07.05.2010 · Topographie des Zutrauens: „Schlafende Hunde“ heißen die Erzählungen des Berliner Autors Marko Martin, und sie sind Meisterwerke der Intensität.
Von Oliver JungenEtwas geht hier vor. Obwohl doch gerade nichts vor sich geht, ein langsames Aufblenden zwar, doch was sichtbar wird, ist ein Stillleben: eine farbenreiche Studie über die Liebe, welche diese aber nicht wie üblicherweise in ihrem Ablauf abbildet, sondern gewissermaßen räumlich verortet, als gigantisches Kraftfeld präsentiert.
Und auch stilistisch greift dieser Autor souverän über weite Zeiträume hinweg: In der Antike kannte die Literaturtheorie nur zwei Möglichkeiten des Erzählens, vom weit entfernten Anfang her oder mitten aus dem Schlachtgetümmel der Ereignisse heraus, wobei schon Horaz keinen Zweifel daran ließ, wie sehr das zweite, in Homers Epos „Ilias“ zur Meisterschaft geführte Modell der deduktiven Poesie überlegen sei. Die Moderne fügte diesen beiden Perspektiven die testimoniale hinzu, die Narration vom Ende her, eine ungeheure Aufwertung des Erzählers auf Kosten des Geschehens, das schließlich nicht mehr himmlisch approbiert war.
Dinge und Personen selbst zu hören
Nur selten noch, in der Neuen Sachlichkeit zum Beispiel, trat man hinter dieses kartesianische Modell zurück, um auf die Dinge und Personen selbst zu hören. Im Erzähler hatte der Autor das Objekt seiner Begierde gefunden: Die moderne Literatur ist vor allem ein narzisstisches Liebes- und Machtspiel zwischen diesen beiden Instanzen.
Nur eines war dabei aus dem Blick geraten: So ist das Leben nicht und schon gar nicht die Liebe. Weder vom Ende noch vom Anfang her findet all das statt, sondern immer in medias res, chaotisch, unvernünftig in ihrem Zutrauen, zersplittert in unvereinbare Perspektiven. Dem aber wird ein extrem personales Erzählen, wie es die dialogische und verdichtete Prosa des Berliner Autors Marko Martin, Jahrgang 1970, prägt, viel besser gerecht als jedes auktoriale Psychologisieren. Kopfüber stürzt der Leser sämtlicher Erzählungen des nun erschienen Bandes „Schlafende Hunde“ ins Geschehen, das oft gar keine Handlung im klassischen Sinn ist, sondern eher poetisches Präsens oder Erinnerungserkundung.
Etwas geht hier vor
Mitten in den Sachen: „‚Etwas geht hier vor‘, sagte Florent“, so beispielsweise beginnt die besonders eindrucksstarke Titelgeschichte, eine andere: „Der Junge hofft, dass es nicht funktioniert.“ Was dieses „es“, was jenes „etwas“ ist, das erschließt sich bald, aber zugleich kommt noch vieles hinzu, das zunächst einmal nur den Protagonisten durchsichtig zu sein scheint.
Ein wenig fühlt man sich bei Marko Martin wie der zu Freunden mitgenommene Gast, um den kein großes Aufhebens gemacht wird. Wir sind auf vertrauliche Weise involviert, nehmen teil an diesen Begegnungen, in deren Zentrum immer die Liebe steht, auch die körperliche – homosexuell zumeist –, wobei das erst nach und nach sichtbar werdende Netzwerk die verschiedensten Orte überspannt: Israel, Somalia, Mexiko, Berlin, London, Barcelona, Iran, immer wieder auch die DDR, die der Autor – als Kriegsdienstverweigerer – noch kurz vor ihrem Ende verließ.
