05.11.2010 · Malte Herwig hat Peter Handkes Biographie geschrieben. Er zeigt den berühmten und umstrittenen Schriftsteller wirkungsvoll als „Meister der Dämmerung“.
Von Felicitas von LovenbergBei Biographien lebender Künstler gibt es nur zwei Wege: den dafür und den dagegen. Im angelsächsischen Raum kennt man die „authorized biography“, also das erwünschte Bild, das unter Mitwirkung des Geschilderten entstanden ist und mit seiner ausdrücklichen Billigung unter die Leute gebracht wird, sowie ihr süffiges, enthüllungsgetriebenes, selbstredend unautorisiertes Gegenstück.
Just 2008, jenem Jahr, in dem Malte Herwig die Arbeit an seiner Handke-Biographie aufnahm, machte in der englischsprachigen Welt Patrick Frenchs V. S. Naipaul-Biographie „The World Is What It Is“ Furore. Über fünf Jahre hinweg hatte French Gespräche mit dem als schwierig geltenden Nobelpreisträger geführt und uneingeschränkten Zugang zu dessen Privatarchiv bekommen. Von Naipaul autorisiert, zeichnet die umfassende Biographie das ungeschönte Bild eines abstoßenden Narziss, der sich die Menschen unterwirft, und bizarr-genialen Autors, der Trinidad und Indien niedermacht, und doch schreibend von seinen Herkunftsländern nicht lassen kann. Keinen geringen Teil ihrer Spannung bezieht die hochintelligente Biographie aus der Frage, warum V. S. Naipaul bei der Entstehung dieses Porträts eines schlechten Menschen nicht nur mitgemacht hat, sondern ihm nach Fertigstellung sogar seinen Segen gab.
Eine Buhlschaft zwischen Maler und Modell
Über das Verhältnis zwischen Maler und Modell rätselt man auch bei der Lektüre von „Meister der Dämmerung“, der Handke-Biographie des achtunddreißigjährigen Journalisten und Literaturwissenschaftlers Malte Herwig, der sich im Vorwort als Betrachter von „treusorgender Ironie“ ausgibt, nah dran, doch unbeteiligt. Dass der Schriftsteller den Biographen in seiner Mission unterstützt hat, belegen zahlreiche Aussagen, zumal bei fünf über das vergangene Jahr verteilten Treffen, darunter eines in Handkes Kärtner Geburtsort Griffen und eines zusammen mit Luc Bondy in Paris. Handke hat Herwig Kontakte zu seinen Frauen und Freunden verschafft und ihm freien Zugang zu seinen Aufzeichnungen gewährt, auch zu den noch nicht im Vorlass in Marbach befindlichen Tagebüchern.
Eins ist sicher: Wer sich ausgerechnet Handke aussucht, diesen zutiefst zwiespältigen, mit sich selbst immer wieder zerfallenden Charakter, diesen Autor, der die Klarheit so sehr meidet wie er die Schönheit sucht, der die Medien leidenschaftlich hasst und dabei wahrscheinlich mehr Interviews gegeben hat als jeder andere deutschsprachige Autor, dessen frühe Werke, Auftritte und Manifestationen so legendär sind wie manche seiner späteren Bücher, Äußerungen und Aktionen umstritten, geht gleich mehrere Wagnisse auf einmal ein. Und die brennendste Frage, auf die man sich hier endlich eine Antwort erwartet, formuliert der Biograph selbst: „Warum stellt sich Handke ausgerechnet zu den vor aller Welt als Verbrecher dastehenden Serben?“
Grundspannung in die Wiege gelegt
Wirklich erklären kann Herwig Handkes Beweggründe nicht, aber der Beginn einer Antwort auf die vielen Rätsel, die Handke aufgibt, liegt in seiner Herkunft und Jugend. Malte Herwig lässt seine Biographie wie einen Roman beginnen, mit der von Dämonen und Höllenlärm begleiteten Geburt eines außergewöhnlichen Knaben am Abend des Nikolaustages 1942. Die Leute seien von der Straße gelaufen gekommen, um es zu bestaunen: „Welch Grazie! Welch Hoheit!“ Den Jungen, der auf den Namen eines Deutschen, des Berliner Unteroffiziers Adolf Bruno Handke getauft wird, der nicht sein Vater, aber kurz vor seiner Geburt der Ehemann der Mutter geworden ist, wird diese „Grundspannung“ ein Leben lang begleiten, bis in sein jüngstes Werk, das Familiendrama „Immer noch Sturm“ (Rezension unten auf dieser Seite). Der von Handke als Fluch empfundene Umstand, tatsächlich Sohn eines Deutschen zu sein, wird durch die Entdeckung wettgemacht, dass der von ihm verachtete Bruno Handke sein Stiefvater ist.
