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Leon de Winter: Das Recht auf Rückkehr Aus dem Leben eines Kinderfinders

28.08.2009 ·  Wenn die eigenen Kinder als Selbstmordattentäter wiederkehren: Der holländische Autor Leon de Winter blickt in die Zukunft Israels. Er sieht ein Land am Ende aller Dialoge. Nach manchem Schlagloch zieht sein routinierter Erzähldiesel den Karren in ein starkes Finale.

Von Hannes Hintermeier
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Im Jahr 2048 wird Israel den hundertsten Geburtstag seiner Staatsgründung feiern. Wird es das? Unwahrscheinlich, wenn Israel bis dahin einen solchen Sack voller Probleme hat, wie ihn der niederländische Schriftsteller Leon de Winter in seinem Roman „Das Recht auf Rückkehr“ ausschüttet. Sein Zwischenstand anno 2024: „Das kleine jüdische Land war zu einem Stadtstaat von der Fläche Groß-Tel-Avivs plus einem Sandkasten zusammengeschrumpft.“ Die Jugend ist ausgewandert nach Australien und Neuseeland, die Alten warten auf das Ende, während die arabischen Nachbarn dabei sind, den Judenstaat endgültig ins Meer zu schieben. Auch hier das demographische Problem. „Die palästinensischen Araber hatten die Juden mit ihren Gebärmüttern besiegt.“ Weil sie nicht aufgehört haben, Kinder in die Welt zu setzen. Die extremistischen Ableger des weltweit boomenden Islams zünden die nächste Eskalationsrakete: Juden töten Juden – als Selbstmordattentäter.

Hier kommt die Familie Mannheim ins Spiel. Abraham „Bram“ Mannheim ist Zeithistoriker, als Spezialist für die Geschichte des Nahen Ostens hat er das Bild vom sauberen jüdischen Verteidigungskrieg widerlegt. Seine Frau ist eine überirdisch schöne indische Ärztin, ihr gemeinsamer Sohn Bennie gerade vier Jahre jung, als Bram einen Ruf nach Princeton erhält. Das Paar kauft ein viel zu großes Spukschloss im Wald, und just als der Chef des israelischen Inlandsgeheimdienstes telefonisch sein Kommen ankündigt, verschwindet der Knabe. Unfall, Entführung, Mord? Keine Spur, keine Lösegeldforderung, keine Leiche. Die Ehe zerbricht, Bram wird verrückt und zieht als autistischer Zahlenmystiker und Landstreicher durch Nordamerika. Bis auf wundersame Weise ein Milliardär auftaucht, dessen Enkelin Bram nach einem Verkehrsunfall versorgt hat. Nun setzt ihn der Philanthrop wieder halbwegs aufs rechte Gleis, einmal abgesehen davon, dass es sich Bram alttestamentarisch nicht nehmen lässt, einen Pädophilen, den er verdächtigt, zu ermorden. Selbstjustiz geht im Roman immer.

Die Geschichte beginnt im Jahr 2024

Das alles erfahren wir aus Rückblenden, denn als die Geschichte 2024 einsetzt, fahren wir mit Bram durch eine Sicherheitsschleuse nach Jaffa, um ein vermisstes Mädchen zu finden. Der frühere Professor ist ausgebrannt, aber zum Durchhalten entschlossen. Als Rettungssanitäter leidet er nicht unter Beschäftigungsmangel, zumal Palästinenser immer wieder Attentate verüben. Nebenbei betreibt Bram zusammen mit einem zur Hälfte aus Titangliedmaßen bestehenden jungen Mann namens Ikki „Die Bank“, eine Agentur zur Wiederauffindung verschwundener Kinder. Darin ist er Experte, auch wenn er selbst seinen Sohn nicht gefunden hat.

Sein Vater ist der verwitwete Hartog Mannheim, Biochemiker und Nobelpreisträger, ein perfektionistischer Geizkragen. Das Alter macht ihn dünner und friedfertiger, bis er an Alzheimer erkrankt. Die Beziehung zwischen Vater und Sohn gehört zum Delikatesten, weil Genauesten dieses Romans. Die Welt ist alles, was der Pflegefall ist: Während Leon de Winter seine weiblichen Figuren gern auf Begehren und Reizkurven reduziert, gelingen ihm in der Schilderung des Vaters schöne Balanceakte: „Bram trocknete Hartog ab und fühlte unter dem Handtuch die lose Haut mit den zerbrechlichen Knochen darunter, an denen Hartogs verschlissene Muskeln hafteten, und als Bram sich aufrichtete und die Finger seines Vaters von der Stange löste, glaubte er, so etwas wie Begreifen in dessen Augen zu erkennen, einen Blick, in dem für einen Moment der Mann aufschimmerte, der er gewesen war, das Wissen und der Verstand und die Willenskaft, die sein Leben gekennzeichnet hatten. Aber in Hartogs Augen lag auch etwas Betrübtes, als wisse er, was die Zeit ihm angetan hatte.“

