22.02.2008 · „Heimsuchung“ kann vieles bedeuten: Hausdurchsuchung, Plage oder Heimweh. Von allem hat Jenny Erpenbecks Roman etwas. Er ist eine Spurensuche in den Ruinen deutscher Geschichte und eine eindrucksvolle Familiengeschichte.
Von Martin HalterJüngere deutsche Autoren neigen dazu, die Geschichte der eigenen Familie zur epischen Saga, wenigstens zu einer Chiffre deutscher Verhängnisse aufzubrezeln; je größer, desto besser, je schmerzhafter und persönlicher, desto „authentischer“. So wird die eigene Biographie zum Gipfel aller bisherigen Geschichte, das Geburtshaus zum Mittelpunkt der Erde, und dieser Narzissmus ist ja auch menschlich.
Jenny Erpenbeck geht den Weg in umgekehrter Richtung. Ja, es ist ihre Geschichte: Das Reethaus am Scharmützelsee, Ausgangspunkt und Ziel dieser Heim-Suchung, wurde 1936 von einem Berliner Architekten erbaut und ging nach dem Krieg in den Besitz ihrer Großeltern Hedda Zinner und Fritz Erpenbeck über. Die Enkelin, die hier ihr Kindheitsparadies fand, ist also wohl Jenny Erpenbeck. Sie ist zu diskret und distanziert, um auch nur ein Wort darüber zu verlieren; aber jedes Wort verrät, was dieses Haus für sie bedeutete. Aber wem und wie soll sie erklären, „dass die vergangene Zeit in ihrem Rücken zu wuchern begann, dass da ihre sehr schöne Kindheit ihr, die längst erwachsen war, mit so großer Verspätung noch über den Kopf wuchs und sich als sehr schönes Gefängnis erwies, das sie für immer einschließen würde“?
Poetisch verdichtet und verknappt
Ja, „Heimsuchung“ ist auch ein Familienroman, aber derart poetisch verdichtet und verknappt, dass die Schicksale von drei Familien und fünf Generationen nicht einmal 190 Seiten beanspruchen. Natürlich ist das Haus am „Märkischen Meer“ Fontanes auch für Jenny Erpenbeck der Mittelpunkt der Welt, das Brennglas, in dem sich die Träume, Hoffnungen und Ängste eines Jahrhunderts deutscher Geschichte spiegeln, Feuer fangen und verbrennen. Aber sie weiß auch, dass jede Landnahme, jeder Hausbau nur eine Episode im ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen ist. „Heimsuchung“ beginnt mit einer geologischen Tiefenbohrung: In nüchterner Wissenschaftsprosa, ohne mythologische Fanfaren und literarische Pauken schlägt Erpenbeck einen großen Bogen von der letzten Eiszeit bis zur nahen „Desertifikation“.
Am Ende, nach der Verwüstung durch die Abrissbagger, wird „die Landschaft für einen kurzen Moment wieder sich selbst“ gleichen. Alles, was Menschen gebaut, wofür sie gekämpft und gelitten haben, wird spurlos vom Erdboden verschwunden sein. Wie der Gärtner, der mit seinen stummen Auftritten die Episoden voneinander trennt: Er sät und erntet, hegt und pflegt, düngt und wässert, redet mit dem Grünzeug und den Bienen, aber nie mit den Menschen. Er war immer da und wird ewig bleiben, als Teil der Natur, als gütiger Hausgeist und Stifter eines sanften Naturgesetzes.
Heimat Utopie und Utopie Heimat
Die zwölf Geschichten, die sich um Haus und Grund, Bade- und Bienenhaus ranken, erzählen eher vom unsanften Gesetz des zwanzigsten Jahrhunderts, von Krieg, Flucht und Vertreibung, von der Heimat Utopie und der Utopie Heimat. So wie das Anwesen unter Parzellierung, Nachbarschaftskonflikten, Schimmel und Verfall, litten auch die Besitzer und Gäste unter den Wunden, die ihnen Zeit und Gesellschaft schlugen. Vor hundert Jahren war es die Großbauerntochter Klara, die als Erste aus der „Welt des Benehmens ausgeschert“ und ins Wasser gegangen ist.
