07.08.2010 · Einen Begriff vom „eigenen Tod“ hat die Literatur schon entwickelt. Lisa-Marie Dickreiter zeigt uns, was es bedeutet, wenn eine Familie trauert – in einem erschütternden Roman.
Von Edo ReentsEs ist heute nicht mehr üblich, beim Verlust eines Angehörigen nach dessen Beerdigung noch Schwarz zu tragen, wie überhaupt Trauerrituale im Schwinden begriffen sind. Unzweifelhaft geht damit auch Halt verloren. Kaum zufällig hat, im Zuge dieser Verluste und vermutlich zu deren Kompensation, die wissenschaftliche Befassung mit Trauer eingesetzt; sie ist inzwischen ein weites Forschungsfeld. Die oft als Kitsch verdächtigte „Trauerarbeit“ ist, als der kleinste gemeinsame Nenner, aus diesen Bemühungen hervorgegangen. Doch ähnlich, wie die Sterbeforschung vor jedem Fall am Ende kapitulieren muss, so hat die Trauerforschung anzuerkennen, dass ihrem Einfluss jene Grenzen gesetzt sind, die aus dem Menschen ein Individuum machen.
Der „eigene Tod“ war in der Literatur um die vorvergangene Jahrhundertwende herum ein geläufiger Topos, der bei Jens Peter Jacobsen („Niels Lyhne“) und Rilke („Malte Laurids Brigge“) auftauchte. Der eigene Schmerz hat in Lisa-Marie Dickreiters Debüt „Vom Atmen unter Wasser“ einen Ausdruck gefunden, der im Leser tief und lange nachhallt. Der 2007 als Drehbuch mit Andrea Sawatzki verfilmte, nun nach langem Feilen fertiggestellte Roman leistet mit unerbittlichem Ernst eine Trauerarbeit, die der Banalität, dass jeder seine Trauer anders verarbeitet, eine Wucht verleiht, die ihrerseits traurig macht. Sarah, die sechzehnjährige Tochter der Bergmanns, ist ermordet worden. Ein Jahr später setzt die Handlung ein. Vater Jo, ein zermürbter Sozialarbeiter, muss mitansehen, wie sich seine Frau Anne, eine ehemalige Krankenschwester, ihrer Trauer ohne jede Rücksicht auf ein weiteres, halbwegs normales Leben hingibt – Selbstmordversuch inklusive. Deswegen bittet er seinen Sohn Simon, wieder bei den Eltern einzuziehen, damit die in ihrem Schmerz bisweilen geradezu Unzurechnungsfähige unter Aufsicht ist. Ein Vater, der zur Verdrängung neigt; eine Mutter, die diesem Pragmatismus den Egoismus der Trauernden entgegenhält („Ich will mich aber nicht zusammenreißen!“), und ein Sohn, der mit seinem Weiterleben für die Mutter einen stillen Vorwurf darstellt, aber als Trauerhilfe und Feuerwehrmann die Lage mehr als einmal retten muss – das ist die noch vergleichsweise erwartbare Ausgangslage.
Trauerarbeit der Übriggebliebenen
Wie sie in Bewegung kommt, mag den von der Wissenschaft beschriebenen Trauerphasen gehorchen; aber darauf kommt es hier nicht an. Bemerkenswert ist vielmehr, wie die Familienkonstellation nach hinten hin durchsichtig wird und sich Verstrickungen zeigen, die zwar nichts mit dem Tod der Tochter zu tun haben, aber die Trauerarbeit der Übriggebliebenen und deren Auseinanderdriften erklären.
„Mit sieben Jahren beschloss ich, meine kleine Schwester für immer loszuwerden“: Mit diesem klassisch anmutenden Satz beginnt der Roman. Simon setzt, weil er die Bevorzugung der Jüngeren nicht erträgt, diese auf einer Busfahrt aus. Anders als bei Joseph und seinen Brüdern fliegt das auf: Als Simon, froh, die Konkurrentin los zu sein, wieder zu Hause ist, empfangen ihn dort die fröhlich plappernde Schwester und eine Ohrfeige der Mutter, die ihm das nie mehr vergisst. Diese gesteht später, dass sie während ihrer zweiten Schwangerschaft Zweifel hatte, ob sie überhaupt noch ein Kind will: „Ich hab sie nicht genug gewollt. Deswegen ist sie mir weggenommen worden.“ Von wem, das spielt keine Rolle; der Täter, von dem es nur heißt, er habe schöne Hände, wurde verurteilt. So ist der Raum frei für eine nicht kausal begreifbare Schuldaufarbeitung innerhalb der Familie, die in unaufdringlich-eleganter perspektivischer Verschachtelung vor sich geht.
