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Luzius Keller (Hg.): Marcel Proust Enzyklopädie Tante Léonies rätselhafte Wirbel

11.12.2009 ·  Eine Schatzhöhle voller Proustiana: Die von Luzius Keller bearbeitete Proust-Enzyklopädie ist eine ebenso elegante wie immer wieder überraschende Summe der literaturwissenschaftlichen Forschung.

Von Helmut Mayer
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Im Januar 1914 schreibt André Gide einen Brief an Marcel Proust. Der erste Band von Prousts Roman war vor kurzem erschienen, und Gide bekennt, seit einigen Tagen sich von ihm gar nicht mehr losreißen zu können. Das ist der einfach anzubringende Teil seines Geständnisses. Der schwierigere besteht in der Erklärung, warum er als Spiritus Rector der „Nouvelle Revue Française“ (NRF) und ihres Verlags zwei Jahre zuvor das Manuskript abgelehnt hatte. Zumindest behauptet Gide, dass dieser „schwerwiegendste Irrtum der NRF“ vor allem ihm anzulasten sei. Obwohl die anderen Mitglieder des Comité de lecture seinerzeit vermutlich auch noch der Meinung waren, es bei diesem ersten Teil der „Recherche“ mit dem eher mäßig interessanten literarischen Versuch eines mondänen Autors zu tun zu haben. Noch die im selben Monat in der NRF erschienene Besprechung des Buchs, mit Henri-Léon Gheon einem aus dem innersten Zirkel der Revue übertragen, sieht darin ein „Werk der Muße“, ohne Logik, ohne Komposition, und weiß sich nur für die Schilderungen der Gesellschaft und eine neuartige Psychologie etwas zu erwärmen.

Gide dagegen bringt zum Zweck der Entlastung einen unglücklichen Zufall ins Spiel: Der habe es nämlich gewollt, so steht es in einer ersten Fassung seines Briefs, dass er das Typoskript aufgeschlagen und gleich über den einzigen Satz des Buchs gestolpert sei, den er auch jetzt noch nicht verstehe. Ein Satz nämlich, in dem von einer Stirn die Rede ist, auf der Wirbel durchschimmern. Die Stirn ist jene Tante Léonies, die dem jungen Erzähler „ihr trauriges, bleiches und schales Haupt“ zum Kuss darbietet, der Satz tatsächlich rätselhaft und die Tatsache bedauerlich, dass Gide ihn im letztlich abgeschickten Brief unerwähnt lässt. Denn dann hätten wir vermutlich von Proust selbst die Erklärung dieser merkwürdigen Wirbel bekommen, die Proustianer bis heute beschäftigen.

Virtuose der Terminologie

Weshalb man sich auch darüber nicht wundern darf, im „Dictionnaire Marcel Proust“, diesem vor fünf Jahren erschienenen Monument der Proust-Gelehrsamkeit, das nun tatsächlich auch auf Deutsch vorliegt, auf diese Wirbel zu stoßen. Obwohl sie dem Leser der deutschen Übersetzung der „Recherche“, wie man hinzufügen muss, gar nicht begegnen. Einer Entscheidung der französischen Editoren der Pléiade-Ausgabe folgend, wurden sie dort nämlich unter etwas gewagter Zuhilfenahme einer Typoskript-Korrektur Prousts beseitigt: So dass in dieser Passage statt ihrer, den „vertèbres“, der Stützreifen von Tante Léonies Perücke „wie die Spitzen einer Dornenkrone oder die Kügelchen eines Rosenkranzes“ durch die am Morgen noch nicht zurechtgemachten Haare hindurchschimmert.

Doch in der von Luzius Keller überarbeiteten deutschen Fassung des „Dictionnaire“ folgt dieser Geschichte unter „Wirbel II“ gleich eine der vielen Ergänzungen. Und dort setzt Keller, der als Herausgeber der „Frankfurter Ausgabe“ von Prousts Werken die irritierenden, in der Übersetzung von Eva Rechel-Mertens bereits zu „Knochen“ gewordenen Wirbel tilgte, die Letzteren nun doch wieder in ihr Recht ein. Ohnehin würde man sich wundern, wenn ein so gern und gekonnt mit medizinischer Terminologie sein Spiel treibender Autor wie Proust ausgerechnet in diesem Bereich danebengegriffen hätte.

Im Riesenbau der Details

Und das hat er wohl auch nicht, wie die Nathalie Mauriac Dyer zu dankende Nachforschung nach den „vertèbres“ in der schönen wie der naturwissenschaftlichen Literatur gezeigt hat: Einerseits lassen sich da selbst für die von Proust verwendete Verbindung von „Rosenkranz“ und „Wirbel“ Anbahnungen finden, andererseits wurde offensichtlich bis in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts noch auf die Ansicht Bezug genommen, dass die Schädelknochen Wirbeln entsprächen. Zwar wird man diese Vorstellung im Haus des renommierten Mediziners Adrien Proust kaum ernst genommen haben, aber das wiederum passt vorzüglich zu dem Umstand, dass sein Sohn für die Figur der Tante Léonie Elemente medizinischer Literatur – darunter wahrscheinlich auch Texte seines Vaters – in karikierender Absicht entwendete, so wie für andere Figuren der „Recherche“ auch.

