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Literatur : Das Haus am Scharmützelsee

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Heimsucherin: Jenny Erpenbeck Bild: F.A.Z.-Christian Thiel

„Heimsuchung“ kann vieles bedeuten: Hausdurchsuchung, Plage oder Heimweh. Von allem hat Jenny Erpenbecks Roman etwas. Er ist eine Spurensuche in den Ruinen deutscher Geschichte und eine eindrucksvolle Familiengeschichte.

          Jüngere deutsche Autoren neigen dazu, die Geschichte der eigenen Familie zur epischen Saga, wenigstens zu einer Chiffre deutscher Verhängnisse aufzubrezeln; je größer, desto besser, je schmerzhafter und persönlicher, desto „authentischer“. So wird die eigene Biographie zum Gipfel aller bisherigen Geschichte, das Geburtshaus zum Mittelpunkt der Erde, und dieser Narzissmus ist ja auch menschlich.

          Jenny Erpenbeck geht den Weg in umgekehrter Richtung. Ja, es ist ihre Geschichte: Das Reethaus am Scharmützelsee, Ausgangspunkt und Ziel dieser Heim-Suchung, wurde 1936 von einem Berliner Architekten erbaut und ging nach dem Krieg in den Besitz ihrer Großeltern Hedda Zinner und Fritz Erpenbeck über. Die Enkelin, die hier ihr Kindheitsparadies fand, ist also wohl Jenny Erpenbeck. Sie ist zu diskret und distanziert, um auch nur ein Wort darüber zu verlieren; aber jedes Wort verrät, was dieses Haus für sie bedeutete. Aber wem und wie soll sie erklären, „dass die vergangene Zeit in ihrem Rücken zu wuchern begann, dass da ihre sehr schöne Kindheit ihr, die längst erwachsen war, mit so großer Verspätung noch über den Kopf wuchs und sich als sehr schönes Gefängnis erwies, das sie für immer einschließen würde“?

          Poetisch verdichtet und verknappt

          Ja, „Heimsuchung“ ist auch ein Familienroman, aber derart poetisch verdichtet und verknappt, dass die Schicksale von drei Familien und fünf Generationen nicht einmal 190 Seiten beanspruchen. Natürlich ist das Haus am „Märkischen Meer“ Fontanes auch für Jenny Erpenbeck der Mittelpunkt der Welt, das Brennglas, in dem sich die Träume, Hoffnungen und Ängste eines Jahrhunderts deutscher Geschichte spiegeln, Feuer fangen und verbrennen. Aber sie weiß auch, dass jede Landnahme, jeder Hausbau nur eine Episode im ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen ist. „Heimsuchung“ beginnt mit einer geologischen Tiefenbohrung: In nüchterner Wissenschaftsprosa, ohne mythologische Fanfaren und literarische Pauken schlägt Erpenbeck einen großen Bogen von der letzten Eiszeit bis zur nahen „Desertifikation“.

          Am Ende, nach der Verwüstung durch die Abrissbagger, wird „die Landschaft für einen kurzen Moment wieder sich selbst“ gleichen. Alles, was Menschen gebaut, wofür sie gekämpft und gelitten haben, wird spurlos vom Erdboden verschwunden sein. Wie der Gärtner, der mit seinen stummen Auftritten die Episoden voneinander trennt: Er sät und erntet, hegt und pflegt, düngt und wässert, redet mit dem Grünzeug und den Bienen, aber nie mit den Menschen. Er war immer da und wird ewig bleiben, als Teil der Natur, als gütiger Hausgeist und Stifter eines sanften Naturgesetzes.

          Heimat Utopie und Utopie Heimat

          Die zwölf Geschichten, die sich um Haus und Grund, Bade- und Bienenhaus ranken, erzählen eher vom unsanften Gesetz des zwanzigsten Jahrhunderts, von Krieg, Flucht und Vertreibung, von der Heimat Utopie und der Utopie Heimat. So wie das Anwesen unter Parzellierung, Nachbarschaftskonflikten, Schimmel und Verfall, litten auch die Besitzer und Gäste unter den Wunden, die ihnen Zeit und Gesellschaft schlugen. Vor hundert Jahren war es die Großbauerntochter Klara, die als Erste aus der „Welt des Benehmens ausgeschert“ und ins Wasser gegangen ist.

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