28.03.2004 · Dorota Maslowska hat einen außergewöhnlichen Roman geschrieben. Als 18jährige, innerhalb von einem Monat. Es sei die Sprache gewesen, die sie durch das Buch getragen habe.
Von Johanna AdorjanPole müßte man sein. Dann würde man jetzt verstehen, warum das Mädchen, das auf der anderen Seite des Tisches sitzt und eine Antwort gibt, die immer länger und länger wird, zwischendurch immer mal wieder kurz lachen muß. Da man aber kein einziges Wort versteht, außer einmal einem, das nach "Antiglobalisierung" klingt, und man also warten muß, bis der neben ihr sitzende Dolmetscher alles übersetzt, bleibt Zeit, das Gegenüber zu studieren. Jung sieht sie aus, blaß und auf eine unauffällige Art niedlich.
Sie trägt ein türkises Etwas, es könnte ein zu großer Pullover sein, vielleicht auch ein kurzes Kleid, darunter etwas Geblümtes, und während sie spricht und sich dabei ganz offensichtlich prima mit sich selbst vergnügt, pult sie einen Ohrring aus dem rechten Ohr und zupft dann lange an dem Loch herum. Das also ist die Person, die den meistbeachteten polnischen Roman der letzten Zeit geschrieben hat, das also ist Dorota Maslowska, deren Debüt monatelang die Bestsellerlisten ihres Landes anführte, das also ist sie: die Hoffnung der polnischen Literatur.
Diese zarte Person schreibt ein Buch aus Sicht eines männlichen Junkies
Es klingt wie ausgedacht: eine 19jährige schreibt ein Buch, in dem es um Drogen geht, um Sex und Leere; diese zarte Person, ein Meter sechzig höchstens, mit ihrem Kindergesicht, erzählt eine Geschichte aus Sicht eines männlichen Junkies. Besser geht's nicht, das wird einem die Werbeabteilung jedes Buchverlags so bestätigen. Da überschlagen sich die Rezensenten (sind ja meist Männer) vor väterlichem Stolz, und die Leser können sich mit dem Buch das Gefühl kaufen, modern und jung oder junggeblieben zu sein.
Der Roman, von dem hier die Rede ist, hat den Titel "Schneeweiß und Russenrot". Im polnischen Original heißt er weniger märchenhaft "Der polnisch-russische Krieg unter weiß-roter Fahne", und das trifft seinen Ton viel besser. Die Handlung ist eigentlich nicht besonders: Der junge Ich-Erzähler, genannt der "Starke", wird von seiner Freundin verlassen und nimmt in den nächsten 48 Stunden haufenweise Drogen und trifft Mädchen, um sich von seinem Kummer abzulenken. Das war's auch schon. Kommt einem irgendwie bekannt vor, schließlich handeln die meisten Bücher von jungen Autoren von nichts anderem. Was Maslowskas Roman so außergewöhnlich macht, ist denn auch weniger die Handlung - es ist sein Ton.
240 Seiten lang im Staccato eines Maschinengewehrs
"Erst sagt sie zu mir, sie hat zwei Neuigkeiten, eine gute und eine schlechte. Über die Bar gelehnt. Welche ich zuerst will. Die gute, sag ich. Da sagt sie zu mir, in der Stadt soll ein polnisch-russischer Krieg sein unter weiß-roter Fahne. Woher sie das weiß, frage ich, und sie, gehört eben. Jetzt die schlechte, sag ich. Sie holt ihren Lippenstift raus und sagt mir, Magda habe gesagt, zwischen mir und ihr ist Schluß."
Damit beginnt das Buch, beginnt der innere Monolog des Ich-Erzählers, der von nun an 240 Seiten lang im Staccato eines Maschinengewehrs auf den Leser niederknattert. Maslowska legt ihrem Helden eine eigene Sprache in den Mund, eine krumme, nicht eigentlich schöne Sprache, die aus Fehlern besteht und aus Umständlichkeiten und die eine ganz moderne, krude Poesie entfaltet, zumindest tut sie das in der deutschen Übersetzung von Olaf Kühl, und, wie man hört, auch im Original.