Nicht entmutigen lassen
Dass man sich als Leser nicht entmutigen lässt davon, dass die Erzählungen ein ums andere Mal einfach ruhig auslaufen, ohne finalen Knalleffekt, ohne Abschluss, dass man diese kontemplative, meist leicht melancholische Stimmung sogar sehr genießt, liegt vor allem an der Meisterschaft der sprachlichen Form: Marko Martin, der seit vielen Jahren als Reporter die Welt bereist und in vielen Essays und bereits mehreren, stärker autobiographisch gefärbten Romanen seinen Stil perfektioniert hat, gelingt das Kunststück der Einfühlung, ohne manieriert zu wirken. Dieser Autor nämlich erklärt nicht, sondern stellt dar, schiebt sich nicht vor seine Gegenstände, sondern nimmt sich zurück, hat ein seltenes Zutrauen zu Figuren und Lesern.
Die vermeintliche Fremde spielt eine wichtige Rolle in allen Erzählungen, wobei die Helden hier in der Regel auch auf Bekanntes treffen. Ein geschickter Schachzug ist es, der Exotik der Orte die weltumspannende Einheit der Homosexuellenszene zu kontrastieren: Interessen, die sich gleichen, ob in Berlin oder in Iran. So treffen wir etwa auf Babak, einen Iraner aus der Oberschicht, der den Leser gleich zu Beginn des Buches in eine orgiastische Szenerie führt, in der es aber doch feste Regeln gibt, da die erotischen Partner aus der Unterschicht stammen. Dass der scheinbare Rückzug ins Private nur über Bestechung „der Typen vom Komiteh“ funktioniert, erfahren wir nur in einem Nebensatz.
Das Geheimnis seiner Poetik
So anrührend die Schilderung der Beziehungen und Befindlichkeiten aber auch ist – ob die letztlich befreiende Konfrontation des sensiblen Gemüts eines intelligenten Jungen in der DDR mit der rüden Maskulinität beim aufgedrückten Reitunterricht oder die Versuche eines Berliners, bei alljährlichen Nizza-Besuchen zu vergessen, dass ihm die DDR seine besten Jahre genommen hat –, dies allein würde schwerlich über die knapp vierhundert Seiten tragen. Was also ist das Geheimnis von Marko Martins Poetik? Es ist ihre Realitätssättigung, so sehr, dass man bei dieser Prosa beinahe von subkutanen Reportagen sprechen könnte. Was wir über die verschiedenen Gesellschaften und Subkulturen bei ihm erfahren, ist nicht einfach bloß das Setting für eine Handlung, kein reines Beiwerk, sondern eben genau recherchierte und souverän eingefangene Atmosphäre, historisch und mentalitätsgeschichtlich belastbar. Daraus entsteht eine authentische Intensität, der nicht zu entkommen ist, auch die Figuren erliegen ihr.
In den drei längsten Erzählungen des Bandes wird dies auf wunderbare Weise deutlich. Einmal durchkreuzen wir mit dem Protagonisten die so verschiedenartigen und doch einander bedingenden Schichten der jüngeren Geschichte Prags, ein anderes Mal erleben wir den israelisch-palästinensischen Konflikt aus intimer Nähe, da sich Benny, ein deutscher Fotograf, als Medium körperlicher Art betätigt und mit Männern beider Seiten Verhältnisse eingeht.
Das traumatisierte Land
Die detaillierte Erzählung dieser sexuellen Abenteuer spendet nun wiederum dem jungen Israeli Reuven Trost, der soeben seinen Bruder verloren hat, allerdings nicht im Krieg, sondern – bittere Ironie – bei einem schnöden Verkehrsunfall. Die Titelgeschichte wiederum handelt von einem schwulen Pärchen, das ein befreundetes, nicht schwules Pärchen in Somalia besucht: Und auch dieses aus der Geschichte gefallene, traumatisierte Land, in dem ständig die Gefahr besteht, mit einer falschen Bewegung schlafende Hunde zu wecken und den Tod zu riskieren, kommt uns an der Seite des amerikanischen Journalisten Jason so nah wie nur selten.
Das alles erfreut so sehr, wie es lehrreich ist, um auf Horaz zurückzukommen. Marko Martin erinnert uns auf schönste Weise daran, was oft dem Narzissmus geopfert wurde: dass der Gehalt der Literatur die Welt ist.