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Lyrik im Phase-I-Test

27.10.2008 ·  Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift "Das Gedicht" hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, die Patientenversorgung in Deutschland zu verbessern, ohne das angeschlagene Gesundheitssystem mit zusätzlichen Kosten zu belasten. Auch bei nicht wegzudiskutierenden Gebrechen wie Lungenentzündung, Gicht oder ...

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Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift "Das Gedicht" hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, die Patientenversorgung in Deutschland zu verbessern, ohne das angeschlagene Gesundheitssystem mit zusätzlichen Kosten zu belasten. Auch bei nicht wegzudiskutierenden Gebrechen wie Lungenentzündung, Gicht oder schütterem Haar können "rezeptfreie Gedichte" helfen, indem sie "Heilungsprozesse aktiv begleiten", heißt es im Editorial. Eine Auswahl heilender Verse wird mitgeliefert. Folgender Reim soll etwa als "Heilzauber" bei Nasennebenhöhlenentzündung funktionieren: "nebenhöhlen vollgepfropft / kopf mit watte ausgestopft / watte ists die dir was sagt / die watte sagt dir guten tag / und denkt dabei nur sarg sarg sarg". Nun gilt unter Pharmazeuten und Ärzten der Leitsatz, dass ein Medikament, das keine Nebenwirkungen hat, auch keine Hauptwirkung hat. Deshalb kann man davon ausgehen, dass auch therapeutisch sinnvolle Lyrik nicht frei von Nebenwirkungen ist. Im Falle des oben zitierten Sinusitisreims wären beispielsweise Augenflimmern, Verwirrung und eventuell auch Stimmungsschwankungen nicht auszuschließen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) müsste Wirksamkeit, Unbedenklichkeit und Qualität der Gedichte prüfen, bevor es eine Zulassung erteilt. In diesem besonderen Fall wäre es sinnvoll, externe Fachleute aus der Germanistik hinzuzuziehen, dazu die üblichen Tests, zunächst an Labortieren, dann an gesunden und klinisch kranken Probanden. Bei besonders hochdosierter Lyrik wie dem "Zahnwehpamphlet" müsste geprüft werden, ob es unter das Betäubungsmittelgesetz fallen sollte: "wehohwehohwehohwehhhhh es ist ein kreuz ein marterkreuz das zahnwehkreuz das zahnweh weh oh weh". Angesichts der durchschnittlichen Kosten für die Zulassung jedes Medikamentes, sechzig Millionen Euro, wird sich dann aber die erwartete finanzielle Entlastung des Gesundheitssystems wohl doch nicht einstellen. ("Gefühlter Puls". Rezeptfreie Gedichte. Das Gedicht, Band 16. Anton G. Leitner Verlag, Weßling 2008. 167 S., br., 12,- [Euro].) huch

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.10.2008, Nr. 251 / Seite 34
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