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Lukas Bärfuss: Hundert Tage : Mach dein Kreuz, und fahr zur Hölle

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Mitten im Wahnsinn des Völkermords in Ruanda klammert sich der Entwicklungshelfer David verzweifelt an westliche Buchstabentreue und Rationalität. Das Gegenwartsbuch „Hundert Tage“ thematisiert ganz offen das Entsetzen über die Formalität des Westens: Sehr dringend, richtig und gar nicht gutgemeint.

          Lukas Bärfuss hat einen Roman über die Schweiz geschrieben. Er spielt in Ruanda, in der Hauptstadt Kigali, in einer Botschaft, einem Garten, einem Haus. Er spielt an hundert Tagen zwischen April und Juli 1994 und noch an einigen mehr davor und danach. Er spielt im Völkermord der Hutu an den Tutsi, im Flüchtlingslager von Goma, in einem Hotelzimmer am Kivu-See, in einer Bettgeschichte zweier Menschen, die Agathe und David heißen: Sie ist Hutu, er ist Schweizer und hat sein Land mit nach Ruanda genommen, als er dort seinen Dienst als Entwicklungshelfer antrat. Seine Rechtschaffenheit hat David mitgenommen, seinen Gerechtigkeitssinn, sauber und weiß gestärkt wie ein Oberhemd, und seine Neutralität, die Vorsicht und Zurückhaltung, all die stubenreinen Werte des Westens, die im Augenblick der Gewalt nichtig werden: In den hundert Tagen, die diesem Romandebüt seinen Titel geben, sterben in Ruanda zwischen achthunderttausend und eine Million Menschen - vor den Augen von Entwicklungshelfern, UN-Soldaten, Hilfsorganisationen, vor den Kameras der Ersten Welt.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ganz an das Ende seiner Geschichte hat der preisgekrönte Zürcher Dramatiker eine fürchterliche Szene gestellt. Sie zeigt kein Blut, auch wenn das in diesem kurzen Buch reichlich fließt. Sie zeigt David auf der Flucht aus Kigali zu den Flüchtlingslagern in Kongo: „Ich zog deshalb ein rotes Hemd mit einem großen weißen Kreuz an, und das rettete mir zwar das Leben, brachte mir aber auf der Reise auch viele Unannehmlichkeiten. Kranke und Verzweifelte baten mich um Hilfe, darunter eine alte Frau ohne Zähne, die unerträglich nach Kot stank. Sie verlangte Essen und Medikamente, und es kostete mich einige Mühe, diese lästige Person abzuschütteln. Sie war nicht die Einzige, immer wieder musste ich erklären, dass dies ein weißes Kreuz auf rotem Grund und kein rotes Kreuz auf weißem Grund war und ich also kein Helfer, nicht verpflichtet, irgendjemandes Haut zu retten außer meiner eigenen.

          Ordentlichkeit, Sauberkeit, Ehrlichkeit und Fleiß

          „Was ist hier passiert? Die Flüchtlinge verstehen die Zeichensysteme des Westens nicht mehr. David aber klammert sich fest daran. Mehr noch, er versteckt sich hinter Verabredungen, hinter der vernünftigen Aufgabenverteilung einer anständig geregelten Entwicklungshilfe. Er ist die Schweiz und nicht das Rote Kreuz. Aber wie kann man neutral sein, wenn um einen herum Todesschwadronen die Tutsi erschlagen und köpfen wie Kakerlaken? David ist an dieser späten Stelle des Romans längst innerlich auseinandergefallen; er weiß das auch, der Leser genauso, über seinen offenbaren Ekel sollte man deshalb hinweglesen: Denn was an dieser späten Stelle des Romans aufscheint wie an keiner zweiten, ist das Entsetzen des Autors über die Formalität des Westens. Über seine Buchstabentreue, den Glauben daran, dass seine Gabe zur Rationalität, seine Tischmanieren den weißen Mann groß gemacht haben. Lukas Bärfuss hat natürlich keinen Roman nur über die Schweiz geschrieben.Es kann ja sein, dass zur Dialektik der Aufklärung genug gesagt worden ist. Und es ist egal, dass Lukas Bärfuss, Jahrgang 1971, seine Geschichte zu fleißig recherchiert hat, wie manche seiner Kritiker behauptet haben. In einer Zeit ständig neu erscheinender historischer Familienromane wirkt ein Gegenwartsbuch wie „Hundert Tage“ einfach sehr dringend, sehr richtig und gar nicht gutgemeint.

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