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Liao Yiwu: Für ein Lied und hundert Lieder : Der Neinsager fordert den Leviathan

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Bild: Verlag

Liao Yiwus Bericht aus den chinesischen GULags, dessen Erscheinen das Pekinger Politbüro verhindern wollte, ist ein Dokument des Schreckens, aber auch ein Triumph des Aufbegehrens.

          Es gibt diesen Moment in mittelalterlichen Aventiuren: die Beschreibung des Drachens, der im Namen der Freiheit bekämpft werden muss. Und er scheint schlichtweg unbesiegbar. Im „Tristan“ verschlingt das feuerspeiende Ungeheuer mit einem Bissen das halbe Pferd des Helden, und sein Appetit ist erst geweckt. Tristan glaubt, unter den Hieben sterben zu müssen – und siegt zuletzt. Liao Yiwus gewaltiger und gewalttätiger Bericht „Für ein Lied und hundert Lieder“ erinnert an mythische Drachenkämpfe. Ein scheinbar unbesiegbares Regime wird auch hier herausgefordert und schlägt mit solcher Wut zurück, dass jeder Gegner tausend Tode stirbt.

          Es ist eine Passionsgeschichte, aber es ist auch ein Heldenepos. Denn der Protagonist übersteht tausend Tode, ohne sich zu beugen, um dann – im Jahre 1995 – zum Stift zu greifen, mehrfach, denn mehrfach entwendet ihm die Staatsmacht das fast fertige Manuskript, und Liao Yiwu muss von vorn beginnen. So entstand ein faszinierender Tatsachenroman, der sich mit den größten Werken der Gefangenenliteratur messen kann, mit Dostojewskijs „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ oder Solschenizyns „Archipel GULag“, der in seiner subtilen Verkehrung der Perspektive aber auch an die Konzentrationslager-Subversion von Imre Kertész gemahnt. Gerade deshalb nämlich ist dieses Buch eine so wuchtige Anklage, weil es sich nicht als Klage geriert, sondern als radikaler Abenteuerroman: ein Balanceakt auf der Schmerzgrenze, der ungestüme Marsch eines renitenten Neinsagers durch alle Kreise der Hölle, durch Hunderte Seiten voller Kot und Blut – und dabei bleibt tatsächlich Raum für Humor, für Aberwitz und sogar für Romantik.

          Ob für ihn Gefängnis oder Freiheit noch einen Unterschied bedeutet, fragt sich Liao nach der Haft

          Teuer erkauft ist diese Haltung gleichwohl: Nach vier Jahren, die von Folter und Kampf mit den Zellengenossen geprägt sind, ist der Dichter zwar immer noch ein Dichter, also jemand, dem ein Gott gab, zu sagen, wie er leidet, aber sein Wesenskern ist versehrt. Ob für ihn Gefängnis oder Freiheit noch einen Unterschied bedeutet, fragt sich Liao nach der Haft. Auch die Niederschrift des Erlebten ist ambivalent, setzt schließlich den Albtraum fort und bringt ihn abermals in Gefahr. Es schützt nicht einmal vor grundsätzlichen Zweifeln: „Schreiben ist ein extrem langsamer Entgiftungsprozess, aber worin liegt seine Wahrheit? Manchmal bilde ich mir etwas darauf ein, der Verwalter der Wahrheit zu sein, aber werde ich nicht von inneren Wahrheiten zum Narren gehalten?“ Wer aus Lagern dieses Zuschnitts entlassen wird – darin besteht weltweit ihre Perfidie –, bleibt imprägniert von der Zurückgeworfenheit auf das, was Giorgio Agamben in Anlehnung an die römische Rechtsfigur des Homo sacer das „nackte Leben“ genannt hat. Aus dem Stürmer und Dränger von einst ist ein wildes Tier geworden, vor dem seine kleine Tochter in Angst flieht. Seine Frau A Xia hat ihn während der Haft verlassen, der 1989 so brennende Wunsch nach Demokratie scheint sich Mitte der neunziger Jahre verflüchtigt zu haben.

          Dabei hat der Underground-Poet ursprünglich gar nicht zu den politischen Umstürzlern gehört. Er lebte einzig für die Kunst: „Was im Land vor sich ging, bekam ich nicht mit.“ Doch die Vorgänge auf dem Tiananmen-Platz sind ein Wendepunkt. Nun bricht es aus Liao heraus. Er schreibt wenige Stunden vor dem Morden ein Gedicht mit dem Titel „Massaker“, das als sarkastisches Anfeuern der Soldaten beginnt („Schießt! Schießt! Auf die Alten, die Kinder, schießt auf die Frauen!“), doch dann zur Apostrophe an die Gerechten wird, im Ton entfernt an Allen Ginsbergs „Howl“ erinnernd, diese eruptiv hervorbrechende Klagerede gegen den „Moloch“. Liao nimmt das Gedicht auf Band auf, und sofort verbreitet es sich im Land. Ein zweites Gedicht, „Requiem“, entsteht und ist die Grundlage für einen Film, den Liao mit einigen Freunden dreht – genug für eine Verhaftung aller Beteiligten.

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