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Marie NDiaye: Drei starke Frauen : Die Dämonen, die sie riefen

  • -Aktualisiert am

Bild: Suhrkamp

Auf dem Gipfel der französischen Gegenwartsliteratur: Marie NDiaye erzählt in „Drei starke Frauen“ von der weiblichen Fähigkeit, die Männer zu ertragen – und den Opfern, die sie dabei bringen.

          Es ist lange her, dass ein französischer Roman bei uns mit solcher Spannung, ja Vorfreude erwartet wurde wie dieser. Dabei ist der Prix Goncourt, die bekannteste literarische Auszeichnung unserer Nachbarn, mit der das Werk im vergangenen Jahr bedacht wurde, hier nur das Tüpfelchen unter dem Ausrufezeichen. Seine Verfasserin Marie NDiaye gehört mit gerade mal Anfang vierzig zu den produktivsten (neben einem knappen Dutzend Romanen und Erzählungen hat sie mehrere Theaterstücke veröffentlicht), politisch wie literaturpolitisch freimütigsten (die Immigrationspolitik des von ihr verachteten Premiers Sarkozy bezeichnete sie in einem vielzitierten Interview als „monströs“, und auch manche Autorenkollegin hat schon die Wucht ihres deutlichen Urteils zu spüren bekommen), stilistisch und auch ihrer Erscheinung nach (der Vater stammt aus dem Senegal) zu den auffälligsten Schriftstellerinnen ihres Landes. Marie NDiaye fällt auf, von der ungewöhnlichen Schreibweise ihres Namens bis zum eigenwilligen Stil ihrer Prosa, deren formale Strenge ausgerechnet in dauernden Hypotaxen (ihr Roman „Comédie classique“ bestand aus einem einzigen Satz) eine konsequente Entsprechung findet. Seit 2007 lebt sie mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Jean-Yves Cendrey, und ihren drei Kindern in Berlin – der Umzug war ihr entschiedenster Kommentar zur Ära Sarkozy.

          In dieser Woche nun ist Marie NDiayes „Trois femmes puissantes“ in deutscher Übersetzung erschienen; allenthalben erscheinen glühende Porträts und Rezensionen, schon führt das Werk die Empfehlungslisten der Kritiker an. Doch leider ist der gefeierte Roman „Drei starke Frauen“ weder ein Roman noch ein Meisterwerk. Das Buch versammelt drei eigenständige, dabei natürlich subtil miteinander verbundene Erzählungen über Frauen zwischen Afrika und Europa, deren mittlere mit hundertsechzig Seiten fast Romanstärke hat. Erzählt wird, der programmatische Titel „Drei starke Frauen“ verrät es, von lauter schwachen Männern, von Männern zudem, die ihre Schwäche mit aller Gewalt zu kaschieren suchen.

          Ein Patriarch kennt keinen Schmerz

          Da ist zunächst der Vater von Norah, „ein unerbittlicher, fürchterlicher Mann“, der „weder Mitleid noch Reue“ kennt, ein Patriarch, dessen Körpermasse alle anderen an die Wand zu drängen scheint, vor dessen schierem Blick sich seine Kinder „im Innersten ihres Wesens zusammenrollen“. Nach der lange zurückliegenden Trennung von Norahs Mutter hat er die beiden Töchter ohne Bedauern mit ihr fortgehen lassen, während er den Sohn Sony, das jüngste, gewandteste und hellhäutig-hübscheste seiner Kinder, bei sich in Dakar behielt. Viele Jahre später beordert der Vater Norah zu sich, denn sie ist mittlerweile Anwältin und Sony ist im Gefängnis: Er soll seine junge Stiefmutter, mit der er eine Liebesaffäre hatte, erwürgt haben. Norah ist angewidert von ihrem Vater, den in seiner Apathie nichts Menschliches zu erreichen scheint, und von der Atmosphäre in seinem Haus bis ins Mark ihrer eigenen Mutterliebe erschüttert. Doch anstatt dem väterlichen Koloss den Rücken zu kehren, Sony seinem Schicksal zu überlassen und ihr Leben weiterzuleben, überlässt sie ihre kleine Tochter immer mehr und immer leichter der Obhut ihres Lebensgefährten Jakob, der sich Norah seinerseits mit dem parasitären Instinkt des schwachen Mannes als Wirt auserkoren zu haben scheint.

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