine Stelle getreten ist, hat kein Zentrum mehr, das alle Geschicke steuert. Auch das Netz, in dem Amy gefangen ist, wächst grenzenlos. Eine Kontrolle dieser Struktur erscheint hinfällig.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass in Amy Welt, in der man mit fiktiven Vermögenswerten handelt und imaginäre Bedrohungsszenarien entwirft, das Fiktionale seinen anberaumten Ort, die Poesie, verlassen hat. Das Literarische hat unseren Alltag erobert. Das bedeutet umgekehrt, dass die Literatur längst kein Hort der Schönheit mehr ist. Die Fähigkeit, diese Zusammenhänge nicht nur aufzuführen, sondern mit höchster Kunstfertigkeit und Brisanz von ihnen zu erzählen und sie in ein ästhetisches Konzept einzubetten, macht „Die Schmerzmacherin“ zu einem brillanten Roman. Er formuliert eine wichtige politische Intervention, aber weder von links noch von rechts, sondern von Seiten der Literatur.

Marlene Streeruwitz: „Die Schmerzmacherin“. Roman. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011, 400 S., geb., 19,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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