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Linus Reichlin: Der Assistent der Sterne Der Fetisch würfelt nicht

28.12.2009 ·  Physik als kriminalistische Hilfswissenschaft: Nach „Die Sehnsucht der Atome“, dem ersten Krimi um Ermittler Hannes Jensen, legt Linus Reichlin nun „Der Assistent der Sterne“ vor.

Von Richard Kämmerlings
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Die Hellseher unter den Fußballfans haben ein schweres Los. Wer immer schon vorher weiß, wie ein Spiel ausgeht, hat wenig Spaß an Liveübertragungen. Pierre Lulambo aus Ghana, der in Antwerpen als féticheur, als Wahrsager, das wenige Geld verdient, das er seiner afrikanischen Familie zuschickt, schaut Videoaufzeichnungen von Länderspielen, die ihm sein Bruder aus der Heimat sendet. Er könnte das Ergebnis also auch ohne Magie leicht vorher erfahren. Live oder Konserve – das macht für Lulambo keinen Unterschied. Sein Fetisch, so klärt er Hannes Jensen, den Ermittler, auf, sage immer die Wahrheit, und selbst wenn dieser lüge, würden eben die Lügen Wirklichkeit werden. Spannung ist für Hellseher ein Fremdwort.

So wird Lulambo zur Schlüsselfigur in einem Verbrechen, das noch gar nicht geschehen ist. Denn er hat einer Kundin prophezeit, ihre erwachsene Tochter würde ermordet werden; der Mörder trage ein auffälliges Mal am Hals. Jensen, ein deutscher Kriminalist in Brügge, der mit Anfang fünfzig aus dem belgischen Polizeidienst ausgeschieden ist, hat sich der zutiefst verängstigten Mutter angenommen, um sie zu beruhigen. Als personifizierte Stimme der Vernunft glaubt der Hobbywissenschaftler Jensen, der sich in seinem Ruhestand eigentlich quantenphysikalischen Experimenten widmen wollte, nicht an Weissagungen und die Unausweichlichkeit des Schicksals. Leider stellt sich heraus, dass Jensen selbst nach einem erotischen Abenteuer eine Bisswunde am Hals hat und die Mutter und Lulambo ihn für den – künftigen – Mörder der Tochter halten. Nach deren mysteriösem Verschwinden im winterlichen Brügge tun das bald auch Jensens frühere Kollegen bei der Polizei. Denn Jensens One-Night-Stand war eben diese Frau gewesen.

Zufall oder Schicksal?

Für einen herkömmlichen Kriminalroman wäre das etwas viel Zufall oder eben Schicksal, je nach Betrachtungsweise. Linus Reichlin aber will seine Geschichte gerade bis zu jenem Punkt zuspitzen, an dem der Rationalist im Leser kurz davor ist, die Reißleine zu ziehen. Jensen versucht alles, um das Eintreten eines Geschehens zu verhindern, an dessen Vorherbestimmung er schon aus physikalischen Gründen nicht glaubt. Dennoch nimmt das Geschehen wie im antiken Mythos von Ödipus auch gegen den Widerstand der Handelnden seinen Lauf.

In seinem ersten, mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichneten Jensen-Krimi „Die Sehnsucht der Atome“ hatte Reichlin die Herrschaft der Vernunft in der Konfrontation mit dem Wunderbaren auf die Probe gestellt. Jensen und seine Gefährtin folgten der Spur eines verschwundenen Zwillingspaars in ein entlegenes mexikanisches Dorf, wo eine Frau von den Einheimischen als Wunderheilerin verehrt wird. Reichlin ließ dieses spannende Roadmovie eskalieren, indem Jensen in einer heiklen Lage unvermittelt selbst zur Wahl zwischen Magie und Medizin gezwungen wird – ohne dass die Spannung zwischen Glauben und Wissen aufgehoben würde. Auch in Jensens zweitem Fall bleibt offen, ob Lulambo nur ein Scharlatan oder ein Verrückter ist – obwohl der Amateurphysiker Jensen Telepathie mit der Theorie der Quantenverschränkung erklären will.

Abwehr eigener Schuld

Reichlin, Jahrgang 1957, gehört mit seinen kriminalistischen Versuchsanordnungen zu jener starken Fraktion intelligenter deutschsprachiger Krimiautoren, die die Zweckform des Genres mit philosophischen oder theologischen Fragestellungen überschreiten (Kriminalistische Literatur: Hat der Autor ein Motiv?). Parallelen kann man vor allem zu Friedrich Anis Romanen um den mönchischen Kommissar Polonius Fischer finden. Wie dieser leidet auch Jensen unter einem Kindheitstrauma. Einst wünschte er sich, seine Mutter, eine Alkoholikerin, sei tot, sie starb tatsächlich kurz darauf. Der Rationalismus dient Jensen auch zur Abwehr eigener Schuld. Für den Kriminalpolizisten kann ein Schadenszauber keine sinnvolle Hypothese sein.

Während Polonius Fischers Fälle auf die rechtsphilosophische Pointe hinauslaufen, dass der strafrechtliche Verantwortliche im moralischen Sinne unschuldig sein kann, übersetzt Hannes Jensen das Verhältnis von freiem Willen und Determination in physikalische Gleichnisse. Deren Aussagekraft für die Gesetze menschlichen Handelns ist allerdings begrenzt, auch wenn es dem Menschen ebensowenig wie Elementarteilchen möglich scheint, aus der vorgezeichneten Bahn auszubrechen. Welche Kräfte im Universum auch wirken mögen, der Roman zeigt, dass eine der stärksten der Egoismus ist. Nicht nur bei den Tätern – Schuld lädt auch Jensen auf sich, weil er seiner schwangeren Freundin nichts von seinem folgenreichen Seitensprung erzählt. Man muss kein Hellseher sein, um zu erkennen, dass Liebe Wahrheit voraussetzt.

Linus Reichlin: „Der Assistent der Sterne“. Roman. Verlag Galiani Berlin, Berlin 2009. 384 S., geb., 19,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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