17.02.2012 · Mit ihrem Roman „Ab jetzt ist Ruhe“ fügt Marion Brasch der Reihe von ostdeutschen Familiengeschichten eine weitere Episode hinzu - als Kind der DDR-Nomenklatura.
Von Wiebke PorombkaWenn man es als traurigen Mythos erzählen wollte, könnte man sagen, dass im Leben der Familie Brasch, das mit der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts auf so fatale und schmerzliche Weise verstrickt war, kein Platz mehr war für das neue Jahrtausend. Bekannt geworden - indes zehn Jahre nach seinem Tod schon halb wieder vergessen, wie auch seine Bücher - ist vor allem Thomas Brasch, der 2001 starb, von Drogen und Alkohol und den zermürbenden, ein Jahrzehnt währenden Arbeiten an seinem heillosen Großprojekt über den Mädchenmörder Brunke gezeichnet.
Es wäre nicht ganz derselbe Mythos, wie er über seinen Mentor Heiner Müller erzählt wird, dem nach 1989 der oft beschworene Fels fehlte, an dem er sich brechen konnte, so dass er literarisch zunehmend verstummte. Aber es wäre ein ähnlicher, wenngleich der weitaus tragischere. Es ist schlussendlich nicht zu entscheiden, ob es das Verlassen der DDR im Jahr 1976 war, das nach einem kurzen und heftigen Höhenflug den künstlerischen und menschlichen Absturz von Brasch unumgänglich machte. Wahrscheinlicher aber ist, dass es die Versehrtheiten waren, die er als ältester Sohn des SED-Funktionärs und zeitweiligen stellvertretenden Ministers für Kultur, Horst Brasch, davontrug, von denen sich der 1945 Geborene nie mehr ganz erholen konnte. Vier Jahre im Drill einer Kadettenschule der Nationalen Volksarmee hatten den Jungen gequält. Als Dreiundzwanzigjähriger war er wegen des Verteilens staatsfeindlicher Flugblätter inhaftiert und gefoltert worden - verraten vom eigenen Vater, dem die Treue zum System über die Liebe zu seinem Sohn ging.
Thomas Brasch ist nicht der einzige der drei Brasch-Brüder, der ein frühes und tragisches Ende nahm und an den Auswüchsen des Systems zerbrach: Sein jüngerer Bruder, der Schauspieler Klaus Brasch, starb nicht einmal dreißigjährig an einer Überdosis Alkohol und Tabletten, der gemeinsame Bruder Peter, ebenfalls Schriftsteller, wurde wenige Monate vor Thomas tot in seiner Wohnung gefunden.
Auch die Biographie des Vaters ist nicht frei von Verheerungen. Wegen seiner jüdischen Herkunft war Horst Brasch während der NS-Diktatur nach England emigriert, verschrieb sich dort dem Sozialismus und übersiedelte 1946 in die DDR. Sein Aufstieg innerhalb der Nomenklatura wurde durch die Verhaftung seines ältesten Sohnes jäh gebremst. Seine Ideologie stellte er deshalb aber nicht in Frage. Horst Brasch starb im Sommer 1989, kurz bevor seine Ideale endgültig zu Grabe getragen wurden. Seine Frau, die sich widerstrebend der Karriere ihres Mannes beugte, war da bereits seit vierzehn Jahren tot.
Den Weg ins 21. Jahrhundert gefunden hat nur eine: Marion Brasch, Jahrgang 1961, die jüngste Tochter. Nicht nur der Altersabstand trennt die heute als Radiomoderatorin arbeitende Brasch von ihren Brüdern - sechzehn Jahre jünger als Thomas Brasch, sechs Jahre jünger als der jüngste der Brüder - sondern vor allem, dass sie, anders als die Brüder, weder gegen das System noch gegen seine Auswüchse ins Innenleben der Familie rebellierte. Marion Brasch ist nicht nur in der DDR geblieben. Sie ist, ihrem Vater zuliebe, sogar in die SED eingetreten. Man möchte sich tunlichst hüten, hier ein einfaches Kausalitätsverhältnis auszumachen, und doch grundiert den Roman, den Brasch nun schon im Untertitel ihrer „fabelhaften Familie“ gewidmet hat, unweigerlich die Frage nach den Möglichkeiten des richtigen Lebens und des Überlebens im falschen.
„Ab jetzt ist Ruhe“, der Titel des Romans, rekurriert nicht nur auf ein Ins-Bett-bring-Ritual aus Kinderzeiten. In diesem Kontext erscheint er auch wie ein Stoßseufzer der Erleichterung. Erleichterung darüber, dass die Geschichte, auch wenn sie erzählt wird, in Frieden ruhen darf. Nicht nur die Geschichte der Familie Brasch, sondern mit ihr die Geschichte des sozialistischen Regimes.
