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: Liebe mit Hummersalat statt mit Eifersucht

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Die große Erzählerin Sybille Bedford, die im Februar dieses Jahres im Alter von 95 Jahren in London starb, durfte noch kurz vor ihrem Tode erleben, daß sich ihr Werk auch in Deutschland eine Leserschaft zu erobern begann: in dem Land, in dem sie 1911 geboren wurde, nicht freilich, wie ihr deutscher ...

          Die große Erzählerin Sybille Bedford, die im Februar dieses Jahres im Alter von 95 Jahren in London starb, durfte noch kurz vor ihrem Tode erleben, daß sich ihr Werk auch in Deutschland eine Leserschaft zu erobern begann: in dem Land, in dem sie 1911 geboren wurde, nicht freilich, wie ihr deutscher Verlag auf die Schutzumschläge ihrer Bücher setzen läßt, in Berlin, sondern, wie es historisch korrekt im Klappentext ihres hinreißenden Erinnerungsbuchs "Quicksands" heißt, "in Charlottenburg, Germany".

          Sybille Bedford, die lange als Gerichtsreporterin gearbeitet hat, ist eben eine historisch präzise Erzählerin, und ihre wahre poetische Einbildungskraft ist die Erinnerung. Sie hat deshalb auch den hohen autobiographischen Anteil an ihrem erzählerischen Werk nie verheimlicht. Wer "Quicksands", dessen deutsche Ausgabe im Herbst erscheinen wird, gelesen hat, dem werden nicht wenige Gestalten und Szenen in ihrem Roman "Ein trügerischer Sommer" vertraut vorkommen, nur gibt die Autorin ihren Figuren dort andere Namen und läßt sie auch ganz andere Schicksale erleben. Die Atmosphäre freilich ist hier wie dort dieselbe: das kultivierte Ambiente der kosmopolitisch-liberalen Intellektuellen und Künstler der Zwischenkriegszeit, einer gehobenen Boheme in vorzugsweise mediterraner Umgebung.

          Der erstmals 1968 erschienene Roman "Ein trügerischer Sommer" wurde nicht, wie von der Autorin ursprünglich geplant, eine Fortsetzung des Romans "Ein Liebling der Götter" (dessen 2005 erschienene deutsche Neuausgabe außerordentlich erfolgreich war), sondern dessen "Ableger". Zeitlich schließt "Ein trügerischer Sommer" genau dort an, wo sein Vorgänger endet, aber er wechselt das Personal, und er wechselt die Perspektive. Er läßt die so berückende wie anrührend leichtfertige Constanza, den "Liebling der Götter", und deren mit herkulischer Schwäche dominierende Mutter Anna in der Handlung selbst nicht mehr auftreten; Anna ist vor kurzem gestorben, und Constanza hat sich mit ihrem neuen Liebhaber Michel auf Reisen begeben: Sie will, sich allen Nachstellungen entziehend, mit Michel den Zeitpunkt abwarten, an dem die gesetzliche Frist für die Scheidung Michels von dessen offenbar hochkomplizierter Frau, von der er seit langem getrennt lebt und die er wegen böswilligen Verlassens verklagt hat, abgelaufen ist, um danach mit ihm die Ehe eingehen und endlich zur Ruhe kommen zu können. Das alles kann freilich nur gelingen, wenn dem elitären Moralisten Michel nicht nachgewiesen werden kann, daß er mittlerweile mit Constanza zusammenlebt.

          Derweil hütet Constanzas siebzehnjährige Tochter Flavia das von ihrer Mutter gemietete Haus in dem bei einer mondänen künstlerischen Elite in Mode geratenen provenzalischen Fischerort Saint-Jean, um sich dort in Ruhe mit einem spartanisch eingehaltenen Arbeitsprogramm auf ihre Aufnahmeprüfung in Oxford vorbereiten zu können. Denn die mit altkluger Weltweisheit ausgestattete hübsche Flavia, die den "New Statesman" wie ein Gebetbuch studiert und Aldous Huxley (dessen Biographie Sybille Bedford verfaßt hat) verehrt, hat große Pläne für die Zukunft: Politische Publizistin will sie werden, mehr noch, eine berühmte Schriftstellerin. Das nun sind glänzende Voraussetzungen für einen Desillusionsroman.

          Der Roman erzählt die Geschichte Flavias in einem Sommer in den späten zwanziger Jahren als den Prozeß einer Desillusionierung, und weil Sybille Bedford erzählerisch dabei ohne große Schonung für ihre junge Heldin vorgeht, gewinnt der Leser um so größere Sympathie für sie. Flavia, die ihr Leben rigoros durchgeplant zu haben glaubt, verliert in diesem Sommer nicht nur ihre physische, sondern auch ihre moralische Unschuld, und während das erste für sie offenbar keine große Angelegenheit ist, bildet das andere die eigentliche Katastrophe, weil Flavia dabei, ohne dies zu wollen, zerstörerisch in das Leben des Menschen eingreift, den sie am meisten liebt: dasjenige ihrer Mutter Constanza. Im Spiel der Verführungen, in das sie sich mit dem snobistischen Hochmut ihrer Jugend treiben läßt, verliert sie sehr rasch die Kontrolle über ihr Leben und wird dabei zur Verräterin. Am Ende muß sie den Plan, in Oxford zu studieren, aufgeben, und die ethische Integrität, mit der sie als Schriftstellerin die Welt in die Schranken zu fordern gedachte, hat sie ebenfalls gründlich eingebüßt. Wofür die großen Desillusionsromane Flauberts und Balzacs viele Jahre benötigen, die Darstellung der Lehrzeit des Gefühls, an deren Ende die verlorenen Illusionen stehen, dafür benötigt Sybille Bedford nur wenige sonnendurchglühte Sommerwochen.

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