"Ich will hier keinen großen Nebel machen und gleich zur Sache kommen, um die es ja hauptsächlich von Anfang an ging, um die Bekanntschaft Männlein-Weiblein. Denn eine solche hat unbestreitbar stattgefunden. Bevor es jedoch zu dieser unwiderleglich dokumentierten Tatsache kam, war bekanntlich erst mal Stagnation."
Sprache, die etwas holpert, nach und nach aber fremdartigen Charme entwickelt
Eine eigentümliche Mischung: einerseits nachlässig verschlampter Jugendjargon, wie etwa Erkan und Stefan ihn im deutschen Fernsehen persiflieren - andererseits das Streben nach gewählter Ausdrucksform. Da werden altmodische Wendungen wie "welche" bemüht, dann wieder klingt es passagenweise nach comichaftem Proletendeutsch. So entsteht eine Sprache, die etwas holpert, nach und nach aber einen fremdartigen Charme entwickelt, dem man sich nicht entziehen kann, vergleichbar dem Charme einer fehlerhaft aus dem Asiatischen übersetzten Gebrauchsanweisung.
"Magda hat einen Wadenkrampf und sitzt auf der Klobrille. Mit der linken Hand hält sie die Wade und weint dabei, ist hysterisch. Ich weiß jetzt nicht mal, ob sie schön ist oder häßlich, das kann ich wirklich schwer sagen. Eins ist sicher, im allgemeinen ist sie hübsch, aber im Augenblick in schlechter Verfassung, was das Aussehen angeht, denn überall sind ihre schwarzen Tränen, die Wimperntusche fließt wie aus der Dachrinne, die Strumpfhose bis auf die Haut aufgerissen, irgendwie viel zu groß, und das ziemlich aufgeweichte Gesicht, das mich, ohne fies sein zu wollen, an ein rotes Feuerwehrauto erinnert. Ich frage mich also, ob ich sie noch liebe, wenn sie so ziemlich laut stöhnt, ohne mir auch nur in die Augen zu gucken oder ein Wort zu mir zu sagen. Aber dann halte ich es beinahe nicht mehr aus."
Sprache der „Dressies“
Die Sprache sei es gewesen, die sie durch den Roman getragen habe, erzählt Dorota Maslowska. Mit acht Jahren hat sie mit dem Schreiben angefangen, ungezählte Romane habe sie begonnen, aber nie hätte es zu mehr als vierzig Seiten gereicht. Und dann habe sie auf einmal diesen Tonfall im Kopf gehabt. Den Tonfall eines jungen Mannes, der keine Arbeit hat, Trainingsanzüge trägt, Drogen nimmt und den ganzen Tag vor sich hin schwadroniert, über das Leben, die Frauen und einen imaginären Feind, den Russen, so ganz allgemein, auf irgendwas muß man ja schimpfen, wenn man selbst ganz unten ist.
"Dressies" nenne man solche Männer in Polen, sagt Maslowska, und ihrer Erklärung nach muß es sich dabei um neureiche junge Kleinstädter mit kriminellem Einschlag und ohne großartige Zukunftsaussichten handeln, für die es in Deutschland keine eigene Bezeichnung gibt.
Die Sprache, die sie irgendwann in ihrem Kopf hatte und die ihr schließlich in weniger als einem Monat die Geschichte des "Starken" diktierte, sei angelehnt an den Jargon der Jugendlichen, die sie in ihrer kleinen Heimatstadt Wejherowa nördlich von Danzig oft beim Herumhängen beobachtete, aber sie habe sie poetisch weiterentwickelt, eine Kunstsprache.