Darin mag Braschs Roman dem ersten Anschein nach eine gewisse Ähnlichkeit mit Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ haben, der ebenfalls die Geschichte der DDR-Nomenklatura nicht als Abrechnung schildert, sondern als Rekonstruktion einer Familiengeschichte, die untrennbar mit der größeren politischen Geschichte verbunden ist. Damit haben sich die Ähnlichkeiten allerdings auch. Denn während Ruge, wenngleich ihm etwas Versöhnliches eigen ist, eine kritische Archäologie betreibt, beharrt Brasch fast durchweg auf der Perspektive der kleinen, mithin entsprechend naiven Schwester. Heiner Müller ist bei ihr nur der „Dichter mit der weiten Stirn“, Biermann der Sänger mit dem Schnauzbart. Wenn der Vater seinen Wandel vom katholischen Juden zum Kommunisten erzählt, hat die Siebenjährige ganz andere Sorgen: „Papa, ich muss mal!“
Anders als Julia Franck oder Angelika Klüssendorf, die jüngst Kindheiten in der DDR als unfassbar brutale, albtraumhafte und doch wohl nur zu wahre Anti-Idyllen erzählten, hat Marion Brasch den unbedingten und zuweilen irritierenden Willen zum Unbeschwerten. Die Verhaftung von Thomas Brasch etwa, die den Konflikt zwischen Vater und Sohn in seiner ganzen, fast antiken Tragik spiegelt, wird in einer Beiläufigkeit gestreift, wie sie einer Siebenjährigen entsprechen mag, die weder das Schicksal des Bruders in seiner ganzen Tragweite erfassen noch ein Bewusstsein für die Schuld des Vater und dessen sicher nicht zu unterschätzende Zerrissenheit zwischen Ideologie und Sohnesliebe haben kann.
Auch jenseits dieser scharfen politischen Einschnitte erzählt Marion Brasch ihr durchaus privilegiertes Leben im Osten mit einer Mischung aus Trotz und Ratlosigkeit. Wenn sie als junge Frau, ermöglicht durch die Position des Vaters, nach Amerika reisen darf oder in der ersten eigenen Wohnung sofort einen Telefonanschluss bekommt, dann nimmt sie diese Vorzüge gern an und ist ebenso gekränkt wie überrascht, als sie aus ihrem Umfeld dafür Anfeindungen erntet.
Die Fallhöhe zwischen dem, was Marion Brasch hier mit erstaunlicher Leichtigkeit beschreibt und der tatsächlichen Geschichte, mag dem umso bitterer aufstoßen, der die Geschichte kennt. Gerade darin, dass eine nachträgliche Reflexion und Analyse ausbleibt, liegt die grausame Wahrheit dieses Buches, das eben in diesem Behaupten von Alltäglichkeit sehr viel erzählt über das Leben nicht nur in Diktaturen, sondern auch über die Dynamiken von Familienkonflikten. Als Thomas als letzter Verbliebene ihrer Familie im November 2001 starb, erzählt Marion Brasch, habe sie ihre Freunde angerufen, man habe „Mensch ärgere dich nicht“ gespielt, sie habe sich in eine „weiche Abwesenheit“ gelacht und geweint. „Für einen Augenblick dachte ich“, heißt es weiter, „ich müsste mich dafür schämen. Doch ich schämte mich nicht.“
Was Marion Brasch mit ihrem Roman einfordert, ist das Recht auf eine eigene Geschichte jenseits der großen Geschichte, von einer Adoleszenz in einem untergehenden System. Von Normalität jenseits des Katastrophischen. Das ist legitim, bleibt aber fragwürdig. In diesem Fall allerdings erscheint es wie eine Überlebensstrategie, um im Mythos dieser Familie nicht gänzlich zu verschwinden. Dass der Nachvollzug ihres Lebens bisweilen notathaft erscheint, um Vollständigkeit bemüht, und deshalb immer wieder auch Episoden erzählt werden, die dramaturgisch kaum sinnstiftend sind, liegt in der Natur dieser Sache. Als große Literatur versteht sich dieser in heiterem Plauderton verfasste Roman auch selbst nicht.
Symptomatisch lesen kann man mit Blick auf Marion Brasch ein anderes als Roman daherkommendes, aber umso mehr mit den Reizen des Authentischen klapperndes Buch über die Brasch-Familie, das im letzten Herbst, pünktlich zum zehnjährigen Todestag von Thomas Brasch, im Arche Verlag erschienen ist. „Kinder der Preußischen Wüste“ des Dramatikers und selbsterklärten besten Brasch-Freundes Klaus Pohl ist sowohl, was den Gestus betrifft, der von der Eitelkeit der Mittelmäßigen durchzogen ist, als auch, was seine literarische Qualität angeht, nicht nur misslungen, sondern derart ärgerlich, dass es an dieser Stelle nur aus einem Grund überhaupt der Erwähnung wert ist: Marion Brasch kommt in diesem enervierend langatmigen, bis in alle Nebenakteure ausbuchstabierten, von falschem Pathos durchzogenen Buch nicht einmal vor. Wohl nicht zuletzt deshalb hat sie ihre eigene Geschichte schreiben müssen.