Home
http://www.faz.net/-gr4-7fe7b
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Marion Poschmann: Die Sonnenposition Wer rast so spät durch Nacht und Wind?

In ihrem Roman „Die Sonnenposition“ entführt Marion Poschmann in eine faszinierende Welt zwischen Wahn und Wirklichkeit. Familiengeheimnisse, deutsche Vergangenheit und Erlkönige treffen hier aufeinander.

© Suhrkamp Vergrößern

Für Autos hat Altfried Janich nichts übrig. Heckspoiler und Spitzkühler, Abrisskanten und Fensteröffnungslinien - all das lässt den dicklichen Eigenbrötler mittleren Alters gleichgültig. Was ihn hingegen brennend interessiert, sind versteckte, unauffindbare Wagen, wie Altfried überhaupt von allem magisch angezogen ist, das irgendwie abwesend oder verschüttgegangen ist. Stundenlang kann er beim Tagebau stehen und in die Grube starren, wo Verborgenes aus dunklem Erdreich ans Licht der Oberfläche befördert wird.

Sandra  Kegel Folgen:    

Es wundert also nicht, dass der Held in Marion Poschmanns neuem Roman „Die Sonnenposition“ von Beruf Psychiater ist. Seine Tage verbringt der gar nicht so lustige Rheinländer damit, den Insassen einer Heilanstalt in Ostdeutschland, in der er arbeitet und auch lebt, geheime Geschichten zu entlocken. Und dann hat Altfried dieses exzentrische Hobby: Er geht auf Erlkönigjagd.

Auf der Jagd nach automobilen Erlkönigen

Erlkönige, so nennt man in Analogie zu Goethes Ballade vom Elfenkönig, der noch zu später Stunde durch Nacht und Wind reitet, neue Automodelle, die von den Herstellern getarnt und meist nachts zu geheimnisvollen Testfahrten auf die Straßen geschickt werden. „Die Abwesenheit des Erlkönigs ist eine grundsätzliche“, sinniert Altfried, als er sich wieder einmal auf die Pirsch begiebt. Dass seine Suche fast immer vergebens bleibt, ja er eigentlich nur einziges Mal ein neues Automodell entdeckt und fotografiert hat und sich damit bei einer Zeitung ein paar Mark verdiente, lässt den Jäger dennoch nicht ruhen.

Marion Poschmann, 1969 in Essen geboren und heute in Berlin lebend, debütierte 2002 mit „Baden bei Gewitter“. Schon dort zeigte sie, wie in den folgenden Romanen, darunter dem vielgelobten „Schwarzweißroman“, der es 2005 unter die Nominierten für den Deutschen Buchpreis schaffte, kühn verdichtete Prosa. Auch als Dichterin ist sie mehrfach hervorgetreten. Die Handschrift der Lyrikerin Poschmann ist unverkennbar auch in ihrem erzählerischen Werk. Das Ich als „ein grauer Gegenstand, um den die Nebel glitten“, wie es in einem ihrer Poeme heißt, könnte Pate gestanden haben für die Einsamkeit ihres jüngsten Romanhelden und dessen Erfahrung, wie prekär das heutige Dasein ist.

Eine eigene Sprache, die auf mehreren Ebenen funktioniert

Schon der erste Satz - „Die Sonne bröckelt“ -, führt uns in das metaphernreiche Spiel von hell und dunkel ein, das den Roman durchzieht. Er führt aber auch die Sprachkraft und den eigensinnigen Humor der Autorin vor. Denn bei der bröckelnden Sonne handelt es sich mitnichten um irgendwelche jenseitigen Begebenheiten. Vielmehr ist damit die poröse Stuckdecke im Speisesaal der Psychiatrie beschrieben, in der Altfried arbeitet. Jeden Tag bricht dort mehr und mehr herunter, und aus der Aurora in der Mitte hängt auch das Kabel des Kronleuchters aus DDR-Zeiten schlaff herab.

Altfried, dessen altertümlicher Name nicht zufällig gewählt ist, bedeutet er doch „edler Beschützer“ und „Elfenkönig“, glaubt, für die Patienten die Sonnenposition einnehmen zu müssen, ihnen also Orientierung und Trost zu geben. Dabei erscheint der Ich-Erzähler selbst kaum weniger bedürftig als sie. Zu Beginn der Erzählung hat er gerade seinen einzigen Freund aus Jugendtagen verloren, der bei einem Autounfall ums Leben kam.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Tierschutzpreis verliehen Die Suche nach dem Nager-Paradies

Meerschweinchen in Not nimmt sich hilfsbedürftiger Nager an. Jetzt erhielt der Verein für sein Engagement den hessischen Tierschutzpreis. Mehr Von Sarah Kempf, Kelsterbach

24.09.2014, 22:30 Uhr | Rhein-Main
Neues Verfahren im Fall Gustl Mollath

Vor dem Landgericht Regensburg hat am Montag das Wiederaufnahmeverfahren im Fall Gustl Mollath begonnen. Mollath sieht sich als ein Justizopfer, das zu Unrecht in die Psychiatrie eingewiesen wurde. Mehr

07.07.2014, 15:32 Uhr | Politik
Psychiatrie Folgt auf Traumata die Sucht nach Essen?

Menschen, die in ihrem Leben psychische Traumata erlitten haben, neigen offenbar mehr als andere dazu, Stress mit suchtähnlichem Essverhalten zu begegnen. Das legt eine Studie mit fast 50.000 Frauen nahe. Mehr Von Christina Hucklenbroich

27.09.2014, 08:00 Uhr | Wissen
300 Meter senkrecht nach oben

Schon in wenigen Stunden soll der verletzte Höhlenforscher Johann Westhauser nach zwei Wochen wieder das Tageslicht erblicken. Auf einen Hubschraubertransport des Patienten auch bei Nacht sind die Einsatzkräfte laut eigenen Worten gut vorbereitet. Mehr

18.06.2014, 20:23 Uhr | Gesellschaft
Mein liebster Buchladen (5) Der Himmel von ’s-Hertogenbosch

Online bestellen geht schnell, aber beim Buchhändler spielt sich das wahre Literaturleben ab. Schriftsteller wissen das und stellen uns ihre Lieblingsbuchhandlung vor: Heute geht es in die Niederlande. Mehr Von Leon de Winter

25.09.2014, 16:46 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 09.08.2013, 16:09 Uhr