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Marina Colasantis Erinnerungen : Ruinen sind magisch, sagen die Kinder

Wo kein Hafen ist, ist hoffentlich kein Angriffsziel: In Porto San Giorgio wurden die Fischernetze noch im Krieg einfach an den Strand gezogen. Bild: Imago

Erschütterungen des Weltkriegs im Blick eines Mädchens mit Phantasie und Verstand: Die Dichterin Marina Colasanti erzählt aus ihrer italienischen Kindheit in den vierziger Jahren.

          Sollten sie sterben, dann jedenfalls nicht wie die Mäuse. Es war Vater Manfredo, der für die Familie entschieden hatte, bei Bombenalarm nicht in den Luftschutzkeller zu gehen, sondern in der dunklen Wohnung zu bleiben, jener „Insel nutzlosen Wertes inmitten der leeren Stadt“ Como - in der Sorge, ein einziger Treffer könnte dafür sorgen, dass die unter der Oberfläche des nahen Sees gelegenen Keller mit Wasser volllaufen könnten und alle Schutzsuchenden ertränken.

          Es ist eine der seltenen Ansagen des Vaters in Marina Colasantis Erinnerungsbuch „Mein fremder Krieg“. 1937 in der damaligen italienischen Kolonie Eritrea geboren, war die Autorin noch keine drei Jahre alt, als sie mit Bruder und Mutter wenige Tage vor dem Kriegseintritt des Mutterlandes im Wasserflugzeug nach Italien aufbrechen und den Vater fürs Erste in Afrika zurücklassen muss. Und als das Trio 230 Seiten später, Jahre nach Ende des Kriegs und am Ende des Buchs, abermals ein Flugzeug besteigt für einen Neuanfang, ist der Vater schon lange in Rio de Janeiro, um dort alles für die Ankunft der Familie vorzubereiten.

          Drei Wege der Erinnerung

          Es sind acht Jahre der Unbeständigkeit, aus denen die in ihrer neuen Heimat Brasilien als Dichterin bekannt gewordene Autorin erzählt, Jahre, in denen die Familie den Krieg aus unterschiedlichen Blickwinkeln verfolgt: ob vom Fischerörtchen Porto San Giorgio an der Adria aus, so klein, dass es ohne eigenen Hafen bestimmt kein Angriffsziel und damit besonders sicher wäre, oder nahe der Schweizer Grenze, wo dem Mädchen klar wird, dass hier nur ein paar hundert Meter darüber entscheiden, ob sie der schreckliche Krieg überhaupt betrifft.

          Die Erzählerin wächst in dieser Zeit vom Kleinkind, dessen spätere Erinnerungen noch auf Fotos, Souvenirs oder die Erzählungen des älteren Bruders angewiesen sind, zum jungen Mädchen mit Phantasie, Eigensinn und Beobachtungsgabe heran. Colasanti verwebt die jederzeit abrufbaren Kindheitserinnerungen mit jenen, die ihr erst beim Betrachten von Familienerbstücken oder beim späteren Besuch in Italien kommen - mit einer Natürlichkeit, die diesem Buch eine erstaunliche Eleganz und Tiefe gibt. Anrührende Anekdoten und Beobachtungen machen es zum Lesevergnügen.

          Kein Festmahl aus der Notration

          Der Vater wird den Lesern als kriegsbegeisterter, überzeugter Faschist vorgestellt, ohne dass dieser Gesinnung im Buch weiter Gewicht gegeben würde. Im Gegenteil: Sie habe ihn immer nur als „fröhlichen und großzügigen Menschen von sprühender Vitalität, stets bereit zum Fest und zur Liebe“ erlebt, schreibt Marina Colasanti. Als sich Manfredo nach der Festnahme und Erschießung Mussolinis Ende April 1945 stellt, wird er nach Hause geschickt: „Wir haben hier Wichtigeres zu tun, als uns mit Ihrer Anständigkeit zu befassen“, bekommt er gesagt.

          Marina Colasanti: „Mein fremder Krieg“. Erinnerungen. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Markus Sahr. Weidle Verlag, Bonn 2016. 264 S., br., 20,- €.

          Wenige Tage später eine weitere Ansage des Vaters: Der seit Monaten für schlimmste Zeiten umsichtig angesparte Lebensmittelvorrat sei nicht mehr vonnöten, man könne ein Festessen veranstalten. Doch das ersehnte Schlemmerpicknick kommt nicht zustande, weil von den Milchpulverpackungen nurmehr der Karton übrig ist: den Inhalt, aus kleinsten Löchern herausrinnend, haben die Kinder längst aufgeleckt. Der Honig ist hart geworden, die Bonbons sind geschmolzen, und der Schinken, das Allerheiligste, ist Maden zum Opfer gefallen. Was für ein Glück, dass die Familie jetzt, da die größte Not vorbei ist, darüber lachen kann!

          Nicht unbeschadet durch den Krieg gekommen

          Not macht erfinderisch. Und manche Erfindungen haben ihre Tücken. Marina Colasanti erzählt von der Blüte der Angorawolle, weil die Schafwolle für die winterliche Ausstattung der Soldaten gebraucht wird: Zu den Eigenschaften des Kaninchenhaars gehörte, dass die Strickpullover, so flauschig sie auch waren, in kurzer Zeit ihre Form verloren haben. Die Rationierung von Lebensmitteln und Seide, Leder, Wolle bleibt das deutlichste Zeichen des Kriegs, bis die Familie an der Schweizer Grenze landet, die Bomber kommen und die Partisanen nachts ums Haus schleichen.

          In der Nachkriegszeit, wieder in Porto San Giorgio, sind es die Explosionen draußen auf dem Meer, wenn wieder einmal ein Delfin gegen eine Mine gestoßen ist. Oder die Ruinen, in denen die Kinder den elterlichen Warnungen zum Trotz begeistert spielen: zugleich archäologische Orte und Gelände zum Bauen sind, voller Verlockung und Magie. So unbeschadet wie von den Eltern erhofft, als sie Porto San Giorgio ein erstes Mal als Station gewählt hatten, ist der kleine Küstenort nämlich doch nicht durch den Krieg gekommen.

          So unbekümmert wie ungeschönt

          Einmal wohnen sie gegenüber dem örtlichen Hauptquartier der Besatzer, in dessen Keller amerikanische Soldaten inhaftiert sind, die sich danebenbenommen haben. Prompt kommt es durch die vergitterten Fenster zum Tauschhandel mit den begeisterten Kindern, Wein gegen Kaugummi und Schokolade, bis schließlich der Kommandant an die Haustür klopft und die Sache auffliegt.

          Sicher macht es der kindliche Blick, vielleicht auch der interkontinentale Abstand der Autorin leicht, so unbekümmert und dabei wohl doch ungeschönt, ohne das Bedürfnis moralischer Stellungnahme über diese Zeit zu erzählen. Hierzulande über ein Land zu lesen, mit dem uns zeitgeschichtlich viel, aber eben auch manches nicht verbindet, ist eine Bereicherung.

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