25.03.2000 · Wer mit dem Erzählwerk von Doris Lessing nicht vertraut ist, der kann in diesem Bändchen erste Bekanntschaft schließen. Und zwar gleich eine recht intensive, denn die sieben Geschichten bieten Muster aus rund einem Vierteljahrhundert Lessingschen Schaffens.
Von Sabine BrandtWer mit dem Erzählwerk von Doris Lessing nicht vertraut ist, der kann in diesem Bändchen erste Bekanntschaft schließen. Und zwar gleich eine recht intensive, denn die sieben Geschichten bieten Muster aus rund einem Vierteljahrhundert Lessingschen Schaffens. Sie entstanden zwischen dem Ende der fünfziger und dem Beginn der achtziger Jahre und handeln an den entscheidenden Lebensschauplätzen der Doris Lessing: ihrem Kindheitsland Rhodesien, nachmals Simbabwe, und dem englischen Mutterland, in dessen Hauptstadt London die damals Dreißigjährige 1949 übersiedelte.
Es ist fast selbstverständlich, dass Eigenart und Historie der literarischen Orte stark in die jeweilige Geschichte hineinwirken. Doch stellen sie nirgends das Sujet, sondern formieren die Umweltbedingungen, aus denen Charaktere und Taten sich zum guten Teil herleiten. Man kann Doris Lessing letzten Endes weder als afrikanische noch als englische Schriftstellerin abstempeln; vielmehr ist sie, wenn schon ein Signum hermuss, eine penible Seelendetektivin, die unermüdlich Indizien sammelt und aus deren Fülle ihre Fallstudien entwickelt. In den sieben Erzählungen des vorliegenden Bändchens werden uns eine Menge weibliche, aber auch ein paar männliche Protagonisten der englischen oder der britisch-rhodesischen Gesellschaft vorgeführt, deren individuelle Wünsche und Anfechtungen dem Sittenkodex widersprechen, manchmal auf alltägliche, manchmal auf dramatische Weise.
Es geht also, man erkennt es schon, um den Bereich der Begierden, den auch die nachvictorianische Zeit mehr oder weniger unter Verschluss hält. Das beginnt mit dem nicht abgeschickten Brief einer Frau an ihren gewesenen Liebhaber. Die Schreiberin, eine in die Jahre gekommene Schauspielerin, ergeht sich in hochmütigen Schilderungen ihrer erotischen Erfolge. Doch sie kann nicht verhindern, dass jede Briefzeile ihre Sehnsucht nach der verlorenen Umarmung transportiert. Ein besonders wirres Gefühlsknäuel produzieren zwei befreundete Arztehepaare: Frederick sündigt mit Muriel, Fredericks Frau Althena mit einem Assistenzarzt, Muriels Mann Henry mit allerlei Damen, und alle strengen sich an, die jeweils Nichtbeteiligten unwissend zu halten, um eheliches Liebes- und Familienglück nicht zu beschädigen. Das kunstvolle Gebäude aus rücksichtsvollen Lügen wird baufällig, als die Männer das Zeitliche segnen. In den Trümmern bleiben die Witwen, scheinbar in alter Freundschaft vereint, in Wahrheit jede für sich von der Frage gequält, ob sie nicht eigentlich sowohl Liebe wie Glück verpasst haben.
An einem Londoner Sommertag, so heiß, wie man ihn der britischen Hauptstadt gar nicht zutrauen mag, begegnen wir der maskulinen Spielart entgleister Gefühle. Drei Dachdecker beobachten eine Frau im Bikini, die auf dem Nachbardach in der Sonne brät und sich für die Männer nicht interessiert. Also tut sich nichts zwischen den Geschlechtern, aber in den Seelen der Voyeure bricht die Hölle los, angeheizt von sexuellen Wallungen, zu vernichtender Glut gesteigert durch das kränkende Desinteresse der nahezu Nackten. Schändung und Mord dräuen über der Szene - dann kehrt der Regen zurück und kühlt alles ab. Anderswo in der Stadt erträumt sich ein halbwüchsiger Junge ideale Mädchen, die er lieben könnte, wenn es sie gäbe. Man hat ihn gelehrt, sich seiner brodelnden Pubertätsgefühle zu schämen, doch je mehr er sich schämt, desto stärker beherrschen sie ihn. Schließlich lässt er sie gewaltsam aus: an einer ältlichen Frau, die er lange als Nachbarin respektierte, eines Tages aber als heimliche Strichhure entlarvt. Einen schlimmeren Gewaltakt begeht ein debiler Jüngling in Rhodesien. Unfähig, die gesellschaftlichen Regeln seiner Umwelt zu erfassen, führt er ein nahezu vegetatives Dasein, gegründet auf die Liebe der Mutter und belebt von der Schönheit eines riesigen Baumes. Die Mutter stirbt, der Baum vergeht - Beweise allumfassender Vergänglichkeit, die den Jungen ängstigen. Als er zum ersten Mal ein Mädchen im Arm halten darf, begegnet er der Angst, indem er ihr zuvor kommt: Er tötet das Mädchen.
Nimmt man alles in allem, so scheint der Grundton in Doris Lessings Erzählungen recht negativ. Tatsächlich ist keine darunter, die man fröhlich nennen könnte. Und doch gebührt dem Ensemble eine positive Kennzeichnung, sie heißt: versöhnlich. Nicht des Lesers Abscheu wird herausgefordert, sondern sein Erbarmen, mit den anderen und mit sich selbst. So sind wir, heißt die Botschaft der sieben Geschichten. Ohne Ausnahme sind wir so, und ein jeder hat eigene Beweggründe anzuführen. Was also bleibt den heillos unvollkommenen Menschen übrig, als einander mit Verständnis und Milde zu begegnen. Es gibt keine Gewissheit, dass die Welt dadurch besser wird, aber vielleicht wird sie ein bisschen erträglicher.
Doris Lessing: "Liebhaber meiner Fantasie". Erzählungen. Aus dem Englischen übersetzt von Adelheid Dormagen, Manfred Ohl und Hans Sartorius. Wagenbach Verlag, Berlin 1999. 128 S., geb., 24,80 DM.