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: Lieber tot als betrogen

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Alles dreht sich." Das ist, auf eine schwindelerregende Weise, wahr. Der erste Satz von Markus Werners "Am Hang" beschreibt exakt die Dynamik, die den Roman vorantreibt. Der zweite Satz aber liefert den Schlüssel zur Grundkonstellation, die noch viel verzwickter ist, als es auf Anhieb scheinen möchte: ...

          Alles dreht sich." Das ist, auf eine schwindelerregende Weise, wahr. Der erste Satz von Markus Werners "Am Hang" beschreibt exakt die Dynamik, die den Roman vorantreibt. Der zweite Satz aber liefert den Schlüssel zur Grundkonstellation, die noch viel verzwickter ist, als es auf Anhieb scheinen möchte: "Und alles dreht sich um ihn." Der ihn ausspricht, ist der junge, smarte Scheidungsanwalt Thomas Clarin, der in seinem Tessiner Ferienhaus ein erholsames Pfingstwochenende verbringen wollte und auf der Terrasse des Hotels Bellavista in Montagnola auf einen gewissen Loos getroffen ist. Dieser ist ein merkwürdiger Sonderling, vielleicht verrückt, sicher verschroben, ein sarkastischer Altphilologe in den Fünfzigern, der sich auf eine rätselhafte Weise verabschiedet hat von den Konventionen des gesellschaftlichen Alltags. Verschlossen und desillusioniert, scheut sich der Lehrer für tote Sprachen nicht, jeden schroff zurückzustoßen, der ihm zu nahe kommt.

          Was Loos und Clarin, die Fremden, aufeinander zutreibt, ist vorerst nicht klar. Nur daß mit der Begegnung ein gegenseitiges Belauern, Aushorchen, Umgarnen und Umtänzeln anfängt, das die beiden mit der Zeit seltsam vertraut macht. Wie ineinander verschraubt, drehen sie sich immer schneller in einem seltsamen Tanz, bis die Spannung am dritten Tag mit einem Knall explodiert. Loos hat sich heimlich abgesetzt. Die Nachforschungen des jungen Rechtsanwaltes bleiben ergebnislos, mehr noch: Er findet heraus, daß ein Mann dieses Namens nie existiert hat und auch seine Geschichten vielleicht nur erfunden sind.

          Plötzlich herrscht Stille. Ein Riß zeigt sich. Ein Abgrund öffnet sich. Das Geheimnis, das die beiden Männer verbindet, scheint sichtbar zu werden; letzte Gewißheit aber erhält der Leser bis zum Schluß nicht. In diesem Männerverhältnis geht es um Liebe, und es geht um zwei Frauen - die in Wahrheit vielleicht nur eine einzige war. Wenn die Dinge so lägen, müßte man nachträglich auch die Beziehung der beiden Männer in einem völlig neuen Licht sehen. Der ganze Erzählkosmos hätte sich dann gedreht. Ihr Interesse aneinander wäre dann nicht aus wachsender Sympathie, sondern aus Rivalität entstanden, ihr Aushorchen ein Weg gewesen, die Verführungsmethoden des Gegenspielers zu erkunden, das Belauern ein Mittel, der spielerischen Verliebtheit des Konkurrenten auf die Schliche zu kommen - die bedächtigen, zähen Gespräche aber, die sich über zwei lange Nächte hinzogen, wären andererseits der maskierte Freundschaftsdiskurs zweier Seelenverwandter gewesen, welche die gleiche Frau liebten - wenngleich auf radikal unterschiedliche Weise.

          Und ein letztes Mal dreht sich das Erzählkarussell: Nur Loos, der Ältere, hätte demnach vom Ausmaß der gegenseitigen Verstrickung gewußt und die Fäden von Anfang an in der Hand gehabt, während dem Rechtsanwalt, einem forschen Verführer, die Rolle des Verunsicherten bleibt, der sich der Wahrheit in kleinen Zügen nähert und dem die Augen erst ganz am Schluß aufgehen.

          Markus Werner liebt solche verschlungenen Konstellationen. Liebe, Tod und kriminalistische Arrangements gehörten schon immer zu seinen Romanen. Jetzt scheint es, als hätte er, nach fünfjährigem Schweigen (und einem leichten Durchhänger mit dem etwas uninspirierten letzten Roman "Der ägyptische Heinrich"), mit seinem siebten Buch einen neuen Gipfel erklommen. Der sechzigjährige Schweizer Autor, der im Jahr 2000 mit dem Joseph-Breitbach-Preis ausgezeichnet wurde, führt in seinem neuen Roman noch mal all seine literarischen Themen in einer packenden Geschichte zusammen. "Am Hang" nimmt den Leser von der ersten Zeile an gefangen. Die Verdichtung und Leichtigkeit, das Unergründliche und gleichzeitig Glasklare des Wernerschen Erzählstils übt eine magische Anziehung aus. Angetrieben von Neugier, die immer wieder neue, andere Nahrung erhält, und verführt von den beängstigenden Verirrungen und fatalen Leidenschaften der beiden Figuren, liebt und leidet man mit ihnen bis zur letzten Seite.

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