"Wie bei ,Warten auf Godot'"
Maslowska kommt aus einem gutbürgerlichen Elternhaus. Die Mutter ist Ärztin, der Vater fährt zur See - in der Schule hatte sie immer Einsen, eine Überfliegerin, hochbegabt, aber nicht angepaßt. Sie sei immer ein Sonderling gewesen, erzählt sie. Eine, die sich extra danebenbenommen habe, sich bewußt extremen Situationen ausgesetzt habe, weil sie schließlich alles kennen müsse, um vielleicht darüber schreiben zu können. Das Schreiben sei für sie die einzige Art, die Wirklichkeit zu kontrollieren, sagt sie. Die Dinge des Alltags - Aufstehen, Rechnungen zahlen -, das liege ihr einfach nicht.
In ihrer Heimat ist Maslowska mit ihrem Buch zu einer Berühmtheit geworden. Journalisten, Politiker, Jugendliche - alle sahen dieses Mädchen, das da so ungerührt über Menschen ohne Moral und Perspektive schrieb, mit einemmal als Stimme ihrer Generation. "Schneeweiß und Russenrot" war das Buch des Jahres 2002, um mitreden zu können, mußte man es kennen.
Dabei schätzt Maslowska, daß mindestens neunzig Prozent der Leser es überhaupt nicht verstanden haben: "Sie haben es gelesen, weil es modisch war, es gelesen zu haben. Aber die meisten haben mein Buch wörtlich genommen, und dann ist es einfach nur banal, vulgär und kaputt. Es hat ja noch nicht mal eine richtige Handlung. Wenn man die zweite Ebene darin nicht sieht, muß man es für minderwertige Literatur halten." Sie will ihren Roman als Metapher dafür verstanden wissen, daß das Leben der meisten Menschen banal und sinnentleert ist. "Wie bei ,Warten auf Godot'", sagt sie, "man wartet auf irgend etwas, und während man wartet, passieren lauter absurde Dinge."
Frauenfiguren allesamt völlig wahnsinnig und bezaubernd
Als Dorota Maslowska das Buch geschrieben hat, war sie 18 Jahre alt und machte gerade das Abitur. Heute studiert sie in Warschau Kulturwissenschaften und arbeitet an ihrem zweiten Roman. Wieder hat sie dafür eine eigene Sprache erdichtet, aber sie will noch nichts darüber sagen, nur daß es von der Stimmung her "selbstmörderisch finster" sei.
Man könnte jetzt noch ausführen, mit welchen Kunstgriffen Maslowska in "Schneeweiß und Russenrot" hantiert, man könnte die Frauenfiguren beschreiben, die ihr Held kennenlernt und die allesamt völlig wahnsinnig und bezaubernd sind, man könnte erzählen, was für eine brennende Energie sie ausstrahlt, wie distanziert und gelassen sie über sich selbst Auskunft geben kann, und würde zu dem Schluß kommen, daß es vollkommen egal ist, wie alt oder jung eine Autorin ist, wenn sie ein solches Buch geschrieben hat, und daß es sich bei Maslowska um ein Ausnahmetalent handelt, was den Umgang mit Sprache angeht.
Vielleicht aber sollte man am besten einfach mit einem weiteren Auszug aus ihrem Buch enden (der Held befindet sich an dieser Stelle im Krankenhaus, gut geht es ihm nicht):
"Es gelingt mir noch, im Zeitraffer zu sehen, wie sie diese Schläuche auf den Boden wirft, mir eine Zigarette anzündet, aber danach sehe ich nicht mehr viel. Weil plötzlich fällt mir etwas Schweres auf den Brustkorb, ein Stein vielleicht, oder vielleicht mein eigenes Augenlid, vielleicht ist der Ventilator von der Decke gekracht, oder einfach ein Wolkenbruch aus dem zweiten Stock, ein Schnee von Betten und Patienten. Doch darüber denke ich nicht weiter nach, denn die Fähigkeit zum Denken verliere ich genauso schnell, was meinen endgültigen Rückfall in Richtung Pflanzenwelt symbolisiert."