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Veröffentlicht: 05.03.2014, 15:48 Uhr

Atwoods „Geschichte von Zeb“ Dem Elfenbeinspecht machen wir nichts vor

Margaret Atwood schließt mit „Die Geschichte von Zeb“ ihre sozialkritische Science-Fiction-Trilogie ab. Darf man froh sein, dass es nun vorbei ist?

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© Berlin Verlag Margaret Atwood: „Die Geschichte von Zeb“. Roman. Aus dem Englischen von Monika Schmalz. Berlin Verlag, Berlin 2014. 480 S., geb., 22,99 €.

Sie sei Kanadas berühmteste Schriftstellerin, Herrin der Wildnis, Magierin des Nordens und eine Daueranwärterin auf den Literaturnobelpreis, heißt es, wenn von Margaret Atwood die Rede ist. Sie sei „die stille Mata Hari“, eine mysteriöse und stürmische Gestalt, die sich der allzu geordneten Welt wie eine Brandstifterin entgegenstelle, sagt ihr kanadischer Kollege Michael Ondaatje. Sie schreibe witzig und schlau, liest man über sie. Und so könnten die Erwartungen nicht größer sein, als ich ihr neuestes Werk, „Die Geschichte von Zeb“, in die Hand nehme, um zum ersten Mal ein Buch jener inzwischen vierundsiebzig Jahre alten Dame zu lesen, die mit einer Mischung aus Verschmitztheit und Überheblichkeit auf Autorenfotos immer so entwaffnend lächelt. Dass sie aus der Wildnis kommt, ihre Kindheit in der Waldinsekten-Forschungsstation ihres Vaters verbracht hat, auf einer Insel in einem See in Québec, ohne Strom, ohne Telefon, ohne Radio, interessiert mich am meisten. Wer die Wildnis kennt, muss einen besonderen Blick auf die Menschheit haben, denke ich. Doch die Lektüre wird zur schlimmen Enttäuschung.

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Das hat zunächst damit zu tun, dass es für jemanden, der Atwoods Bücher nicht kennt, kaum möglich ist, in das neue hineinzufinden: „Die Geschichte von Zeb“ ist der dritte Teil ihrer „MaddAddam“-Trilogie, deren erste Bände „Oryx und Crake“ und „Das Jahr der Flut“ hießen, beides Bestseller. Margaret Atwood hat sehr viele Fans. Auf den ersten Seiten des neuen Buches wird zusammengefasst, „was bisher geschah“. In „Oryx und Crake“ kamen Klimakatastrophe, Auslöschung der Menschheit und die schöne neue Klonwelt einer gentechnisch manipulierten Spezies zusammen: „Zu Beginn der Geschichte lebt Schneemensch auf einem Baum an der Küste. Er hält sich für den letzten Überlebenden, nachdem eine tödliche Pandemie über die Erde hinweggefegt ist. In der Nähe leben die Craker, eine friedliebende, durch Biotechnik erzeugte Spezies, das Werk des genialen Crake. Crake war der beste Freund von Schneemensch und sein Rivale um die Gunst seiner Geliebten, der rätselhaften Oryx.“

Nicht-Atwood-Leser werden alleingelassen

„Das Jahr der Flut“ dagegen erzählte zur selben Zeit die Geschichte einer Ökosekte, den „Gottesgärtnern“, deren Mitglieder davon ausgehen, dass genetische und klimatische Veränderungen sich massiv aufs Zusammenleben der Menschen auswirken. Unter ihnen: Zeb und (heimlich in Zeb verliebt) Toby, die von den Gottesgärtnern aus den Händen des brutalen Painballers Blanco befreit wurde. Und schon ist man mittendrin im komischen Kosmos. Es geht los mit fantasyhaften Gestalten, die kennenzulernen man gar keine Zeit hat: Nashorn, Shackleton, Katuro, Rebecca, Elfenbeinspecht, Swift-Fuchs, Beluga, Manatee, Crozier, Ren, Lotis, Blue und Amanda. Wo, um Himmels willen, bin ich hier gelandet?

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Man könnte natürlich einwenden, dass die Kenntnis der ersten beiden Bände Voraussetzung ist, um diesen dritten zu verstehen. Doch handelt es sich nicht um einen dreibändigen Roman, sondern um eine Trilogie, ein inhaltlich zusammengehörendes Werk also, das aus drei Teilen besteht, die einen gemeinsamen Rahmen haben, normalerweise jedoch jeweils in sich abgeschlossen sind. Für „Die Geschichte von Zeb“ trifft das nicht zu. Ohne die kursorischen „Was bisher geschah“-Bemerkungen zu Beginn wäre es für uneingeweihte Leser überhaupt nicht zugänglich. So wundert man sich, dass nicht mal der Verlag eingreift und uns mit einem Vorwort zu Hilfe eilt. Er lässt den Nicht-Atwood-Leser völlig allein.

Liebe ist möglich

So versuche ich mich durchzuschlagen durch Atwoods postapokalyptisches Dickicht und werde dabei vor allem von ihren mutierten Tieren und Fabelwesen in disziplinloser Ausführlichkeit zugequasselt. In einem Lehmhaus, das früher einmal Partyveranstaltungsort war, haben die Überlebenden der alles auslöschenden Flut zusammengefunden. Ein Refugium, das fernab der Trümmer der Stadt liegt, der menschenleeren Straßen und plötzlichen Kabelbrände. Hier erheben sich die ehemaligen Gottesgärtnerinnen Toby und Zeb gegen die Gefahren der entvölkerten anarchischen Welt und erzählen Geschichten von früher, mit denen Margaret Atwood offenbar die Erzähllücken der früheren Bände füllt. Es geht um die Frage, wie sich eine bessere Zivilisation in der Asche der zerstörten errichten lässt. Gibt es Hoffnung, dass die neue Spezies besser sein könnte als der Homo sapiens? Und es geht um eine Metaerzählung, ums Geschichtenerzählen: „Es gibt die Geschichte, dann gibt es die wahre Geschichte, und dann gibt es die Geschichte, wie es zum Erzählen der Geschichte kam. Dann gibt es noch das, was man weglässt. Und auch das gehört zu der Geschichte.“ Das klingt komplizierter, als es ist. Eigentlich ein in der Literatur völlig selbstverständlicher Gedanke.

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Sie schreibe keine Science-Fiction, sondern „spekulative Fiktion“, die wirklich geschehen könne, hat die Autorin behauptet, die Gesellschaft, die sie beschreibe, sei nicht sehr weit von unseren heutigen Verhältnissen entfernt, wo man Regierungen und große Konzerne nur schwer unterscheiden könne. So nutzt sie ihre grotesken Entwürfe für eine Gegenwartskritik, die im Grunde aber wenig Überraschungen birgt. Atwoods Trilogie endet versöhnlich. Liebe ist möglich. Die in den Laboren hergestellte neue Spezies, in „Oryx und Crake“ noch der Gegner, wird zur größten Hoffnung. Ich könnte, denke ich, jetzt natürlich von vorn anfangen, beim Weltuntergang, um nachzuholen, was mir entgangen ist. Doch ich bin einfach nur froh, dass es vorbei ist.

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