21.11.2005 · Konversionen: Stephan Wackwitz schreibt seinen Bildungsroman
Wilhelm Meister und seine Karrierebrüder: Das frisch emanzipierte Bürgertum schuf sich im achtzehnten Jahrhundert mit dem Exzellenzcluster Bildungsroman ein dem stratifikatorisch organisierten Ancien régime entgegenarbeitendes Programm der "perfectibilité" im Zeichen phylo- wie ontogenetischer Totalreform: Nicht nur sollten da Pfarrerssöhne zu Professoren werden, die Erneuerung des gesamten Menschengeschlechts war zu gewärtigen. "Besonders sind Jünglinge diese neuen Ritter", heißt es altväterlich in der Hegelschen Ästhetik. Überquellenden Herzens opponierten die Romanhelden gegen jede Ordnung. Allerdings bestehe das "Ende solcher Lehrjahre" in der Austreibung pubertär-idealistischer Flausen, in der Fügung ins Bestehende, der "Korrektion". Erst die Romantiker, loyal einzig gegenüber der Poesie, fuhren im Namen des Gefühls jede Teleologie (und damit den Bildungsroman) vor die Wand: Ihre Ritter versinken in Umnachtung. Dabei lag in der Literatur längst eine komplexe Form bereit, in der das Subjekt der Welt die Regeln gibt: der Essay, wie ihn Michel de Montaigne etabliert hatte.
Diese Stränge knüpft Stephan Wackwitz in seinem intelligenten, auf einer Metaebene agierenden "Bildungsroman" zusammen: Roman, Essay, Autobiographie und Bildung verbinden, durchkreuzen und betrügen sich hier in jeder erdenklichen Weise, wobei das auf vielen Ebenen umspielte Zentralmotiv die titelgebende, religiöser wie kommunistischer Erlösungsrhetorik eigentümliche Wiedergeburtsphantasie bildet: "Neue Menschen". Als Leitfaden dient dem Autor und Hölderlin-Spezialisten, der gerade die Leitung des Goethe-Instituts in Bratislava übernommen hat, gut romantisch das eigene Leben. Mit Memoiren hat das nichts gemein. Das Nachwort hebt den inszenatorischen Charakter eigens hervor: Zwischen literarischer und echter Person bestehe derselbe Abstand wie zwischen der "Brillo-Box" im Supermarkt und jener in der Galerie. Man wird in diesem Fall vielleicht noch weitergehen dürfen: Der Autor opfert sich für den Erzähler. Er reicht Überreste (aus dem Supermarkt des Lebens) hinein in der berechtigten Hoffnung, der an einem ausgesprochenen Forscherkomplex laborierende Narrator werde ihn "neu formatieren", ja "verklären". Andererseits ist der Held, wo er sich zu politisch überkorrekten Platitüden verleiten läßt, alles andere als sympathisch.
Die "Recherche" schließt an den 2003 erschienenen "Familienroman" an, in dem der Autor, orientiert am Leben seines Großvaters, eine "exorzistische" Expedition in "Ein unsichtbares Land" unternahm, die zugleich eine Reflexion über das Scheitern der Identifikation mit der eigenen Provenienz darstellte. Zwei Jahre später tritt der "Aufopferungs- und Kasteiungs-,Fimmel'" noch stärker hervor: Total ist vor allem die Abrechnung mit den Jahren des eigenen "Jugendirreseins", der willfährigen Teilnahme am "Totalitarismus" des "deutschen Kommunismus" durch Eintritt in den Marxistischen Studentenbund "Spartakus" - und freilich baldigen Wiederaustritt. Der innere Isomorphismus aller doktrinären Renaissancen dient Wackwitz als Zeittunnel: Die (folgenlose) eigene Verstrickung, die Hyperion-Imitation bringt ihn der Eltern- und Großelterngeneration psychologisch näher.
Visionen, Träume und Offenbarungen treten immer wieder hervor, allerdings als kritische Instanzen. In konzentrierter Form nimmt das erste Kapitel "Schnee" den manichäischen Kampf der Gewalten vorweg, der sich im Verlauf des Textes herauskristallisiert. Beim Spaziergang durch Nowa Huta, einen stalinistisch anmutenden Vorort von Krakau, erscheinen dem Erzähler die schwankenden Gestalten der leninistischen Lehre wieder, und siehe da, es sind stümperhaft verkleidete Heroen der deutschen Philosophiegeschichte. Woran es in Nowa Huta mangelt, ist schlicht die Liebe, das Elixier der offenen Gesellschaft. Es sind jedoch nicht diese (zugegeben schlichten) Metathesen, sondern die kleinen Reflexionen und gelungenen Einfühlungen, die das Buch lesenswert machen. Thematisch reizvoll und stilistisch elegant bahnt sich die Erzählung ihren Weg. Sie gewinnt Schwung an intellektuellen Schwerkraftzentren, gerät in weiter entfernte Umlaufbahnen und kehrt doch immer wieder zurück.
