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Lukas Bärfuss’ Roman „Hagard“ : Auf den Spuren der Füße einer Frau ohne Gesicht

Was wurde aus der Malaysia-Airlines-Maschine im März 2014? Die teuerste Suchaktion der Luftfahrtgeschichte brachte kein Ergebnis. Bei Bärfuss fliegt MH 370 mit. Bild: AP

Wenn eine zufällige Begegnung jede Gewissheit zertrümmert: In seinem Roman „Hagard“ inszeniert Lukas Bärfuss einen sehnsuchtgetriebenen Weltuntergang in sechsunddreißig Stunden.

          Auf Seite 43 hat er ihr Gesicht „weiterhin nicht erkennen“ können. Dabei ist er ihr seit dem Anfang des Romans auf den Fersen. Zwanzig Seiten später hat er „ihr Gesicht noch immer nicht gesehen, aber er weiß, wo sie wohnt“. Seite 104: „Er vorne, die Frau, deren Gesicht er noch nicht gesehen hat, hinter ihm.“

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Die Präzisierungen sind unnötig, ja ärgerlich. Denn es ist die Frage, die den Leser auf dieser atemraubenden Verfolgung in Atem hält. Dass Philipp, Ende vierzig, das Gesicht der Frau verborgen bleibt, geht jeweils aus den genauen Beschreibungen hervor - und wo es Zweifel geben könnte, sollte man sie nicht ausräumen. Seit fünfzehn Stunden folgt er schon ihrer Fährte. Manchmal hat er „sie“ aus den Augen, nie aber ihre Spur verloren. Auf Seite 104 „kommt er ihr näher und näher, weicht nach links aus, will sie mit gewissem Abstand überholen, es ist vollbracht, ein Schatten, der an ihm vorbeizieht, ein Geruch, Maiglöckchen vielleicht“. Philipp steht jetzt vor den Rolltreppen und weiß nicht, welche „sie“ nehmen wird: nach oben, nach unten?

          Lange hat man auf den neuen Roman des Schweizer Schriftstellers und Dramatikers Lukas Bärfuss, der mit einem Stück über „Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ bekannt geworden war, warten müssen. Sein Erscheinen wurde verschoben. Jetzt ist er da: „Hagard“. Hagard?

          Das ist weder der Name des Ich-Erzählers noch der Hauptfigur Philipp, neben denen der Verfasser drei Frauen auftreten lässt. Da ist Belinda, Tagesmutter von Philipps Kind und illegal im Land, von der man lange glaubt, sie wäre die Gattin des auf Abwege gekommenen Immobilienmaklers. Er hat ein kleines Büro mit einer pflichtbewussten, nicht mehr ganz jungen Sekretärin namens Vera. Und schließlich „sie“, die wie der Ich-Erzähler keinen Namen hat. Als Engel, Königin, Göttin, „Priesterin des Zerebralen“ wird sie bezeichnet. Ihr Auftritt ist ein „Diamantblitz“ oder ein „erster Strahl“ der aufgehenden Sonne, ihr „Licht weiß und golden“. Kitschig oder deplaziert wirkt dieses Vokabular erstaunlicherweise gar nicht. „Umdrehen“ will sich Philipp, nachdem er sie überholt hat: „umdrehen und sich erlösen“ - im Anblick ihres Gesichts, das er aber auch diesmal nicht zu sehen bekommt.

          Eine Falle schnappt zu

          „Am Anfang dieser Geschichte steht ein Paar Damenschuhe“, rekapituliert der Ich-Erzähler, der sie im Nachhinein verstehen will. Sie beginnt mit einer verpassten Verabredung in Zürich: Ein Pleitier, der Philipp ein Grundstück verkaufen möchte, erscheint nicht. Philipp dreht eine Runde und beobachtet voller Verachtung Menschen, die aus einem Kaufhaus kommen und in ihre Siedlungen am Stadtrand gelangen wollen. Darunter Jugendliche - „sie wussten nicht, dass sie längst in der Falle saßen, längst geknechtet von den Kreditverträgen“.

          Über Philipp wird sie gleich zuschnappen - oder aufgehen? Er nimmt „ein Paar pflaumenblaue Ballerinas“ wahr. Das Geschäft, das er abschließen wollte, wird völlig uninteressant. Er folgt den Schuhen durch das Gewühl der Menge. Hat ihm die Frau ohne Gesicht, zu der die Füße gehören, nicht ein Zeichen gemacht? Sie betritt ein Geschäft und kommt mit einem Pelz heraus. Bei der Börse nehmen sie die Straßenbahn. Dann geht es im Vorortzug in irgendeine Schlafgemeinde. Philipp hat keine Ahnung, wo er sich befindet. „Sie“ verschwindet in einem Haus. Vergeblich versucht er, durch alle möglichen Öffnungen hineinzugelangen. Ein Taxifahrer muss ihm den Wagen, der im Parkhaus in Zürich steht, holen. Er lässt sich eine Pizza zum Auto liefern, in dem er die Nacht verbringt.

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