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Nur wenige sind zum Star geboren: Laura Parfitt als Marilyn Monroe in der Oper „Happy Birthday, Mr. President“ von Kriss Russman, die 2013 in Rostock uraufgeführt wurde. Bild: Picture-Alliance

Irene Diwiaks „Liebwies“ : Wer so gern protzt, der leuchtet auch

Das wilde Debüt einer jungen Autorin: In Irene Diwiaks bitterbösem Roman „Liebwies“ werden konsequent all jene gefeiert, die es nicht verdient haben.

          Ab und zu gibt es dann doch diese jungen Autorinnen, die richtig Freude daran haben, sich wilde Geschichten auszudenken. Da wäre die Österreicherin Irene Diwiak: 1991 in Graz geboren, in der Steiermark aufgewachsen, studiert jetzt Literaturwissenschaft in Wien. Anstatt in ihrer bisherigen schmalen Biographie herumzustochern, erfindet sie lieber neue, nie dagewesene Lebensläufe. Den der Komponistin Ida Gussendorff zum Beispiel und die ihres ständig mit sich selbst beschäftigten Gatten, der zu drastischer Selbstüberschätzung in künstlerischen Dingen neigt. Dazu der Lebenslauf des Musikexperten Christoph Wagenrad, der der sängerisch unbegabten Gisela Liebwies verfällt und aus ihr eine Operndiva zu formen versucht. Und sie deshalb beim Konservatorium des Juden Zwirbel anmeldet, der im Wien der dreißiger Jahre auf jeden zahlenden Schüler angewiesen ist und Gisela und ihre Piepsstimme nicht abweisen kann.

          Weil aber bei Irene Diwiak alles mit so viel Freude an karikaturenhafter Überzeichnung wuchert und sich auswächst, beginnt alles erst einmal beim Lehrer Köck, der in einem gottverlassenen Kaff namens Liebwies auf die maulwurfsblinde, aber begnadete Karoline stößt und ihr in der Dorfkirche St. Anna ein Konzert auf den Leib komponiert. Diese Sängerin hat der Welt gefehlt, denkt sich Köck und lädt den alten Freund und Musikexperten Wagenrad aus der großen Stadt zur Uraufführung ein. Der aber hat nur Augen für Karolines Schwester Gisela, was man ihm nicht verdenken kann, denn Gisela ist sehr schön und sieht überdies Wagenrads verstorbener Frau, der Pianistin Ilona, ähnlich. Gisela und Wagenrad gehen nach Wien, Köck und Karoline bleiben zurück im Dorf. Und weil jeder Giselas strahlender Erscheinung erliegt, wird sie nach oben durchgereicht. Zunächst zum Konservatorium, dann auf die große Bühne und in die Prominenz der Stadt.

          Irene Diwiak: „Liebwies“

          Mit der Oper, die Gisela zum Durchbruch verhilft, wird der Schriftsteller August Gussendorff beauftragt. Ein mittelmäßiger, aber sich exzentrisch gerierender Dichter, der an dieser Aufgabe scheitert, bis er Kompositionen seiner Frau Ida findet, der er genau dieses Hobby eigentlich untersagt hatte. Das, was er aus Idas Material zusammenschustert, wird als „Die Gräfin der Stille“ aufgeführt, mit einer schweigenden, aber sehr strahlenden Gisela, die ganz zum Schluss ein einfaches, aber wirkungsvolles Lied singt. Ein großer Erfolg, man feiert sich, man feiert Gisela, man feiert Gussendorff.

          In diesem Buch werden konsequent die gefeiert, die es nicht verdient haben, während andere aus der Geschichte verschwinden, ohne Spuren zu hinterlassen. Der amerikanische Jungunternehmer Cedric Johnson etwa, wieder einer dieser eindrucksvollen Lebensläufe, die die Autorin nur erfindet, weil sie so gerne Lebensläufe erfindet und sie noch fast lieber lakonisch beendet: „Johnson verließ wortlos das Zimmer, wortlos das Haus, wortlos das Land. Er ließ das Erfinden und Unternehmen sein und wurde Farmer.“ Mit ein paar ebenso lakonischen Sätzen beendet Diwiak dann gleich noch sein ganzes Leben, denn es spielt für die Geschichte keine Rolle mehr.

          Große Rollen spielen die, die sich vor allem für sich selbst interessieren und sich zu inszenieren wissen. August Gussendorff spielt mehr den genialischen Dichter, als dass er wirklich einer ist. Gisela gefällt sich in Posen und Roben. Und wer seine Rolle überzeugend genug spielt, der überzeugt auch das Publikum. Ein zeitloses Thema also. Ebenso zeitlos wie die Frage, was bleibt, wenn die jugendliche Schönheit verblasst, auf deren Wirkung man sein Lebenswerk aufgebaut hat – bei Gisela nicht viel, von Talent kann bei ihr ja keine Rede sein. Und so trudeln diese Lebensläufe, die auf Täuschung und Selbsttäuschung beruhen, ein wenig räuberpistolenhaft vor sich hin und kippen schließlich ins Vakuum. Denn bei aller Liebe zum Lebenslauf: Gut kann das alles nicht ausgehen. „Das größte Glück der Unglücklichen ist, sich an den Glücklichen zu rächen“, bilanziert Diwiak und gönnt ihren unglücklichen Figuren ihre kleinliche Rache, den Glücklichen aber nicht ihr Glück. Das ist schade, aber erzählerisch nur konsequent. So ein böses Buch kann unmöglich ein Happy Ending haben.

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