Solchen Fragen also widmen sich hingebungsvolle Proustleser. Und sie tun gut daran. Denn wie anders käme man sonst zu einem so herrlich weitläufigen Riesenbau detail- und beziehungsreicher Ausführungen zu Prousts Texten und den mit ihnen verknüpften Wirklichkeitselementen aller Art, wie ihn diese „Enzyklopädie“ darstellt. Ein Bau, der zudem nicht darauf angelegt ist, bloß auf kurzen Wegen zu bestimmten Einträgen durchmessen zu werden. Schließlich kann man gar nicht ahnen, was alles sich hinter den Lemmata verbirgt. Denn die einzige Orientierung bietet, wie sich das für eine Enzyklopädie gehört, das Alphabet. Es lädt ein, sich aufs schönste zu verirren: den Faden der Lektüre irgendwo aufzunehmen und dann den sich ergebenden Winken zu anderen Einträgen zu folgen.

Tausendundein Verweis

Machen wir gleich einen von den Wirbeln ausgehenden Versuch. In Sachen medizinische Terminologie könnte man etwa zu den Artikeln über Adrien Proust, Medizin, Ärzte (I und II) oder Cottard blättern. Aber ein naheliegender Übergang ist natürlich auch der zu Tante Leónie, im Wortsinn der ruhende Pol der Haushaltung in Combray und eine im komischen Register angelegte Figur, der doch der Erzähler selbst später immer ähnlicher wird. Obwohl er sich redlich bemüht, das ihm von seiner Tante unvermutet zugefallene Erbe loszuwerden und – das berühmte Kanapee fürs Bordell – zu profanieren. Womit man über das Tafelservice mit Motiven aus Tausendundeiner Nacht zum Artikel über diese in der „Recherche“ immer wieder auftauchende Märchensammlung und dann etwa über das Stichwort Sésame zu Ruskin und seiner Bedeutung für Proust übergehen könnte. Sofern man nicht bei Ali Baba zu Venedig als Stadt des Orients abzweigt, was einerseits natürlich wieder zu Ruskin zurückverweist, aber sich ebenso gut als Absprung zu den kostbaren Roben von Fortuny und damit zu Albertine nützen lässt oder auch zu Tizian oder im Kontrastverfahren zur grässlichen, aber zur prosaischen Grundierung unerlässlichen Mme. Verdurin.

Und so geht es dahin auf unvorhersehbaren Wegen durch die in Hunderten von Lemmata ausgebreiteten Einsichten der Proust-Forschung. Sehr lohnend ist auch ein Ehrenparcours entlang der zahlreichen vom Herausgeber Luzius Keller neu geschriebenen Beiträge. Natürlich kann da im Ganzen genommen nicht alles so reizvoll intrikat ausfallen wie die Beiträge zu den Stirnwirbeln der Tante Léonie. Schließlich muss auch manches an Realien und Figuren einfach vorgestellt werden. Aber immer bleiben die schnörkellosen, oft auch in ihrer Knappheit durchaus eleganten Artikel nahe an Prousts Texten und Fragen ihrer Genese, Komposition und Deutung. Wozu auch die sich zwanglos ergebenden Verweise auf Entwürfe, erwogene Varianten der Komposition und nicht zuletzt die Briefe gehören. Kurz gefasst, nimmt sich überdies manche vorgestellte These aus der Proust-Literatur anregend aus, der man in ihrer akademischen Vollform nicht unbedingt nähertreten würde.

Akademischer Nutzwert

Fast etwas merkwürdig ist, dass diese Proust-Summe in ihrer deutschen Fassung den trockenen Untertitel eines „Handbuchs zu Leben, Werk, Wirkung und Deutung“ bekommen hat. Zumal eine Enzyklopädie, wie immer man diese Steigerungsform des „Dictionnaire“ genauer verstehen möchte, kaum dem Orientierungsangebot eines Handbuchs gleichkommt. Im letzteren Fall denkt man eher an ein Werk wie das im Vergleich hausbackene „Marcel Proust Lexikon“ von Philippe Michel-Thiriet, das Anfang der neunziger Jahre auf Deutsch erschien. Offensichtlich wollte man aber die Eignung für die akademische Verwendung eigens unterstreichen. Die ist zwar gar nicht zweifelhaft, aber der Reiz dieses Bandes reicht weit über sie hinaus. Er lädt zu Erkundungen ein, die sich gar nicht unbedingt bestimmten vorgefassten Fragen und Überblicksabsichten verdanken müssen. Eher schon geht es darum, sich beim Blättern für andere Themen, Figuren oder auch etwas rätselhaft anmutende Lemmata – nach dem Beispiel der „Wirbel“ – ködern zu lassen; denn wer weiß schon gleich, was sich hinter Stichworten wie „Baum“, „Ermittlung“, „Geld“ oder auch „Zimmer 43“ verbirgt. Und vor allem Anregungen zu folgen, wieder zu den Texten von Proust selbst zurückzukehren und dann auch dort ins Blättern zu kommen.

Im Ganzen also – auch wenn naturgemäß nicht jeder Beitrag auf diesen mehr als tausend von Spezialisten wohlgefüllten Seiten von gleicher Anziehungs- und Überzeugungskraft sein kann und man sich sofort andere Stichworte auszudenken beginnt – ein willkommener Begleiter der Proust-Lektüre. Oder um bei Tausendundeiner Nacht und Ali Baba zu bleiben: eine Schatzhöhle, an der kein wirklich von Proust affizierter Leser einfach vorbeigehen sollte.

„Marcel Proust Enzyklopädie“. Handbuch zu Leben, Werk, Wirkung und Deutung. Herausgegeben von Luzius Keller. Aus dem Französischen von Luzius Keller und Melanie Walz. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2009. 1018 S., geb., 99,– €.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

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