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Literatur : Der Tod, diese Schweinerei, muss aufhören!

  • -Aktualisiert am

Ein großer Affenzirkus: Tilmann Rammstedt erfindet ein anderes China Bild: picture-alliance/ dpa

Zig Chinesen und kein Kontrabass: Tilman Rammstedts brachial komischer und tief humaner, mit dem Bachmannpreis gekrönter Roman ist eine Reise ins China des Herzens, wo die fröhliche Wiedergeburt regiert.

          Bei uns macht das der Frosch. Leiter rauf, Leiter runter, immer schlecht gelaunt. In China ist die Wettervorhersage Sache Pu-tais, zu deutsch: Hanfsack. Hanfsack spaziert übers Land, so unbesorgt, dass es eine Lust ist. Schläft er auf Brücken, wird es sonnig; trägt er Holzsandalen, kommt Regen. Was ihn vom Frosch unterscheidet: Die Meteorologie ist bloß ein Hobby, denn eigentlich hat Hanfsack eine ganz andere Mission. Hanfsack lacht. Lacht, dass es nur so bebt, weil sein gewaltiger Bauch dabei auf die Erde trommelt. Lacht sich einen Ast, einen Baum, einen ganzen Maulbeerwald. Durch alle Dörfer lacht er, hochgradig ansteckend, zieht erst weiter, wenn niemand mehr widersteht.

          China ist da, wo alles andere aufhört. Es war schon da, bevor alles andere angefangen hat. China besteht aus Porzellan, aus Hüten, aus Papier, aus hüpfenden Schirmschatten, ist ein evolutionsgeschichtlicher Rülpser, ein pränatales Schnauben des Weltgeistes, der noch in keinen Spiegel geschaut hat. China ist überall, unter allem, hinter allem, ist das All selbst, wenn es sich kugelt vor Lachen, ist die Blüte der Kirsche, der Bauch des Buddhas, eine einzige Überforderung: „Man will ,Entschuldigung' sagen können, man will ,Nein, das daneben' sagen können, man will sich auskennen und Straßenschilder verstehen.“

          Generationen tauschen sich aus

          China ist irgendwo in uns. Selbst im Frosch. Denn egalitär ist China ja auch, weil alles egal ist: „Wei-Dynastie, Sui-Dynastie, Tang-Dynastie, Hong-Dynastie, ganze Jahrhunderte purzelten durcheinander und waren mir vollkommen gleichgültig.“ Was soll heißen, es gibt seit Pu Yí keinen chinesischen Kaiser mehr? Es gibt dort gar nichts anderes als Kaiser, und einer steht gerade vor uns, beileibe kein unbedeutender, sondern ein unermesslicher, einer, der nicht altert, der so prallvoll mit Lebensübermut ist, dass er es sich sogar leisten kann, vorübergehend tot zu sein, nicht nur tot, sondern: tot im Westerwald.

          Im Nebenberuf ist der Kaiser von China ein einarmiger Großvater, was man in diesem Fall getrost als „GV“ abkürzen darf, denn seine Potenz scheint unerschöpflich. Er ist reines Glutamat: Mit diebischer Freude schnappt er seinem Lieblingsenkel die Freundinnen weg, bis dann, eines späten Tages, der Enkel dem Großvater die junge Geliebte ausspannt. Aber ist dem wirklich so? Vermacht der alte Weise sie ihm nicht vielmehr? Und schließt die Augen, wenn die beiden jungen Menschen sich vereinen, wozu sie offenbar nur in seinem Blickfeld in der Lage sind?

          Tatsachen würden es einfacher machen

          Franziska heißt die Freundin des Helden, die eben noch seine Großmutter war, Keith heißt er selbst, einen Namen, den Franziska nicht in den Mund nimmt, lieber nennt sie ihn „Kapunkt“, „Mick“, „hin und wieder auch ,Dingens', was sie lustiger fand als ich“. Keith hockt tagelang unter seinem Schreibtisch, Franziska zertrümmert Gegenstände, das Standesamt scheint eine Art Fluchtpunkt zu sein, während der Großvater einerseits tot im Westerwald liegt und andererseits quicklebendig durch China tingelt.

          Aber was heißt schon einerseits und andererseits, wo doch alles eins ist, Yin und Yang. Nur was, bitte schön, ist hier los? Alles ist los, ist gelöst, explodiert in unserer Hand wie ein Chinaböller. Befreit regnen die Zeitungsschnipsel auf uns herab. Der Held, scheint es, steht nicht viel anders da als wir. Komplexität muss reduziert werden, mit dieser Hochzeit zum Beispiel - „dann wären immerhin Tatsachen geschaffen, das würde es einfacher machen“.

          Mit Wucht in den Literaturbetrieb

          Und so einfach ist es: Tilman Rammstedts Roman ist ein Tempel, ein Affenzirkus, eine Liebeserklärung an die Phantasie, weil die Phantasie eine Liebeserklärung an das Leben ist. „Der Kaiser von China“ ist ein Buch, das uns die richtige Station verpassen lässt, die richtige Bahn, die richtige Stadt, alles scheinbar Richtige, den Schlaf, den Einkauf, das Kino-Rendezvous, die Deadline; ein Roman, aus dem wir nicht aussteigen können, nicht bei diesem Tempo, der uns hochreißt, mitreißt, wegreißt, weit fort, und der uns erschüttert, weil wir plötzlich, Tränen lachend, hinter der irrwitzigen, kalligraphisch verzierten Fassade eine tiefe und freundliche Wahrheit erblicken, weil ein Buddha in seinem Inneren sitzt, Pu-tai selbst, der immer Wiedergeborene, Sonne und Regen im Hanfsack.

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