Die Zeit des Vertrauens war vorüber

Als junger Mann glaubt Bram daran, dass die Welt sich ergründen und verstehen ließe. Auch ist er die längste Zeit der Palästinenserversteher, der Für-den-Dialog-Plädierer. Aber auch für ihn ist nach der Katastrophe etwas zu Ende: „Die Zeit des felsenfesten Vertrauens, dass das Morgen die ungetrübte Fortsetzung des Heute sein würde“, war vorüber. Die „Schicksalsverbundenheit“ mit der Idee hinter dem Land Israel hat sich aufgelöst. Hartog dagegen war immer schon ein Hardliner: „Der Feind ist ein Untier. Er wird deine Eingeweide fressen, wenn er die Gelegenheit dazu bekommt.“ So erinnert er den Sohn an den Fall des real existierenden PLO-Kämpfers Samir Kuntar, der im April 1979 vor den Augen der Familie Haran den Vater erschoss und dann der vierjährigen Tochter den Schädel mit dem Gewehrkolben einschlug – dass so ein Mann von den Arabern als Held verehrt wird, beraubt Hartog jeder Möglichkeit, auf Dialog zu setzen. An Stellen wie diesen ist der Roman diesseits der Fiktion, da hält sich de Winter nicht mit Literarisierung auf.

Streckenweise erinnert die Atmosphäre in diesem auf seinen Exitus wartenden Kleinstaat an kubanische Szenen, träge Bewegungen unter glühender Sonne. Der Figurenkosmos inklusive Hendrikus, dem sehr alten Hündchen der Mannheims, ist angemessen skurril – wenn etwa der ebenfalls sehr alte Janusz Goldfarb auf der Fahrt in die Klinik den Sanitätern einen Witz erzählt. Der handelt von Astronauten, die auf dem Mars gelandet sind und mit einem Streichholz einen Sauerstofftest machen wollen. Aber die Marsmenschen vereiteln das Ansinnen mit der Begründung, es sei „Schabbes, und da macht man kein Feuer“.

Das Land brennt

Dann fängt das Land zu brennen an. Ein Raketenangriff auf einen Kontrollposten entpuppt sich als Anschlag eines Selbstmordattentäters. Die DNA-Analyse bestätigt – längst sind die genetischen Codes aller Juden digitalisiert –, dass der Täter über ein jüdisches Y-Chromosom verfügte. Der Tabubruch ist so ungeheuerlich, dass sich der Geheimdienst weigert, die Hypothese zu akzeptieren. Dann finden Bram und Ikki bei ihren Recherchen Parallelen zu anderen verschwundenen Kindern. Offenkundig hat sich Mannheim senior einen Feind gemacht, der hinter dem Verschwinden Bennies steckt. Der ebenso brillante wie skrupellos wendige russische Wissenschaftler Israilow, der seine westliche Weltkarriere in eine Laufbahn als Taliban-Führer münden ließ, hat Kinder des Feindes entführen und zu Selbstmordattentätern ausbilden lassen. Im Kalifat Kasachstan wird Israilow wie ein Heiliger verehrt, in der von einem Erdbeben verwüsteten Stadt Almaty ist ihm ein Museum gewidmet. Dort wird für den als Aufbauhelfer getarnten Bram zur Gewissheit, was aus Bennie geworden ist.

Die Handlung mäandert zwischen 2004 und 2025. Polen ist die führende Nation in Europa, Putin hat Tschetschenien, Aserbaidschan und Georgien zerstört und regiert immer noch. Aber der Roman taugt nicht als Science-Fiction, dazu nimmt er das Genre auf allzu deutliche Weise nicht ernst – die Menschen tippen noch immer SMS, nutzen iPods und Handys. Das Haus dieses Buches aber hat viele Erzählkammern, nicht alle sind wohlgeordnet. Darin hat Kolportage Platz, wenn auch ohne den ganz großen Spannungszug. Darin stehen politische Referate, die in Leitartikeln besser aufgehoben wären als in der Figurenrede. Nach manchem Schlagloch zieht Leon de Winters routinierter Erzähldiesel den Karren aber doch noch in ein starkes Finale.

Wie hatte Geheimdienstler Balin die Lage analysiert: „Wir sind in die falsche Gegend mit rachsüchtigen Menschen gekommen.“ Und nun? Umziehen?

Leon de Winter: „Das Recht auf Rückkehr“. Roman. Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers. Diogenes Verlag, Zürich 2009. 551 S., geb., 22,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

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