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„Pfaueninsel“ von Thomas Hettche : Liebesexplosionen vor preußischer Kulisse

Kaninchen, Luftschlösser und Alchemie: Die Pfaueninsel Berlin dient als Kulisse für das gleichnamige Buch von Thomas Hettche. Bild: Barbara Klemm

Thomas Hettches neuer Roman spielt auf der Berliner Pfaueninsel. Aus der Sicht einer Zwergin schaut er auf das bewegte Panorama des neunzehnten Jahrhunderts.

          Die Geschichte von den zwei Königskindern bleibt, wie man sie auch erzählt, im Grunde doch immer die gleiche. Sie lernen sich kennen. Sie haben einander so lieb. Doch dann kommen sie nicht zusammen, denn irgendetwas, vielleicht nicht nur das Wasser, das tiefe, liegt zwischen ihnen. Und hier kommt der Erzähler ins Spiel. Denn das Hindernis, das die Liebenden voneinander trennt, ist der eigentliche Witz der Geschichte.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es gibt ihr die Form, das Aroma, den besonderen Ton. Mal ist es, wie beim unglücklichen Werther und seiner Lotte, die ganze Ordnung des bürgerlichen Lebens, die der Liebe entgegensteht; mal auch, wie bei Ulrich, dem „Mann ohne Eigenschaften“, und seiner Schwester Agathe, das Inzesttabu. In Thomas Hettches neuem Roman ist dieses Hindernis etwas, das man einerseits ganz genau beschreiben und andererseits kaum richtig fassen kann, etwas so Konkretes und zugleich Phantastisches wie der Anblick eines Löwen auf einer Insel zwischen Potsdam und Berlin.

          Geschichtsträchtige Kulisse

          Im flachen Wasser der Havel, vor den Toren der Hauptstadt, deren Häusermeer sich hinter dichtem Grün verbirgt, liegt die Pfaueninsel. Einst, zu Zeiten des Großen Kurfürsten kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg, gab es hier eine Kaninchenzucht, weshalb die Insel noch lange „Kaninchenwerder“ hieß. Dann durfte der Alchemist Johannes Kunckel hier auf Kosten des Herrschers seine Experimente zur Gold- und Glasherstellung veranstalten, bis das Labor abbrannte und sein Gönner starb.

          Und schließlich baute Friedrich Wilhelm II., der Neffe des Alten Fritz, von 1794 an auf der Südwestspitze des Werders ein Lustschloss für sich und seine Geliebte Wilhelmine Encke alias Gräfin Lichtenau. Damit begann die große Zeit des Eilands, das nun erst wirklich zur Pfaueninsel wurde. Friedrich Wilhelm III., der Sohn des Schlossbauherrn, ließ den begonnenen Landschaftspark im englischen Stil vollenden, einen Meierhof zur Milchproduktion anlegen und das für adlige Gäste vorgesehene Kavaliershaus mit gotischen Originalfassaden erweitern.

          Im Jahr 1821 gab er seinem Gartendirektor Peter Joseph Lenné den Auftrag, einen Rosengarten, ein Palmenhaus und eine Menagerie auf dem Areal zu errichten. Und damit die seltenen Pflanzen und Tiere nicht auf dem Trockenen saßen, wurde im folgenden Jahr ein Pumpenhaus am Südufer installiert, dessen Dampfmaschine die Fluten der Havel durch Tonleitungen in alle Ecken der Insel lenkte.

          Ein inzestuöses Liebesdreieck

          Zu jener Zeit lebten nicht nur Vertreter exotischer Flora und Fauna wie Kängurus, Schattenpalmen und der erwähnte Löwe auf dem Flecken Land im Havelsee, sondern auch ungewöhnliche Menschen: ein „Riese“ namens Karl Friedrich Licht etwa oder „das Zwergen-Geschwisterpaar Christian und Maria Dorothea Strackon und der auf Ohau geborene und in Berlin auf den Namen Heinrich Wilhelm getaufte Südsee-Insulaner Maitay“.

          So hat es Thomas Hettche vor zwanzig Jahren in einer für diese Zeitung verfassten Reportage über das „rätselvolle Eiland in der Havel“ notiert. Seitdem dürfte Hettche die Geschichte, die er in „Pfaueninsel“ erzählt, in seinem Herzen bewegt haben, und dass er erst jetzt, nach dem „Fall Arbogast“, seinem erfolgreichsten Roman, und drei weiteren Büchern mit ihr fertig ist, spricht für die Sorgfalt, mit der er sich dem Stoff genähert hat.

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