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Marion Brasch: Ab jetzt ist Ruhe : Vor der Tochter sterben die Söhne

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Bild: S. Fischer Verlag

Mit ihrem Roman „Ab jetzt ist Ruhe“ fügt Marion Brasch der Reihe von ostdeutschen Familiengeschichten eine weitere Episode hinzu - als Kind der DDR-Nomenklatura.

          Wenn man es als traurigen Mythos erzählen wollte, könnte man sagen, dass im Leben der Familie Brasch, das mit der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts auf so fatale und schmerzliche Weise verstrickt war, kein Platz mehr war für das neue Jahrtausend. Bekannt geworden - indes zehn Jahre nach seinem Tod schon halb wieder vergessen, wie auch seine Bücher - ist vor allem Thomas Brasch, der 2001 starb, von Drogen und Alkohol und den zermürbenden, ein Jahrzehnt währenden Arbeiten an seinem heillosen Großprojekt über den Mädchenmörder Brunke gezeichnet.

          Es wäre nicht ganz derselbe Mythos, wie er über seinen Mentor Heiner Müller erzählt wird, dem nach 1989 der oft beschworene Fels fehlte, an dem er sich brechen konnte, so dass er literarisch zunehmend verstummte. Aber es wäre ein ähnlicher, wenngleich der weitaus tragischere. Es ist schlussendlich nicht zu entscheiden, ob es das Verlassen der DDR im Jahr 1976 war, das nach einem kurzen und heftigen Höhenflug den künstlerischen und menschlichen Absturz von Brasch unumgänglich machte. Wahrscheinlicher aber ist, dass es die Versehrtheiten waren, die er als ältester Sohn des SED-Funktionärs und zeitweiligen stellvertretenden Ministers für Kultur, Horst Brasch, davontrug, von denen sich der 1945 Geborene nie mehr ganz erholen konnte. Vier Jahre im Drill einer Kadettenschule der Nationalen Volksarmee hatten den Jungen gequält. Als Dreiundzwanzigjähriger war er wegen des Verteilens staatsfeindlicher Flugblätter inhaftiert und gefoltert worden - verraten vom eigenen Vater, dem die Treue zum System über die Liebe zu seinem Sohn ging.

          Vor simplem Kausalitätsdenken sollte man sich hier hüten

          Thomas Brasch ist nicht der einzige der drei Brasch-Brüder, der ein frühes und tragisches Ende nahm und an den Auswüchsen des Systems zerbrach: Sein jüngerer Bruder, der Schauspieler Klaus Brasch, starb nicht einmal dreißigjährig an einer Überdosis Alkohol und Tabletten, der gemeinsame Bruder Peter, ebenfalls Schriftsteller, wurde wenige Monate vor Thomas tot in seiner Wohnung gefunden.

          Auch die Biographie des Vaters ist nicht frei von Verheerungen. Wegen seiner jüdischen Herkunft war Horst Brasch während der NS-Diktatur nach England emigriert, verschrieb sich dort dem Sozialismus und übersiedelte 1946 in die DDR. Sein Aufstieg innerhalb der Nomenklatura wurde durch die Verhaftung seines ältesten Sohnes jäh gebremst. Seine Ideologie stellte er deshalb aber nicht in Frage. Horst Brasch starb im Sommer 1989, kurz bevor seine Ideale endgültig zu Grabe getragen wurden. Seine Frau, die sich widerstrebend der Karriere ihres Mannes beugte, war da bereits seit vierzehn Jahren tot.

          Den Weg ins 21. Jahrhundert gefunden hat nur eine: Marion Brasch, Jahrgang 1961, die jüngste Tochter. Nicht nur der Altersabstand trennt die heute als Radiomoderatorin arbeitende Brasch von ihren Brüdern - sechzehn Jahre jünger als Thomas Brasch, sechs Jahre jünger als der jüngste der Brüder - sondern vor allem, dass sie, anders als die Brüder, weder gegen das System noch gegen seine Auswüchse ins Innenleben der Familie rebellierte. Marion Brasch ist nicht nur in der DDR geblieben. Sie ist, ihrem Vater zuliebe, sogar in die SED eingetreten. Man möchte sich tunlichst hüten, hier ein einfaches Kausalitätsverhältnis auszumachen, und doch grundiert den Roman, den Brasch nun schon im Untertitel ihrer „fabelhaften Familie“ gewidmet hat, unweigerlich die Frage nach den Möglichkeiten des richtigen Lebens und des Überlebens im falschen.

          Ein irritierender Wille zum Unbeschwerten

          „Ab jetzt ist Ruhe“, der Titel des Romans, rekurriert nicht nur auf ein Ins-Bett-bring-Ritual aus Kinderzeiten. In diesem Kontext erscheint er auch wie ein Stoßseufzer der Erleichterung. Erleichterung darüber, dass die Geschichte, auch wenn sie erzählt wird, in Frieden ruhen darf. Nicht nur die Geschichte der Familie Brasch, sondern mit ihr die Geschichte des sozialistischen Regimes.

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