Peter Handke ist achtzehn, als sein Gefühl der Besonderheit, das ihm schon während der Schulzeit auf dem Marianum in Tanzenberg eignet, endlich eine Bestätigung jenseits der Noten erfährt: „Gott sei Dank, dass ich das einzige Kind meiner Eltern bin.“ Nachdem seine Mutter durch einen dringlichen Brief, den Herwig ausführlich zitiert, den Kontakt zu seinem leiblichen Vater Erich Schönemann hergestellt hat, schreibt der Sohn seinem neuen Vater noch vor der ersten Begegnung: „Mein lieber Vater! Jetzt hab' ich es also geschrieben. Ich bin so froh, nach nahezu neunzehn Jahren endlich jemanden zu haben, zu dem ich es sagen kann, ohne dass ich mich dazu zwingen muss . . .“ Nachdem er dem Vater Fragen über Fragen zu seiner Familie, seinem Wohnort, seinen Interessen gestellt hat, schreibt er: „Der ist aber neugierig, wirst Du sagen. Nein, eigentlich bin ich es sonst nicht, ich bin eher verschlossen, wie man so sagt (übrigens ein dummes Wort: ,verschlossen‘) - ich denke, ich bin zu 25 % nach Mama, zu 25 % (nach dem, was Mama mir über Dich erzählte) nach Dir, und die übrigen 50 % sind wohl neu, denke ich, vielleicht wirst Du sie kennenlernen (die 50 %); sie sind ein wenig außergewöhnlich, wenn ich so sagen darf, ohne eingebildet zu erscheinen, sogar seltsam.“Dies ist die zentrale Stelle der aufschlussreichsten Quelle zum Orakel Handke: er selbst, ganz unverstellt.
Bislang unbekannte Briefe nun öffentlicht
Diese intimen Einblicke in die „verlorene Kindheit“, aus der Handkes Erzählung, die immer eine Erzählung der Selbsterkundung ist, strömt. Immer wieder erlebt man diesen Peter Handke in den Briefen an seinen Vater Erich Schönemann, mit dem er bis zu dessen Tod 1993 in enger, meist schriftlicher Verbindung bleibt, und Malte Herwig zitiert klug und ausgiebig daraus. Die bislang unbekannten Briefe sind das Hauptereignis seines Buchs. Aufgetan hat sie der Biograph in Schleswig-Holstein bei Handkes fast gleichaltrigem Halbbruder Heinz, den der Schriftsteller indes erst beim Begräbnis des gemeinsamen Vaters kennenlernte.
Was die Briefe so ungeheuerlich, ja im Kontext dieser Biographie geradezu unheimlich macht, ist der offenkundige Wunsch des Sohns, dem Vater zu gefallen, ihn stolz zu machen - ein natürlicher Instinkt, der bei Handke ansonsten ausgeschaltet ist. Möglicherweise, so muss man nach dieser Lektüre vermuten, war sein Vater der einzige Mensch, um den sich Peter Handke je bemüht hat - allen anderen, Männern wie Frauen, gewährt er höchstens die Gunst seiner Aufmerksamkeit, und sei sie noch so gereizt.
Das Königsmotiv zieht sich durch das ganze Buch. „Arm von Geburt, wird er durch seinen Weltekel geadelt“, schreibt Herwig gleich im ersten Kapitel, und in fast allen Gesprächen, die er wiedergibt, blitzt die Beobachtung auf, dass „der Peter was Besseres war“, wie es Rosemarie, die Frau von Hans, Handkes Halbbruder mütterlicherseits, ausdrückt. Die Mutter Maria Siutz schreibt an Erich Schönemann, der gemeinsame Sohn, der „mit der Geißel der Klugheit geschlagen sei“, entlohne sie „mit seinem Dasein für alle Enttäuschungen und Mühsal“.
Beklemmende Dankbarkeit bei prominenten Freunden
Die Verehrung, Demut, ja Dankbarkeit, mit der sich frühere Geliebte und enge Freunde wie Hubert Burda oder Luc Bondy über Peter Handke äußern, hat etwas Beklemmendes - zumal Herwig keinen Zweifel daran lässt, dass der jugendliche Jähzorn, in dem der „Vorzugsschüler“ und „Kindkaiser“ den jüngeren Geschwistern „oft eine gedonnert“ hat, mit dem Alter nicht gewichen, sondern als „heiliger Zorn“lediglich subtilere Formen angenommen hat. „Von sich aus“ sei er nie gewalttätig geworden, erzählt die Schauspielerin Libgart Schwarz, Handkes erste Ehefrau, der er einmal schreibt: „Was ich verlange, ist nur ein freier Raum für mich, und dass Du mir erlaubst, Dich ein bisschen mir anzupassen.“
Was dem sich mit dem Regisseur John Ford identifizierenden, so gar nicht staatstragenden Cowboy-König indes lange Zeit fehlt, ist ein imaginäres Reich, durch das es sich immer wieder einsam stapfen lässt. Und es muss, soviel wird deutlich, ein dunkles Reich sein. Das Irrlicht Peter Handke erscheint wie eine Art umgekehrter Vampir, der in der Nacht zum Mensch wird: „Denn mit dem Morgen bricht für den Meister der Dämmerung die Stunde des Schreibens an“ - und damit der Verwandlung. Der „Übergang vom Traum zum Wachsein“ definiert Handkes Literatur, weil der Tag die Person vom Autor scheidet. Diese Beobachtung markiert gewissermaßen Anfang und Ende von Malte Herwigs Beschäftigung mit Handke. Als er in Marbach erstmals die Tagebücher Handkes einsah und seine Eindrücke im „Spiegel“ zusammenfasste, notierte er erstmals auch jenen wichtigen Satz Handkes: „Ich habe fast im Dunkeln zu schreiben angefangen, und jetzt sehe ich schon meine Buchstaben.“ Auch der Leser sieht seine Buchstaben, aber er kann sie auch nach dieser Biographie nicht immer entziffern.
