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Literatur Einmal alles

 ·  Am Montag erscheint in den Vereinigten Staaten der neue, elfhundert Seiten starke Roman von Thomas Pynchon. Er stellt damit die Kritiker vor ein Rätsel - wie immer, muß man sagen.

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Amerikas Literaturkritiker haben einen Konditionstest zu bestehen. Noch etwas duselig stehen sie vor einem Berg, nein: einem unüberschaubaren, wild zerklüfteten Gebirge von einem Roman. Wer trotz eines vom Verlag verhängten Embargos, das heute endet, den Versuch einer ersten Durchwanderung schildert, ist von dem Abenteuer ziemlich unverrichteterdinge zurückgekehrt. Einer hat sich gar entschlossen, uns etappenweise von seinen Fortschritten oder auch dem Fehlen derselben zu berichten. Sonst, schreibt er, hätte er fürchten müssen, am Ende wie Woody Allen dazustehen, der erzählte, er habe im Schnelleseverfahren „Krieg und Frieden“ hinter sich gebracht und könne zusammenfassen: Es gehe darin um Rußland.

In „Against the Day“, dem neuen, 1085 eng bedruckte Seiten langen Monumentalpanorama des für keinen Reporter, keinen Fotografen und keinen traditionellen Marketingstrategen erreichbaren Thomas Pynchon, geht es um die vier Kinder eines Anarchisten, die sich entscheiden müssen, ob und wie sie seinen Tod rächen wollen. Und um den gangsterartigen Superkapitalisten Scarsdale Vibe, der mit seinem Clan das böse Gegengewicht zu den „Chums of Chance“ darstellt, einer Gruppe von jungen Männern, die in einem Wasserstoffballon namens „Unbequemlichkeit“ die Welt bereisen und so dem Romancier gestatten, von den Gestaden der Südsee, der venezianischen Lagune und den Bergwerken Colorados zwanglos nach Long Island, Island, Deutschland und in die nicht eben leicht zu erreichende Mitte unseres Heimatplaneten hinüber- und hinunterzuwechseln.

Endlose Liste an Themen und Handlungen

Es geht zudem um die Freude am technologischen Fortschritt, die allerdings schnell verdüstert wird. Und um Quantenmechanik, das Rätsel einer vierten Dimension, die zeitzersplitternde Form eines kristallartigen Kalzits, den Beginn der Filmindustrie, die Geburt des Jazz, die Kolonisierung des Himmels, die Kontrolle des elektromagnetischen Feldes, das krisenfeste Tauziehen von Kapital und Arbeit. Und - wie es in einer geheimnisumwitterten Vorankündigung hieß, die der Autor selbst für den Internetkonsum verfaßt hat oder auch nicht - um Drogenfreaks, Unschuldige und Dekadente. Von, wie es weiter heißt, „dummen Liedern, seltsamen Sexualpraktiken und tatsachenspottenden Vorkommnissen“ gar nicht erst zu reden.

Die Handlungs- und Themenliste ließe sich endlos fortsetzen. Was bereits moniert wurde, zumal auch die Zeitspanne, die wir uns etwa von der Weltausstellung in Chicago (die 1893 stattfand) bis zum Ende des Ersten Weltkriegs vorzustellen haben, nicht ein für allemal begrenzt ist. Aufregende Ausflüge in der Zeitmaschine sind immer möglich, und überhaupt ist es, bei Pynchon kaum überraschend, für die sogenannte Wirklichkeit ein leichtes, sich in ihr Gegenteil aufzulösen. Ein sprechender Blitzschlag und ein Hund, der des Französischen mächtig ist, sollen ihren Platz neben wissenschaftlichen Abhandlungen haben, wie sie der ehemalige Verfasser von technologischen Texten in Diensten der Firma Boeing nicht erst in diesem seinem sechsten Roman unterbringt.

„Auf kindische Weise sentimental“

Der Schriftsteller oder sein Doppelgänger wies im voraus zwar darauf hin, daß mit der Schilderung einer Zeit, die durch unternehmerische Gier, falsche Religiosität und böse Vorsätze auf höchster Ebene geprägt werde, keinerlei Hinweise auf unsere Tage beabsichtigt oder daraus abzuleiten seien. Das hat aber den Kritiker der New Yorker „Sun“, einer wenig gelesenen, dafür um so ehrgeizigeren Zeitung, die das Embargo souverän mißachtete, nicht davor bewahrt, bei der Lektüre an den 11. September zu denken. Tadelnswert fand der Rezensent die Neigung des Autors, in stolzen Terroristen Helden zu erkennen und damit gegenüber der Gewalt eine Haltung einzunehmen, die „auf kindische Weise sentimental“ sei. Pynchon, so der kokett hinausgezögerte Verriß, sei nicht länger der Romancier, den wir brauchten.

Damit ist nun wahrlich noch nicht das letzte Wort gesprochen. Die Großen des Rezensentengewerbes sind noch am Lesen oder können es sich leisten, die Auslieferung des Buches abzuwarten. Währenddessen stöhnt John Freeman, der Vorsitzende des National Book Critics Circle, auch nach zwanzig Stunden Lektüre fühle er sich auf Seite 400 immer noch wie am Anfang. Beeindruckt ist Freeman aber schon vom Bemühen des mannigfaltigen Romanpersonals, seine Sterblichkeit zu transzendieren, und zwar mit einem für Pynchon neuen Hauch von Optimismus.

Fans warten gespannt auf den Roman

Der neue Pynchon: ein verkappter Optimist, in seiner Maßlosigkeit und Unbezwingbarkeit aber noch radikaler als der alte? Genau das müßte Musik in den Ohren seiner Fans sein. Elf Jahre haben sie warten müssen, jetzt fiebern sie seit Wochen dem Auslieferungstag von „Against the Day“ wie Junkies der nächsten Drogenlieferung entgegen. Ihr Rauschmittel ist Pynchons phantasmagorischer Stoffreichtum, der ihnen ebensolche Deutungen entlockt.

Nach dem Vorbild der Gemeinschaftsenzyklopädie Wikipedia haben sie die Website pynchonwiki.com eingerichtet, die sich in den kommenden Wochen zu einem Brennpunkt der emphatischen Pynchon-Exegese entwickeln dürfte. Als Avatar kann der publikumsscheue Autor sich dann vielleicht doch noch unter seine Gemeinde mischen. Aber auch vor der cybertauglichen Aufbereitung und Debatte heißt es ganz altmodisch erst einmal: lesen!

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