13.11.2009 · Die Macht des Zufalls anerkennen macht frei von Ideologie. Darum kreist das letzte Werk von Mahmoud Darwish, der Stimme Palästinas. Das jetzt in einer deutsch-arabischen Ausgabe erschienene Gedicht „Der Würfelspieler“ ist sein literarisches Testament.
Von Stefan WeidnerWas für ein Wurf! Ein Würfelwurf, kurz vor dem Tod im August vor einem Jahr, als könne der Dichter, mit etwas Glück, das Schicksal in Form seiner Herzkrankheit noch einmal in die Knie zwingen. Die Rede ist von Mahmoud Darwish, dem größten und beliebtesten arabischen Wortkünstler der Gegenwart, der literarischen Stimme Palästinas. Die Poesie des 1941 in Galiläa Geborenen hat unterschiedlichste Phasen durchlaufen, von sehr eingängigen, vielfach vertonten Texten in den sechziger Jahren zu hochkomplexen, mit Mythen und Symbolen aufgeladenen Wortgebilden in den achtziger und neunziger Jahren. Das jetzt in einer deutsch-arabischen Ausgabe erschienene Langgedicht „Der Würfelspieler“ vereint das Beste aus beiden Phasen. Es ist Darwishs literarisches Testament.
Man sollte wie die arabischen Leser zumindest eine Ahnung haben, wer dieses Gedicht geschrieben hat. Wenn man weiß, von wem sie kommen, sind gleich die ersten Zeilen ungeheuerlich: „Wer bin ich, euch zu sagen / Was ich euch sage? / (...) Ich bin ein Würfelspieler / Zuweilen gewinne, zuweilen verliere ich / Ich bin wie ihr / Oder ein bisschen weniger.“ Während in der klassischen arabischen Poesie bis weit in die Gegenwart der Dichter eine ausgezeichnete Position beansprucht und das dichterische Selbstlob eines der beliebtesten Genres ist, steigt ausgerechnet der größte palästinensische Dichter im letzten längeren Gedicht vor seinem Tod vom Podest herab, das ihm seine Fans errichtet haben.
Es geht um die letzten Dinge
Der Kenner freilich ahnt, dass im Hintergrund noch eine andere Stimme am Werk ist. Es geht um die letzten Dinge, und somit steht „Der Würfelspieler“ natürlich in der Tradition von Stéphane Mallarmés berühmten Gedicht „Un coup de dés“ („Ein Würfelwurf“), das hier durch die bewusst einfache arabische Sprache Darwishs gleichsam geerdet wird. Schließlich ist der Würfelspieler niemand anderes als ein (vor)islamischer Gott, das Schicksal, wie es schon in der vorislamischen Dichtung besungen wurde, auf die Darwish im Lauf des Textes ebenso anspielt wie auf den Koran, mit der Pointe, dass das Initiationserlebnis Mohammeds, die Begegnung mit dem Erzengel Gabriel, bei Darwish als Begegnung mit einer Fata Morgana erscheint, die ihn anspricht: „Lies!“ Aber was Mohammed dann liest, sind nicht, wie in der islamischen Überlieferung, die frühesten Worte des Korans, sondern nur: „Wasser, Wasser, Wasser!“
Man könnte das vierzigseitige Gedicht eine fiktive poetische Biographie nennen, die Suche des Dichters nach seiner Bestimmung und Identität in einer vom Zufall regierten und von Gott verlassenen Welt: „Wie leicht wäre es möglich, nicht zu sein!“ Der Zufall entpuppt sich überraschend als eine positive Kraft, die es möglich macht, die Historie anders zu denken. Dadurch werden all diejenigen Ideologen entlarvt, die der Geschichte einen tieferen Sinn zuweisen und ihren Verlauf als Bestätigung für ihr Weltbild und ihre Ansprüche nehmen - das im Heiligen Land und der Heimat Darwishs übliche Verfahren, einseitige Besitzansprüche geltend zu machen. Wäre der Würfel anders gefallen, hätte die Geschichte zugunsten der Palästinenser ausgehen können, nachträgliche Geschichtsdeutung ist Willkür: „Zufällig lebten Chronisten / Und zufällig sagten sie: / Hätten die anderen die anderen besiegt / Bekäme die Geschichte der Menschheit / Andere Überschriften.“
Die Doppeldeutigkeit der deutschen Fassung
Die persönliche Rückbindung zeitigt bewegende Momente, und auch hier ist es gut, wenn man die Biographie des schwer herzkranken Dichters kennt, der, ständig infarktgefährdet, dem Tod mehrfach von der Schippe gesprungen ist und schließlich doch bei einer Herzoperation starb: „Ich glaube an meine Begabung / Den Schmerz zu entdecken um zehn Minuten / Vorm Sterben den Arzt zu rufen (...) / Und das Nichts zu enttäuschen. / Wer bin ich, das Nichts zu enttäuschen? / Wer bin ich?“
Die einfache Sprache macht es dem Übersetzer nicht allzu schwer, aber man hätte sich ein gründlicheres Lektorat gewünscht. Der Verzicht auf die Zeichensetzung führt in der deutschen Fassung zu mancher Doppeldeutigkeit („ich sage nicht weit von hier sei“ wenn es heißen muss: ich sage nicht, weit von hier sei), und ein Satz wie „Weil tausende Soldaten starben dort“ klingt arg umgangssprachlich, zumal wenn es keine metrische Notwendigkeit gibt, die zur Umstellung des Verbs zwingen würde. Dennoch erschließt sich der Text dank des syrischstämmigen Leipziger Dichters Adel Karasholi auch in der deutschen Übersetzung. Ein einfühlsames Vorwort Karasholis, der mit Darwish gut befreundet war, rundet den Band ab.