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Mareike Krügels Roman : Schreibt Geld gute Bücher?

Auf Mareike Krügel hält ihr Verlag große Stücke – und ließ sich ihr Manuskript was kosten. Bild: Peter von Felbert

Mareike Krügels vierter Roman ist mit großer Spannung erwartet worden: Ihr neuer Verlag hofft auf einen Bestseller und hat dafür entsprechend bezahlt. „Sieh mich an“ will nun alles richtig machen.

          Eine noch nicht sehr alte Fußballweisheit verkündet: Geld schießt keine Tore. Aufs Verlagswesen übertragen, könnte sie lauten: Geld schreibt keine guten Bücher. Natürlich ist das im einen wie im anderen Fall in dieser Ausschließlichkeit falsch: Geld – sprich: hohe Ablösesummen für Spieler oder hohe Vorschüsse für Autoren – kann durchaus die Voraussetzungen für Erfolg schaffen. Allerdings ist es in beiden Fällen keine Gewähr dafür. Und was ist überhaupt Erfolg? Trotz vieler eigener Tore kann ein Fußballspiel verlorengehen. Und ein gutes Buch verkauft sich nicht notwendig auch gut.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Warum diese Präliminarien? Weil allgemein bekannt ist, dass Mareike Krügels Roman „Sieh mich an“ ihren neuen Verlag eine Stange Geld gekostet hat; die Konkurrenz, die ihn auch gerne gehabt hätte, spricht von einer sechsstelligen Summe. Das wäre ein erstaunlicher Vorschuss für eine deutsche Autorin, die bislang von der Kritik anerkannt, aber beim breiten Publikum noch nicht sehr bekannt war, obwohl die heute Vierzigjährige seit 2003 bereits drei Romane veröffentlicht hat, zuerst bei Steidl, dann bei Schöffling. Nach dem dritten ließ sie sich viel Zeit, sieben Jahre, und nun ist „Sieh mich an“ als Spitzentitel bei Piper erschienen. Die Neugier ist groß.

          Aus dem Gröbsten raus

          Krügel wählt als Schauplatz einmal mehr ihre Heimatstadt Kiel (wobei diesmal auch Lübeck eine gewisse Rolle spielt). Dort lebt Katharina Theodoroulakis, die sich als Musiklehrerin für kleine Kinder verdingt und mit dem griechischstämmigen Architekten Costas verheiratet ist, den es der Karriere halber unter der Woche nach Berlin verschlägt, wo er in einem großen Büro arbeitet. Zwei eigene Kinder sind da: der siebzehnjährige Alex, die elfjährige Helena. Man könnte meinen, Katharina wäre als Mutter aus dem Gröbsten heraus, aber das stimmt nicht. Was sie während ihrer Schwangerschaften erlebte, schildert sie so: „In dieser Zeit fühlte ich mich wie ein Zombie, nicht zu Ende gestorben, und das Leben, das weiterging, erschien mir unmöglich zu bewältigen.“ Als der Roman einsetzt, hat sich daran wenig geändert.

          Katharina hat von ihrer Umgebung die unterschiedlichsten Rufnamen angehängt bekommen: Kath, Kathinka, Rina . . . Sie ist nicht auf einen Begriff zu bringen, und das empfindet sie selbst als Mangel. Definiert wird sie über andere. Mittels ständig aktualisierter Listen versucht sie, ihrem Leben Struktur zu geben, aber das Leben will nicht so, wie sie es will.

          Ein Frauenroman also? Das wäre ein albernes Etikett, das Mareike Krügel schon oft umgehängt worden ist, aber immerhin eines, das – albern oder nicht – gute Verkaufszahlen verheißt. Was Katharina erlebt, ist zweifellos Alltag für viele Frauen; ob die darüber dann auch noch einen Roman lesen wollen, entscheidet sich an Form und Inhalt. Zur Form: „Sieh mich an“ ist geradeheraus erzählt, über einen einzigen Tag hinweg, aus Ich-Perspektive im derzeit in der deutschsprachigen Literatur nahezu unvermeidlichen Präsens. Man muss sich keine Sorgen machen, stilistisch herausgefordert zu werden. Aber irgendwo im Buch findet sich Katharinas aus hausfraulicher Erfahrung gewonnene Feststellung: „Jede Ordnung ist nur eine Oberfläche, schaut man darunter, entdeckt man Dreck und die Krümel. So gesehen ist das Chaos nichts Gefährliches, sondern die normalste Sache der Welt.“ Das gilt auch für den Roman.

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          Damit sind wir auf der inhaltlichen Ebene. In Katharinas Ehe kriselt es, die Tochter ist frühpubertär schwierig, und während der Abwesenheit von Costas hat sich ein seit langem nicht mehr gesehener Mitbewohner aus der Studentenzeit zu einem Besuch angesagt. So weit, so normal. Navid Kermani hat just ein solches Wiedersehen in seinem jüngsten Roman „Sozusagen Paris“ zum Thema gemacht, dort allerdings aus männlicher Ich-Perspektive. Krügels Schilderung zeigt, dass die Geschlechter über diese Konstellation exakt gleich denken und auch schreiben können. Allerdings löst sie die Situation ganz anders auf als Kermani.

          Traumatische Erinnerung

          Dazu braucht und nutzt Krügel das Chaos: Im Nachbarhaus etwa wohnt ein transsexuelles Paar mit mancherlei Marotten, darunter einem individuellen Gartenfimmel, der in eine schwere Verletzung mündet – und in einen bizarren Fund viel später im Buch. Katharina wiederum trägt nicht nur einen gravierenden medizinischen Befund mit sich herum, sondern auch eine traumatische Erinnerung. Und Costas hat just am Abend der Handlung in Berlin eine große bürointerne Feier anstehen, bei der die Gattin mit weiblichen Versuchungen rechnet. Irgendwann am Abend sind eine Hälfte des transsexuellen Nachbarpaars, Katharina und ihr Studienfreund dann gemeinsam auf dem Weg nach Berlin. Dort führt Mareike Krügel sie in eine meisterhaft inszenierte Konstellation, die leider in einem falschen Pathos endet, das alles wieder kaputt macht. Allerdings nicht die Ehe.

          Was fehlt diesem Buch? Soziologische Genauigkeit, psychologischer Tiefgang. Das also, was vor Jahren die erstaunlich ähnlich angelegten ersten beiden Romane von Anna Katharina Hahn, „Kürzere Tage“ und „Am Schwarzen Berg“, ausgezeichnet hat. Die wirken wie eine strukturelle Blaupause für „Sieh mich an“, aber die existentiellen Fragen, die Hahn offen gestellt hat, sind bei Mareike Krügel hinter entschieden zu viel Gewitzel und Gewimmel verborgen. Ihr Roman entwickelt keine individuelle Sprache und keine originelle Perspektive. Er lässt sich in einem Rutsch lesen und in einem Rutsch vergessen.

          Mareike Krügel: „Sieh mich an“. Roman. Piper Verlag, München 2017. 255 S., geb., 20,– €.

          Quelle: F.A.Z.

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