In der revolutionären Schwüle der siebziger Jahre betreten alte Bekannte das Terrain: Klaus Scherpe, Gert Mattenklott, vor allem aber der liebevoll adressierte Heinz Schlaffer, Stuttgarter Doktorvater und Retter (erster Turmgesellschafter) des Helden. Die größte Wirkung sei nicht von Schlaffers Intelligenz ausgegangen, sondern von seiner Erscheinung: "selbstbewußt elegant und sexy". Dieses Aperçu dient Wackwitz zum Überblenden in die Geschichte des Vaters Gustav, der sich von 1939 an im kanadischen Cananaskis in britischer Gefangenschaft befand. Hier sei ihm im Jahre 1943 ebenfalls der Dandyismus in Form des Mithäftlings Christian Adolf Isermeyer rettend zur Hilfe gekommen. Die bewunderte "persönliche Souveränität" des homosexuellen Kunsthistorikers Isermeyer habe die aufs Völkische gerichtete Emphase des Einundzwanzigjährigen allmählich in kulturhistorische Bahnen gelenkt.
Für diesen Vorgang hat der Erzähler die Formel "Alchymie" parat (Vergoldung des Ausgegrenzten), die ihn zu einem Hymnus auf emanzipatorische Sub- und Gegenkulturen führt. Juden, Homosexuelle, der Blues oder die Frauen: in jeder dieser Gruppen habe eine "Neubeschreibung" stattgefunden. Damit ist Wackwitz bei seinem wichtigsten Referenztext angelangt: Richard Rortys "Kontingenz, Ironie und Solidarität". Im (auch seitentechnischen) Zentrum des Romans steht das "fast religiöse" Bekenntnis des Erzählers, das auch ihn einer überwölbenden Idee (der Postmoderne) unterstellt: "eine Art Glaube daran, daß Gott in Wirklichkeit ein Liberaler ist, der anerkennt, daß Neubeschreibung, daß Sprache die Macht hat, neue und andere Dinge möglich und wichtig zu machen".
Es ist der hohe Anspruch dieser Selbsterforschung, exemplarisch zu sein. Sehr schön gelingt das im Kapitel "Verfall der Orakel" über die Tübinger Jahre des Historikers Gustav Wackwitz, die im Protokoll einer Unterhaltung mit dem nicht unvorbelasteten Mediävisten Heinrich Dannenbauer über die Zukunft der Geschichtswissenschaft münden. Während der Professor Johannes Hallers späte nihilistische Position übernimmt, hält der Pfarrerssohn Wackwitz am Luthertum wie an der Kulturtheologie eines Jacob Burckhardt fest. Burckhardt wiederum ist auch die Gewährsperson für die prototypische Konversion der Mutter des Helden. Die Urszene ihrer selbstbestimmten Lebensweise bildet geradezu klassisch eine Italien-Reise.
Das Buch gipfelt in eine Fundamentalreflexion über Wahn und Groteske des nicht mehr theologisch gedeckten Absoluten in der deutschen (Geistes-)Geschichte, die Wackwitz der schwäbischen Disposition zum Pietistischen anlastet. Den Ursprung verlegt er in Fichtes Suggestion eines Bewußtseins, das die Tathandlung des sich selbst und seine Umwelt setzenden Ichs umgreift. In erster Linie aber wird Hegels sich vervollkommnender absoluter Geist für die Wiederkehr eines gnostischen Schematismus (Unterdrückte versus "Böswelt") in die Pflicht genommen. Das große Gegenmodell ist - wenig erstaunlich - das Bekenntnis zur Metapher, das von Jean Paul, den Schlegels, Novalis und Schleiermacher bis zu Rorty reiche. Der gesamte Romanessay ist auch eine Konversion in diesem Sinne, eine literarisierende Neubeschreibung. Den skizzierten Biographien sind denn auch Romanpassagen parallelisiert, wobei die biographischen Epiker Hermann Lenz und Georg Büchner eine zentrale Rolle spielen.
Auf Wackwitz' eigenen Werdegang scheint Hegels schnaufender Realismus zuzutreffen: "Diese Kämpfe nun aber sind in der modernen Welt nichts Weiteres als die Lehrjahre, die Erziehung des Individuums an der vorhandenen Wirklichkeit." Doch das Ziel aller Bildung besteht für den Erzähler gerade in der Ziellosigkeit. So ist "Neue Menschen" zuletzt ein Trostbuch, ein Lob der verbeulten Lebensläufe. Der einzige, gleichsam spielerische Ausweg aus den Verführungen zur Teleologie besteht darin, die seit Augustinus in heiligem Eifer praktizierten Konversionen ausschließlich als performative Ereignisse zu zelebrieren, sie aus dem Leben in die Kunst zurückzuholen, ohne je zu einem Stillstand zu gelangen: "Wir machen weiter. Wir fangen immer noch einmal an (unsere Art von Romantik)."
OLIVER JUNGEN
Stephan Wackwitz: "Neue Menschen". Bildungsroman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005. 272 S., geb., 19,90 [Euro].