02.09.2011 · Lorenza Foschini sucht nach letzten Dingen. Er schickt seinen Helden auf die Spur der von Proust hinterlassenen Manuskripte, Briefe, Bücher und Schlafzimmermöbel.
Von Henning RitterJacques Guérin ist der Held des kleinen Buches, das den Schicksalen der Hinterlassenschaft Marcel Prousts nachgeht. Auf deren Spur wurde Guérin gesetzt, als er wegen einer Blinddarmentzündung einen angesehenen Chirurgen konsultierte, Robert Proust, den Bruder des Schriftstellers. Der zeigte ihm beiläufig Notizhefte Marcels, die er in seiner Praxis aufbewahrte. Dort sah Jacques Guérin auch einige der Möbel Prousts, die er später mit besonderem Eifer suchen wird.
Es war die Initiation des reichen Parfümeriefabrikanten in seine Sammelleidenschaft, die bis zum Ende seines Lebens anhalten sollte. Er setzte sich auf die Spur der von Proust hinterlassenen Manuskripte, Briefe, Bücher und Möbel des Schlafzimmers, in dem der Schriftsteller die letzten Jahre seines Lebens verbracht hatte. Vieles kam da zusammen, an dessen Existenz man lange nach Prousts Tod im Jahre 1922 nicht mehr glauben konnte. So auch Prousts Mantel, der als ein magisches Objekt schließlich den Weg in Jacques Guérins Sammlung fand, die er wie einen Schatz verwahrte, der nur ihm allein zugänglich war. Erst am Ende seines fast hundertjährigen Lebens macht er seine Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich. Heute wird das Schlafzimmer Prousts neben anderen Schätzen, die Guérin auf abenteuerlichen Wegen rettete, im Pariser Musée Carnavalet gezeigt.
Die Spur der verstreuten Preziosen
Die italienische Journalistin Lorenza Foschini hat Jacques Guérin nun zur Hauptfigur eines Berichts gemacht, der in Wahrheit ein kleiner Roman ist, lebendig und fesselnd erzählt. Die abenteuerliche Geschichte des Nachlasses von Marcel Proust erzählt sie mit intensiver Teilnahme, als wollte sie in die Seele des Sammlers eindringen, der so leidenschaftlich den Spuren Prousts folgte. Guérin betrat erst 1935 die Szene, als er den Chirurgen Robert Proust konsultierte. Es war fast zu spät, um sich auf die Spur der verstreuten Preziosen zu setzen. Denn Marcels Bruder und seine Frau Marthe hatten sich in all den Jahren schon an vielem vergriffen, das ihnen anvertraut worden war. Marthe war von tiefer Abneigung gegen den Schriftsteller bestimmt, von dessen Romanwerk sie keine Zeile gelesen hatte. Sie wollte die Spuren des Familiennamens tilgen, wo immer er in Briefen und Widmungen auftauchte. So verbrannte sie die verdächtigen Papiere. Erst als sie erfuhr, dass die Manuskripte einen großen Wert hatten, stellte sie dieses Autodafé ein und gab die Papiere zum Antiquar.
Nicht viel besser verhielt sich Robert, dem die Manuskripte der letzten drei Bände der „Recherche“ anvertraut waren. In grotesker Selbstüberschätzung behielt er sich vor, die Manuskripte durchzusehen, zu korrigieren und wohl auch zu zensieren. Mehrere Jahre lang hatte er als Einziger Zugang zu diesen Papieren, der Verlag Gallimard drängte vergeblich auf ihre Freigabe. Erst Robert Prousts Tod löste diesen Knoten.
Der legendäre Mantel
Neben dieser erschreckenden Selbstherrlichkeit der Erben verblasst die Leichtfertigkeit, mit der seine Möbel und andere Lebenszeugnisse vernachlässigt und verstreut wurden. Ihnen galt, neben einigen Funden von Manuskripten, Briefen, Büchern, Zeichnungen und Fotografien, Jacques Guérins Hauptaugenmerk. So konnte er vieles retten, was dem Proustliebhaber heute eine Anschauung von dessen nächster Umgebung gibt – auch den legendären Mantel, der mit Proust verwachsen schien, und das Bett, in dem er unter die letzte Seite seines Romans das Wort „Fin“ setzte.