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Lilly Brett: Lola Bensky : Dicke Lola, armes Kind

Bild: Suhrkamp Verlag

Als Reporterin hat Lily Brett in den sechziger Jahren die damals jungen Heroen der Rockmusik getroffen. Heute schreibt sie einen Roman über diese Begegnungen.

          Am Anfang sitzt Lola, neunzehn Jahre alt und unterwegs für ein australisches Musikmagazin, in London auf einem Barhocker neben Jimi Hendrix. Lola ist jüdisch, und sie ist dick; beides prägt ihre Selbstwahrnehmung - und wird das in den entscheidenden Jahren ihres Lebens tun. Jetzt trägt sie Netzstrümpfe. Um deren schmerzhaftes Einschneiden in ihre Oberschenkel zu vermeiden, hat sie Papiertaschentücher zwischen die Haut und das Nylon geschoben. Die zersetzen sich, und kleine Fetzen rieseln unter ihrem Rock hervor. Die Angst vor der Entdeckung begleitet Lolas Gespräch mit dem genialen amerikanischen Gitarristen, der 1967 noch kein Star ist. Hendrix ist liebenswürdig und zugewandt, und er ist schwarz. Lola wird ihn im Sommer beim Popfestival in Monterey wiedersehen; drei Jahre später wird er tot sein.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Dieser Roman ist ein feingesponnenes Gewebe, dem Achtung gebührt. Lily Brett lässt ihre Protagonistin Lola Bensky in kunstreicher Verschränkung mehr als vier Jahrzehnte durchlaufen, bis in die Gegenwart in New York. Doch das Buch erzählt noch eine andere, zweite Geschichte. Es ist die von Lolas Eltern und von deren Familien, die von den Nationalsozialisten ausgelöscht wurden. Die Eltern Renia und Edek überlebten, voneinander getrennt, das Vernichtungslager Auschwitz. Sie fanden sich wieder in einem deutschen Lager für „Displaced Persons“, wo Lola geboren wird. Mit dem Kind wanderten die Eltern nach Australien aus. Und es gibt eine dritte Ebene: Das alles ist keine freie Erfindung der Autorin, sondern hautnah an Lily Bretts eigener Biographie, bis hin zu den beiden tragenden Motiven, der jüdischen Identität und dem Dicksein.

          Die Crème de la Crème des Aufbruchs

          Dick zu sein ist schon schlimm genug für ein kleines Mädchen, schlimmer noch vielleicht für eine junge Frau. Lolas Mutter ist eine schlanke anmutige Schönheit, doch sie ist zerbrochen an den Qualen im Konzentrationslager. Für Renia hält die dicke Tochter unüberwindbare traumatische Erinnerungen wach; denn in Auschwitz waren nur diejenigen wohlgenährt, die zu den Tätern gehörten, die an den Leibern der Juden fürchterliche Versuche verübten, sie ausbluten und verhungern ließen. Schlimm ist für die Tochter auch, dass die Mutter nicht spricht. Lola sucht für sich einen Weg aus dieser Sprachlosigkeit, sie wird Reporterin; ganz früh im Buch heißt es: „Lola sammelte gern Informationen über Menschen und trug sie in Listen zusammen. Sie fand das eigenartig tröstlich. Für ihre Familie hatte sie auch Listen. Listen der toten Verwandten ihrer Mutter und ihres Vaters. Diese Listen bedrückten Lola. Lieber fertigte Lola Listen der Diäten an, die sie gerade in Erwägung zog.“ Und sie will sprechen, vor allem auch Antworten bekommen von ihrem Gegenüber.

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