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Literatur : Götterspeise für den Dichter

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Spiel mit Versatzstücken: Paul Auster Bild: dpa

Für Rucksacktouristen: In seinem neuen Roman „Reisen im Skriptorium“ führt der Autor Paul Auster durch die Lesenswürdigkeiten des eigenen Werks. Ein in die Jahre gekommener Schriftsteller wird von Figuren aus Paul-Auster-Romanen heimgesucht.

          Paul Austers neuer Roman trägt den Titel „Reisen im Skriptorium“ und beginnt so einfach wie rätselhaft. Ein alter Mann erwacht in einem schmalen Bett in einem spärlich möblierten Zimmer, verwirrt und ohne zu wissen, wo er sich befindet: „In einem Haus? In einer Klinik? In einem Gefängnis?“ Und ist er „eingeschlossen, oder kann er kommen und gehen, wie er will?“. Er steht auf und geht zum Schreibtisch herüber. Vor ihm liegen eine Handvoll Fotos, mit Schnappschüssen von Menschen, deren Gesichter vage Erinnerungen in ihm hervorrufen, und mehrere Stapel beschriebenes Papier. Als er zu lesen beginnt, klingelt das Telefon. „Mr. Blank?“, fragt eine Stimme am anderen Ende. „Wenn Sie meinen“, antwortet der alte Mann: „Wenn Sie mich Mr. Blank nennen wollen, will ich gern auf diesen Namen hören.“

          Der seltsame Anruf auf den ersten Seiten dient unter anderem als Test für den Leser. Wer an dieser Stelle nämlich nicht sofort an die geheimnisvollen Telefongespräche zwischen einem gewissen Daniel Quinn und einem Mann namens Peter Stillmann am Anfang von Paul Austers erstem großen Erfolg „Stadt aus Glas“ von 1987 denkt, ist für seinen neuen Roman leider hoffnungslos verloren. Das hier ist nichts für Neueinsteiger: Mit „Reisen im Skriptorium“ hat Auster ein Buch für Fans und Eingeweihte geschrieben, randvoll mit Reminiszenzen an das eigene Werk. Der Anrufer zum Beispiel gibt sich als „Expolizist James P. Flood“ zu erkennen, eine Randfigur aus der „New-York-Trilogie“, und als wenig später eine Krankenschwester namens Anna das Zimmer betritt und sich recht zärtlich um den Alten kümmert, erkennen wir Anna Blume, die sich „Im Land der letzten Dinge“ in einem postapokalyptischen Großstadtszenario auf die Suche nach ihrem verschollenen Bruder gemacht hatte.

          Von den eigenen Figuren heimgesucht

          „Sie haben mich an einen gefährlichen Ort geschickt, einen entsetzlichen Ort, wo es Tod und Zerstörung gab“, erklärt Anna nun dem deutlich irritierten Mr. Blank. Hier wird also offenbar ein in die Jahre gekommener Schriftsteller von seinen eigenen Figuren heimgesucht, oder besser gesagt: von den Figuren aus den Romanen des mittlerweile sechzigjährigen Paul Auster. Es sind wirklich fast alle dabei: Daniel Quinn und Peter Stillmann aus „Stadt aus Glas“, Marco Fogg aus „Mond über Manhattan“, Benjamin Sachs aus „Leviathan“ und Walt Rawley aus „Mr. Vertigo“ finden sich ein in einem „Nebelland voller geisterhafter Wesen und zerbrochener Erinnerungen“.

          Die der Literatur entsprungenen „Chimären“ und „Phantome“ tun, was sie tun müssen. Während die einen Mr. Blank in seiner Zelle liebevoll mit Götterspeise und lauwarmer Gemüsesuppe füttern, trachten andere ihm nach dem Leben. Und dann ist da noch ein angeblicher Arzt, der den alten Mann drängt, ein Romanfragment zu beenden, dessen Inhalt fleißige Auster-Leser bereits aus „Die Nacht des Orakels“ kennen dürften - und das jetzt zu einem Buch im Buch ausgeweitet wird. Mr. Blank ist von der blutrünstigen Fantasy-Story über die imperialistischen Gelüste einer den Vereinigten Staaten recht ähnlichen Großmacht allerdings nicht sehr angetan: „Von wem stammt dieses Geschreibsel überhaupt? Der Schmierfink sollte an die Wand gestellt und erschossen werden.“

          Bunte Pillen zum Frühstück

          In der Psychiatrie würde man Mr. Blank vermutlich eine „multiple Persönlichkeitsstörung“ diagnostizieren und ihm genau die bunten Pillen verabreichen, die Anna Blume ihm bereits zum Frühstück serviert. Die Literaturkritik dagegen erkennt in „Reisen im Skriptorium“ die vergleichsweise harmlosen Symptome der fortschreitenden Intertextualität - und die weiß Paul Auster bekanntlich wie kein anderer Autor der Gegenwart erfolgreich zu produzieren. In mittlerweile elf Romanen und mehreren Drehbüchern hat er sich als Meister im Spiel der Referenzen erwiesen und auf dieser inzwischen mehr als dreißig Jahren andauernden Reise durch das eigene Skriptorium und fremde Schreiblandschaften seine Leser bestens unterhalten.

          Teil dieses kunstvollen Gewebes von Zitaten und Selbstzitaten war von Anfang an der Autor selbst. Paul Auster hat Figuren nach sich selbst benannt, augenzwinkernd absolvierte er versteckte Auftritte in Verfilmungen seiner Romane, und in zahlreichen Interviews hat er fleißig am Bild eines Schriftstellers gearbeitet, der psychisch und physisch in seinen Texten aufgeht. Gerne berichtet Auster von der zermürbenden Identifikation mit seinen Geschöpfen und den andauernden Erschöpfungszuständen nach der Beendigung eines Manuskripts.

          Schuldgefühle gegenüber den „Schattenwesen“

          Auch das Herz seines Alter Ego Mr. Blank ist von Schuldgefühlen gegenüber den „Schattenwesen“ erfüllt, die ihn in seiner Zelle heimsuchen. Und obwohl sie dabei „so viel Chaos wie möglich verursachen“ und ihm weiszumachen versuchen, dass er den Verstand verliert, lässt der alte Mann die Frage, „ob die Tür von außen abgeschlossen ist oder nicht“, lieber unbeantwortet. Im Grunde genommen fühlt er sich nämlich recht wohl in seiner von Dämonen bevölkerten Schreibstube. Am Ende des langen Tages, der mit dem Ende des Romans zusammenfällt, bringt Anna Blume ihn ins Bett und deckt ihn zu: „Schlafen Sie wohl, Mr. Blank.“

          Paul Auster ist natürlich zu intelligent, um sich auf eine einzige Lesart festzulegen. Es gelingt ihm, die „Reisen im Skriptorium“ in der Schwebe zu halten zwischen dem pathetischen Selbstporträt eines alternden Schriftstellers und einem amüsanten Spiel mit Versatzstücken des eigenen Werkes. Seine Anhänger werden ihren Spaß an diesem hermetischen und etwas eitlen Werk haben, und alle anderen dürfen auf das nächste Buch hoffen. Im Gegensatz zu seinem Mr. Blank stehen einem Schriftsteller wie Paul Auster, wie man so schön sagt, schließlich alle Türen offen.

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