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: Luxusgeschöpfe am Genfer See

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Mit "Memento mori" machte Muriel Spark sich vor fünfundvierzig Jahren einen Namen. Keiner ihrer gut zwei Dutzend folgenden Romane kam im Rang diesem Meisterwerk gleich, das in seiner Mischung aus schwarzem Humor und unerbittlich realistischer Beschreibung von Alter und Todesfurcht bis heute beeindruckt.

          Mit "Memento mori" machte Muriel Spark sich vor fünfundvierzig Jahren einen Namen. Keiner ihrer gut zwei Dutzend folgenden Romane kam im Rang diesem Meisterwerk gleich, das in seiner Mischung aus schwarzem Humor und unerbittlich realistischer Beschreibung von Alter und Todesfurcht bis heute beeindruckt. Doch alle ihre Bücher sind in diesem leichthändigen Stil geschrieben, alle brillieren mit Dialogen, denen man die Bühnenerfahrung ihrer Verfasserin anmerkt, und meistens enthalten sie auch noch ein Feuerwerk an intellektuellem Witz und Ironie. Erst den späten Veröffentlichungen fehlt es mitunter an diesem Glanz.

          "Der letzte Schliff", Muriel Sparks jüngster Roman, ist alles andere als schwergewichtig. Die Einfälle sind durchsichtig, die Handlung ziemlich dünn und konstruiert. Routine ersetzt Überraschungen - und dennoch entsteht eine Spannung bis zur letzten Seite. Der angekündigte Mord allerdings wird vermieden. Zurück bleibt ein Lächeln: Muriel Spark, die vielgerühmte "Dame of the British Empire", die jetzt in Roms katholischer Welt lebt, hat uns erneut gut unterhalten.

          "Als erstes müssen Sie den Schauplatz festlegen", rät der Lehrer seinen Schülern in einem Kurs für kreatives Schreiben. Das Ambiente ist exklusiv, wie es Muriel Spark liebt, eine Pension am Genfer See. Neun Töchtern und Söhnen von wohlhabenden Eltern soll nach ihrem Schulabschluß noch ein wenig Benimm und Bildung beigebracht werden, bevor sie heiraten oder ein Studium beziehungsweise eine Berufsausbildung beginnen.

          Der Star dieser kleinen Gruppe von Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft ist der hochbegabte Chris. Er schreibt an einem historischen Roman und wird damit zum Rivalen seines Lehrers Rowland, der mit seinem eigenen literarischen Werk gerade in eine Sackgasse geraten ist. Krankhaft eifersüchtig und zugleich homoerotisch fasziniert beobachtet Rowland jeden Schritt seines Ausnahmeschülers. Seine nüchterne Frau Nina, die den kleinen Pensionsbetrieb organisiert, ist dem frechen Charme von Chris allerdings ebenfalls verfallen.

          Diskussionen über den Sinn des Schreibens, über das Eigenleben von erfundenen Figuren, über Schreibhemmungen oder die Hoffnungen auf literarischen Erfolg wechseln ab mit dem amüsanten erotischen Geplänkel Jugendlicher, deren Zukunft mehrheitlich durch elterlichen Wohlstand gesichert scheint. Ob Rowland und Nina ihren Schützlingen wirklich etwas beibringen können, läßt Muriel Spark offen. Oder sollten Elefantenwitze und der Rat, bei einem Besuch in Ascot vor allem warme Unterwäsche nicht zu vergessen, in manchen Lebenslagen wirklich nützlich sein? Ganz ohne Frage: Snobismus macht auch Spaß.

          Muriel Spark, inzwischen sechsundachtzig Jahre alt, kennt möglicherweise keine anderen jungen Menschen als solche unbeschwerten Luxusgeschöpfe wie jene im College Sunrise am Genfer See. Auf den Schlußseiten ihres kleinen Romans zählt sie auf, was aus den einzelnen geworden ist: wider Erwarten ziemlich normale Existenzen. "Der letzte Schliff" war eben nur eine unverbindliche Zwischenstation.

          MARIA FRISÉ

          Muriel Spark: "Der letzte Schliff". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Hans-Christian Oeser. Diogenes Verlag, Zürich 2005. 190 S., geb., 18,90 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.07.2005, Nr. 170 / Seite 34

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