http://www.faz.net/-gr3-okzh

Literatur : Kaputt geschrieben

  • -Aktualisiert am

Dorota Maslowska hat einen außergewöhnlichen Roman geschrieben. Als 18jährige, innerhalb von einem Monat. Es sei die Sprache gewesen, die sie durch das Buch getragen habe.

          Pole müßte man sein. Dann würde man jetzt verstehen, warum das Mädchen, das auf der anderen Seite des Tisches sitzt und eine Antwort gibt, die immer länger und länger wird, zwischendurch immer mal wieder kurz lachen muß. Da man aber kein einziges Wort versteht, außer einmal einem, das nach "Antiglobalisierung" klingt, und man also warten muß, bis der neben ihr sitzende Dolmetscher alles übersetzt, bleibt Zeit, das Gegenüber zu studieren. Jung sieht sie aus, blaß und auf eine unauffällige Art niedlich.

          Sie trägt ein türkises Etwas, es könnte ein zu großer Pullover sein, vielleicht auch ein kurzes Kleid, darunter etwas Geblümtes, und während sie spricht und sich dabei ganz offensichtlich prima mit sich selbst vergnügt, pult sie einen Ohrring aus dem rechten Ohr und zupft dann lange an dem Loch herum. Das also ist die Person, die den meistbeachteten polnischen Roman der letzten Zeit geschrieben hat, das also ist Dorota Maslowska, deren Debüt monatelang die Bestsellerlisten ihres Landes anführte, das also ist sie: die Hoffnung der polnischen Literatur.

          Diese zarte Person schreibt ein Buch aus Sicht eines männlichen Junkies

          Es klingt wie ausgedacht: eine 19jährige schreibt ein Buch, in dem es um Drogen geht, um Sex und Leere; diese zarte Person, ein Meter sechzig höchstens, mit ihrem Kindergesicht, erzählt eine Geschichte aus Sicht eines männlichen Junkies. Besser geht's nicht, das wird einem die Werbeabteilung jedes Buchverlags so bestätigen. Da überschlagen sich die Rezensenten (sind ja meist Männer) vor väterlichem Stolz, und die Leser können sich mit dem Buch das Gefühl kaufen, modern und jung oder junggeblieben zu sein.

          Der Roman, von dem hier die Rede ist, hat den Titel "Schneeweiß und Russenrot". Im polnischen Original heißt er weniger märchenhaft "Der polnisch-russische Krieg unter weiß-roter Fahne", und das trifft seinen Ton viel besser. Die Handlung ist eigentlich nicht besonders: Der junge Ich-Erzähler, genannt der "Starke", wird von seiner Freundin verlassen und nimmt in den nächsten 48 Stunden haufenweise Drogen und trifft Mädchen, um sich von seinem Kummer abzulenken. Das war's auch schon. Kommt einem irgendwie bekannt vor, schließlich handeln die meisten Bücher von jungen Autoren von nichts anderem. Was Maslowskas Roman so außergewöhnlich macht, ist denn auch weniger die Handlung - es ist sein Ton.

          240 Seiten lang im Staccato eines Maschinengewehrs

          "Erst sagt sie zu mir, sie hat zwei Neuigkeiten, eine gute und eine schlechte. Über die Bar gelehnt. Welche ich zuerst will. Die gute, sag ich. Da sagt sie zu mir, in der Stadt soll ein polnisch-russischer Krieg sein unter weiß-roter Fahne. Woher sie das weiß, frage ich, und sie, gehört eben. Jetzt die schlechte, sag ich. Sie holt ihren Lippenstift raus und sagt mir, Magda habe gesagt, zwischen mir und ihr ist Schluß."

          Damit beginnt das Buch, beginnt der innere Monolog des Ich-Erzählers, der von nun an 240 Seiten lang im Staccato eines Maschinengewehrs auf den Leser niederknattert. Maslowska legt ihrem Helden eine eigene Sprache in den Mund, eine krumme, nicht eigentlich schöne Sprache, die aus Fehlern besteht und aus Umständlichkeiten und die eine ganz moderne, krude Poesie entfaltet, zumindest tut sie das in der deutschen Übersetzung von Olaf Kühl, und, wie man hört, auch im Original.

          Weitere Themen

          „24 Frames“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „24 Frames“

          Am Montag, dem 19. November, läuft um 23:35 Uhr „24 Frames“ auf Arte.

          Topmeldungen

          Matteo Salvini und Silvio Berlusconi

          Salvinis Taktik : Finanzpoker mit Brüssel

          Rom macht zu viele Schulden. Ein Bußgeld droht. Doch statt zu zahlen, verhöhnt Innenminister Salvini die „Bürokraten in ihrem Brüsseler Bunker“, denn er hat noch ein paar Asse in der Hinterhand.
          Jörg Meuthen, Ko-Vorsitzender der AfD, schaut während des Parteitags der Rechtspopulisten im Magdeburg am 16. November auf sein Smartphone.

          AfD-Parteitag : Für ein Europa in Dunkelblau

          Die AfD stellt in Magdeburg ihre Liste für die Wahl zum EU-Parlament auf. Mit dabei sind einige Vertreter des radikalen Flügels.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.