Grobe Chronologie hektisch vorgetragen
Malte Herwig, in Harvard und Oxford im Mut zur Monumentalität und gegen akademische Puzzleleien geschult, weiß den gewaltigen Stoff spannend zu bündeln und formuliert glänzend, durchquert das Handkesche Zentralmassiv aber doch allzu sehr mit Siebenmeilenstiefeln - und folgt damit wohl eher unabsichtlich der Handkeschen Überlegung aus „Wunschloses Unglück“, dass mancher „sich eher mit Formulierungen identifizieren kann als mit bloß berichteten Tatsachen“. Die rasante Mischung von kapitelweise gesetzten Entwicklungsstufen und Themen, unterlegt mit grober Chronologie, kaschiert die selbstbewusst gesetzten Brüche, bei denen mitunter ein ganzes Jahrzehnt übersprungen wird.
Von einer so offensichtlichen Schwäche abgesehen wie jener, dass Herwig ausschließlich mit Handke-Freunden gesprochen zu haben scheint - Marcel Reich-Ranicki habe, so ist den Fußnoten zu entnehmen, ihn damit beschieden, dass er auch viel Positives zu Handke geschrieben habe -, bleibt in der Engführung, ja Überblendung von Person und Werk Handkes schriftstellerisches uvre letztlich unerschlossen, weil rein auf biographischen statt poetologischen Gehalt gemustert. Dieses Desinteresse an dem Schriftsteller gegenüber der Person Handke spiegelt sich auch in der Leerstelle Suhrkamp, Handkes publizistischer Heimat seit seinem Debüt 1965. Es gibt eine einzige Erwähnung eines Briefes von Ulla Unseld-Berkéwicz, aber keinerlei Hinweis darauf, dass Herwig mit nur einem Suhrkamp-Mitarbeiter über den Autor gesprochen hat, geschweige denn mit Handkes Lektor Raimund Fellinger, der den Autor 1996 bei seinem Treffen mit Serbenführer Radovan Karadi begleitet hat.
Das Geheimnis von Handkes Schreiben
Während Malte Herwig in den ersten, den besten Kapiteln seiner Biographie einen Chor der Stimmen zu orchestrieren versteht, verstummt dieser mit dem Fortschreiten des Buches, da Handkes rasender früher Erfolg von anschwellenden Kontroversen verdrängt wird. Immer stärker treten die Kommentare erklärter Handke-Freunde in den Vordergrund, entsteht das Bild eines Mannes, der keinen Dissens mit seinen Jüngern duldet, immer schwieriger und unverständlicher wird. In den Kapiteln „Jugoslawien“ und „Sturm“ gerät Herwig endgültig ins Schlittern - und macht sich die Haltung von Handkes Freunden zu eigen: „,Ich habe die Diskussion über die serbische Geschichte nicht völlig gemieden', erzählt Peter Stephan Jungk, ,das konnte man ja nicht. Aber ich habe sie nie weit getrieben, weil ich wusste, ich habe die Wahl: Das zu akzeptieren oder die Freundschaft zu verlieren.'“
Was bleibt, sind Teilerklärungen: Jugoslawien als Handkes „Schreibland“, ein mythisches Reich, das er nicht preisgeben kann; auf der kroatischen Insel Krk beendete der Student 1964 seinen Debütroman „Die Hornissen“. Immerhin: Das „Geheimnis von Handkes Schreiben“ wird zwischen den vielen Liebesgeschichten und Literaturskandalen doch gelüftet, es verbarg sich in „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ (1994). „Nur durch Verrat bleibt er sich treu“, lautet Herwigs Analyse.
Dem Verlag zufolge hat Peter Handke seine Zitate, nicht jedoch das Manuskript autorisiert. Eine Reaktion von ihm auf Malte Herwigs „Meister der Dämmerung“ ist bisher nicht überliefert. Vielleicht hält er es wie V. S. Naipaul, der sich mit Patrick Frenchs Werk einverstanden erklärte, es aber gar nicht erst las.
Felicitas von Lovenberg Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.
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