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Lilly Lindner: Splitterfasernackt : Ohne Männer ist es im Bordell ganz gemütlich

  • -Aktualisiert am

Bild: Droemer Knaur

An den Nervenenden einer wahren Geschichte: In „Splitterfasernackt“ erzählt Lilly Lindner von Missbrauch, Prostitution und Magersucht. Aufklärungsarbeit in einer glasklaren und welthaltigen Prosa.

          Lilly Lindners Buch „Splitterfasernackt“ kommt ohne Untertitel daher. Ist es ein Tatsachenbericht, ein Tagebuchwerk oder ein Roman?

          Legte es jemand darauf an, mit sensationsheischenden Themen zwischen zwei Buchdeckeln zu punkten, er könnte es nicht besser treffen. Denn hier geht es um eine Karriere als Prostituierte, die sich für die Erzählerin mit nicht eben leicht nachzuvollziehender Logik aus zwei unerhört grausamen Missbrauchsdelikten ergibt. Dass sie mit sechs Jahren von einem Nachbarn vergewaltigt wurde, erfährt man zunächst nur aus Andeutungen. Über die ersten neunzig Seiten liefert Lillys sarkastisch-masochistische Erzählung wenig Konkretes. Man erfährt von einem indifferenten Vater, einer aggressiven Mutter, von Lillys Anorexie, einem Selbstmordversuch, einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik und ihrer Selbsteinlieferung in ein Jugendheim. Quälend deutlich ist, dass sich hier jemand aus Worten einen Schutzpanzer baut, zu kommunizieren versucht und doch niemanden zu sich hereinlässt.

          Prostitution aus Angst vor der Unmündigkeit

          Wer diesen Teil des Buches überstanden hat, taucht verblüfft in eine so glasklare wie welthaltige Prosa ein. Sie geht einher mit Lillys Entschluss, in einem Bordell anzuheuern. Von nun an sitzt sie zwischen zwei Freiern im „Mädchenzimmer“ auf dem Bett und hämmert in ihren Laptop. Immer noch ist sie magersüchtig, zerschnitzt sich daheim mit Rasierklingen die Arme und schläft des -Nachts ohne Deckbett. Aber es braucht fast vierhundert Seiten, bis sie dem Leser mit einem Schlag eine Vorstellung davon gibt, was so viel Selbstzerstörung auslösen konnte. Und erst jetzt begreifen wir, dass die Grundabsurdität, die das Buch durchzieht, sehr ernst zu nehmen ist: Denn die mit siebzehn Jahren durch einen Sadistenkreis gemeinsam mit anderen verschleppten Mädchen abermals vergewaltigte junge Frau macht sich zur Prostituierten, um endlich mündig zu werden, um ohne Scham von Dingen sprechen zu können, die ihr Selbstgefühl vernichtet haben und die selbst ein mit den menschlichen Abgründen vertrauter Kriminalbeamter nicht leicht über die Lippen brächte.

          In immer neuen Anläufen versucht Lilly zu begreifen, warum sie tut, was sie tut. Die Paradoxie, dass jemand, dem die Sexualität lange vor der Geschlechtsreife als diabolische Gemeinheit ins Fleisch getrieben wurde, gerade sie zu seinem Beruf macht, wird immer neu gewendet und erklärt. Eine Begründung ist so gut wie die andere, doch dass keine der Erzählerin genügt, ist das wohl stärkste Argument dafür, dass es sich hier um die Nervenenden einer wahren Geschichte handelt.

          „Die Wirklichkeit vollzog sich mit verschwitzten Männern“

          Wie kann es sein, fragt man sich, dass sie so gütig, so ohne Ranküne von den Männern spricht, die sich zu ihr und den anderen fast komödienhaft in Szene gesetzten Mädchen des Berliner Bordells „Passion“ stehlen? Woher nimmt dieses psychische Wrack die Seelenruhe und den gerechten Wortschatz, um die Sehnsucht spürbar zu machen, die zur käuflichen Liebe treibt? Einmal trifft sie an einer Bushaltestelle auf eine Leidensgefährtin aus der Sadistenwohnung. Ohne ein Wort zu wechseln, sitzen beide nebeneinander, bis es dunkel wird. Sie sehen sich kaum an, teilen ein paar Weintrauben und gehen wieder auseinander. Was sie vereint, ist die Panik vor den Möglichkeiten, die sich mit ihrer Begegnung eröffnen. Denn die Täter wurden nicht verfolgt, und ihre Opfer sagten nie aus.

          Lilly Lindner ist die Tochter koreanisch-deutscher Eltern, die ihrem Kind nicht anmerken, was ihm ein netter Nachbar antat. Auch beim zweiten Überfall überhört der Vater, dass etwas nicht stimmt, als sich die Tochter bei vorgehaltener Pistole telefonisch für das ganze Wochenende abmeldet: „Für einen Moment hatte ich dummes Ding doch tatsächlich geglaubt, dass es meinem Vater auffallen müsste, dass ich ihn sonst nie ,Papi’ nenne, oder dass er zumindest wissen würde, dass ich gar keine Freundin namens ,Julia’ habe. In Filmen klappt so etwas immer, da reicht eine falsche Sprechpause, ein kaum hörbares Räuspern, ein unpassendes Wort, und schon kommt ein SWAT-Team oder Jack Bauer durch die Tür gestürmt. Die Wirklichkeit aber vollzog sich mit verschwitzten Männern.“

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