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Literatur : Selbstbefrager: Imre Kertész und seine Autobiographie

Begegnet seinem Ich als wortgewandter Kritiker: Imre Kertész Bild: ddp

Statt eines erzählten Lebensrückblicks ist „Dossier K.“ eine unerbittliche Selbstbefragung. Das macht die Autobiographie des ungarischen Literaturnobelpreisträgers Imre Kertész zu einem Solitär.

          Auf die Frage, was ihn nach Berlin gebracht habe, gibt Imre Kertész in seiner gerade erschienenen Autobiographie „Dossier K.“ zur Antwort: „Krankheit. Depression. Gesundheit. Lebensfreude.“ Vor sechs Jahren hatte sich der ungarische Literaturnobelpreisträger von seiner zweiten Frau Magda überreden lassen, eine Arbeitswohnung in der deutschen Hauptstadt zu mieten. Wenig später erhielt er ein Stipendium für ein Studienjahr am Berliner Wissenschaftskolleg, „und nach dessen Ablauf sind wir in der Stadt einfach hängengeblieben“. Wer die Bücher von Kertész kennt, muß über den Überschwang staunen, mit dem der Autor über den Kurfürstendamm und seine „mit ihrem Laub sich einander zuneigenden, mächtigen Platanen“ schreibt. Hier sitzt der Überlebende von Auschwitz und Buchenwald auf der Terrasse des Hotels Mondial oder des Cafés Kempinski in der milden Herbstsonne und wundert sich „über das Abenteuer, das mein Leben war“.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Als Imre Kertész am Montag abend im Berliner Wissenschaftskolleg aus „Dossier K.“ las, hatte die Herbstsonne die Villa am Grunewald kräftig aufgeheizt. Vom „Herbst der Autobiographien“ sprach Alexander Fest, der Chef des Rowohlt-Verlags, in seiner Einführung mit Blick auf aktuelle literarische Debatten, nahm seinen Autor aber zugleich gegen jede erinnerungspolitische Vereinnahmung in Schutz. Tatsächlich ist „Dossier K.“ schon seiner Form nach ein Solitär. Statt eines erzählten Lebensrückblicks bietet das Buch eine ebenso kunstvolle wie unerbittliche Selbstbefragung, in der sich das autobiographische Ich als sein eigener wortgewandter Kritiker gegenübertritt.

          Im Viehwaggon nach Auschwitz

          „Eine Ermittlung“ lautet der Untertitel des Bandes, der angeblich durch ein Interview angeregt wurde, das Kertész vor drei Jahren mit einem befreundeten Lektor geführt haben will. Das Buch sei „eine regelrechte Autobiographie“, aber „eigentlich“ doch auch ein Roman, erklärt der Autor in seiner Vorbemerkung. Man geht wohl nicht fehl, wenn man in „Dossier K.“ den vorläufigen Abschluß einer Reihe autobiographischer Fiktionen sieht, die Kertész vor gut dreißig Jahren mit seinem „Roman eines Schicksallosen“ begonnen hat. Mit einem Selbstzitat (aus „Fiasko“) beginnt das Fragespiel des Buches, und mit einem Zitat endet es auch. „Meine größte Freude auf dieser Erde war schließlich doch das Schreiben, die Sprache“, sagt der Autor. Diese Freude, dieser Trost waren bei der Lesung in Berlin geradezu körperlich zu spüren, so daß es manchmal schien, als wäre Kertész mit seinen Worten und Sätzen ganz allein im Saal.

          Selbstverhör als ästhetische Konsequenz

          In diesem Herbst der Autobiographien zieht Imre Kertész mit „Dossier K.“ eine einsame Bahn. Daß das Ich, von dem die Memoirenschreiber zehren, keine sichere Größe ist, hat er im Alter von fünfzehn Jahren erlebt, als er im Viehwaggon nach Auschwitz verfrachtet wurde. Sein Selbstverhör zieht die ästhetische Konsequenz dieser Erfahrung. Kertész trägt nicht den Anspruch vor sich her, eine moralische Instanz zu sein. Eben deshalb ist er es.

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