Auf Klaras Parzelle baute der Architekt sein Ferienhaus; im Dritten Reich noch Arisierungsgewinnler, muss er 1951 selber Richtung Westen fliehen. Die Frau des Architekten lachte viel und gern, bis ein Rotarmist 1945 „ein Loch in ihre Ewigkeit bohrte“. Die jüdischen Nachbarn konnten gerade noch nach Südafrika fliehen; ihre Eltern und das Mädchen Doris starben in Auschwitz. Nach dem Krieg fällt das Anwesen an ein aus dem Moskauer Exil heimgekehrtes Schriftstellerpaar; aber Erpenbecks Großeltern wurden nicht mehr heimisch in der Heimat. Die Babuschka, die als Mitgift ins Haus kam, ist dagegen lieber „fremd in der Fremde“ als zu Hause. Als die „unberechtigte Eigenbesitzerin“ das Haus noch einmal putzend in Besitz nimmt, stehen schon die Makler vor der Tür, um das Idyll meistbietend an Touristen und Investoren zu verkaufen.
Geschichten von Schuld und Sühne
Der Begriff „Heimsuchung“ schließt Assoziationsfelder wie Hausdurchsuchung, Plage und Heimweh ein, und so ist Erpenbecks Roman auch konzipiert: als Spurensuche in den Ruinen deutscher Geschichte und als poetische Wiederaneignung des verlorenen Familienerbes. Ein Dutzend lose miteinander verknüpfter Geschichten von Schuld und Sühne: hochkonzentrierte lyrische Prosa, nacktes Gerippe ohne episches Fett, ohne Dialoge und meistens auch ohne Namen. Bevor man damit warm werden kann, springt die Erzählerin zum nächsten Schicksal weiter. Das macht die Lektüre nicht gerade einfach, auch wenn die einzelnen Kapitel durch Wiederholungen, Wortspiele und Leitmotive geschickt verklammert und rhythmisch strukturiert werden: Marder erobern das Haus, Kartoffelkäfer rücken gen Osten vor, Schätze werden vergraben, Krebse gegessen, Menschen und Worte ans andere Ufer übersetzt. „Heimsuchung“ ist virtuos durchkonstruiert.
Die kleinen Scharmützel und großen Dramen am Scharmützelsee passieren nicht nacheinander, sondern neben- und übereinander. Zeit wird gestaut und verkürzt, gesichtet und geschichtet und „mit sich selbst verschwistert“, bis das Futur II das Präsens überlistet und Vergangenheit zu Gegenwart und Zukunft wird. „Alles wie eins. Heute kann heute sein, aber auch gestern oder vor zwanzig Jahren.“ Nur der Wechsel der Sprach- und Stilebenen markiert das Vergehen der Zeit. Klara zerbrach noch an einer archaischen Ordnung, die in Sprichwörtern, Bauernregeln und Ritualen fest gegründet war; mit den Nationalsozialisten kommen Unwörter wie „Entjudungsgewinnabgabe“, mit der Roten Armee auch eine peinlich missglückte Politpornographie, und am Ende kehrt die Enkelin die Scherben ihres Kindheitsparadieses zusammen und bringt sie im Abschied noch einmal zum Leuchten.
Ein kühnes Experiment
„Die Wildnis bändigen und dann mit der Kultur zusammenstoßen lassen, das ist die Kunst“, sagte der Architekt und Heimatplaner. Auch der Bau „Heimsuchung“ wirkt manchmal wie am Reißbrett konstruiert: eine Blaupause aller inneren und äußeren Kriege. Der Rasen im Park ist zu kurz geschnitten, mit zu viel preziösen und sentenziösen Rosen bepflanzt, als dass er noch atmen, wuchern, leben könnte. Man spürt die Anspannung, um nicht zu sagen: Anstrengung, alle Facetten deutscher Geschichte im zwanzigsten Jahrhundert an einem stillen Ort, weit weg von Berlin und vom klassischen Familienroman, zur Sprache zu bringen.
Erpenbeck hat jahrelang recherchiert, vom Bauaktenarchiv Köpenick bis nach Südafrika, hat sich in die Fachsprachen von Geologie, Rosenzucht, Zivilrecht und natürlich Bautechnik eingearbeitet. Am Ende hat sie das Schreckliche wie das Schöne in dieselbe schlackenlose, poetisch beherrschte Sprachkunst gebannt, und selbst wo von Brüchen, Unglück, Terror und Wahn die Rede ist, geht alles perfekt auf. „Heimsuchung“ ist ein kühnes Experiment, ein eindrucksvoller Roman. Aber wohnen möchte man in diesem radikal entkernten Haus am See eigentlich nicht. „Wer baut, klebt nun einmal sein Leben an die Erde“: Jenny Erpenbeck hat ihres eher an Wörter und Sätze gehängt.