Zuflucht in Neurosen
Psychologen werden es bestätigen, dass ein Mensch, der mit einem Verlust nicht zurechtkommt, seine Zuflucht bei Neurosen und magischem Denken nimmt, um den Verlust rückgängig zu machen oder eine trügerische Gegenwart des Toten herzustellen. Trauer macht auf eine tieftraurige Weise erfinderisch. Die Mutter hatte einen hochsymbolischen Traum, der sie glauben lässt, ihr Kind lebte noch: „Immer wenn ich im Gerichtssaal auf seine Hände gesehen hab, hab ich an diesen Traum gedacht. Das hat mich den Prozess durchstehen lassen. Da war ein Ort, an dem ich seine Tat rückgängig machen konnte. Ein Ort, an dem Sarah auf mich gewartet hat.“
Jeder, der einen geliebten Menschen verloren hat, kennt das bittere Schuldgefühl, das man angesichts dessen empfindet, was man dem Toten einst angetan, die Aufmerksamkeit oder die Freuden, die man ihm versagt hat. Die Logik dieses Schmerzes eröffnet einen Raum, in dem sich die Bergmanns mit hilfloser Vehemenz ausleben. Der Vater malträtiert mit seinem Sozialarbeiter-Duktus die Mutter („Ach, Liebes“), die sich kopfüber in alles stürzt, was von der Tochter noch übrig blieb. Welche Instinkte dabei wirksam werden, sehen wir in Passagen, die auch dem Leser die Luft abschnüren: „Warte Kind, schlüpf noch nicht in deinen dicken Mantel, lass mich dich noch einmal anschauen, bevor du auf die Party gehst.“ Wie ein Tier versenkt sich die Mutter in die ungewaschenen Kleider und offenbart so die körperlich-sinnliche Dimension ihrer Verzweiflung: „Ihr Zuhausegeruch. Der Mörder muss ihn gerochen haben, als er auf ihrem Kind gelegen hat.“ Simon überrascht sie dabei: „Seine Mutter kniet auf dem Boden. Die Arme voller Kleider, wiegt sie sich vor und zurück. Und weint, wie er noch nie einen Menschen hat weinen hören. Brüllend vor Wut.“
Simon wurde „vergessen“
Während die Mutter wieder zum Kind wird, muss der Sohn vor der Zeit erwachsen werden und liefert sich ruppige Auseinandersetzungen mit dem Vater, der das alles seinerseits schon lange nicht mehr erträgt und seit vier Monaten eine Affäre hat. So erfahren wir nach und nach die Wahrheit über eine ökologisch-linksliberale, politisch sicherlich korrekt denkende Familie: Bei der Traueranzeige wurde Simon vermutlich nicht zufällig „vergessen“; Sarahs Freund hat sich am Abend des Mordes mit deren bester Freundin Elena eingelassen und sie die Party deswegen vor der Zeit verlassen lassen; Sarah hatte dieses Manöver aber auch provoziert, indem sie Elena immer wie einen erotischen Underdog behandelt hat.
All dies erklärt den Mord nicht, der ist einfach passiert. Aber es schafft einen quälenden Zusammenhang mit der Kausalität. So scheint hinter der mit klinischer Präzision freigelegten Anatomie unterschiedlicher Verlusterfahrungen die Evidenz von Schuldgefühlen auf, die nicht verhandelbar sind. Daran zerbricht die Familie. Sie ist seelischen Schubkräften unterworfen, die in den mit extremer Ökonomie geführten Dialogen und den wie Kristalle zusammenschießenden Erinnerungen an die Oberfläche kommen.
Was es mit dem Tod auf sich hat, wissen wir aus dem einen oder anderen Buch. Wer aus zweiter Hand erfahren will, was Trauer ist, der lese diesen in jeder Hinsicht meisterhaften Roman.