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Leon de Winter: Das Recht auf Rückkehr Aus dem Leben eines Kinderfinders

Wenn die eigenen Kinder als Selbstmordattentäter wiederkehren: Der holländische Autor Leon de Winter blickt in die Zukunft Israels. Er sieht ein Land am Ende aller Dialoge. Nach manchem Schlagloch zieht sein routinierter Erzähldiesel den Karren in ein starkes Finale.

© Verlag Vergrößern

Im Jahr 2048 wird Israel den hundertsten Geburtstag seiner Staatsgründung feiern. Wird es das? Unwahrscheinlich, wenn Israel bis dahin einen solchen Sack voller Probleme hat, wie ihn der niederländische Schriftsteller Leon de Winter in seinem Roman „Das Recht auf Rückkehr“ ausschüttet. Sein Zwischenstand anno 2024: „Das kleine jüdische Land war zu einem Stadtstaat von der Fläche Groß-Tel-Avivs plus einem Sandkasten zusammengeschrumpft.“ Die Jugend ist ausgewandert nach Australien und Neuseeland, die Alten warten auf das Ende, während die arabischen Nachbarn dabei sind, den Judenstaat endgültig ins Meer zu schieben. Auch hier das demographische Problem. „Die palästinensischen Araber hatten die Juden mit ihren Gebärmüttern besiegt.“ Weil sie nicht aufgehört haben, Kinder in die Welt zu setzen. Die extremistischen Ableger des weltweit boomenden Islams zünden die nächste Eskalationsrakete: Juden töten Juden – als Selbstmordattentäter.

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Hier kommt die Familie Mannheim ins Spiel. Abraham „Bram“ Mannheim ist Zeithistoriker, als Spezialist für die Geschichte des Nahen Ostens hat er das Bild vom sauberen jüdischen Verteidigungskrieg widerlegt. Seine Frau ist eine überirdisch schöne indische Ärztin, ihr gemeinsamer Sohn Bennie gerade vier Jahre jung, als Bram einen Ruf nach Princeton erhält. Das Paar kauft ein viel zu großes Spukschloss im Wald, und just als der Chef des israelischen Inlandsgeheimdienstes telefonisch sein Kommen ankündigt, verschwindet der Knabe. Unfall, Entführung, Mord? Keine Spur, keine Lösegeldforderung, keine Leiche. Die Ehe zerbricht, Bram wird verrückt und zieht als autistischer Zahlenmystiker und Landstreicher durch Nordamerika. Bis auf wundersame Weise ein Milliardär auftaucht, dessen Enkelin Bram nach einem Verkehrsunfall versorgt hat. Nun setzt ihn der Philanthrop wieder halbwegs aufs rechte Gleis, einmal abgesehen davon, dass es sich Bram alttestamentarisch nicht nehmen lässt, einen Pädophilen, den er verdächtigt, zu ermorden. Selbstjustiz geht im Roman immer.

Die Geschichte beginnt im Jahr 2024

Das alles erfahren wir aus Rückblenden, denn als die Geschichte 2024 einsetzt, fahren wir mit Bram durch eine Sicherheitsschleuse nach Jaffa, um ein vermisstes Mädchen zu finden. Der frühere Professor ist ausgebrannt, aber zum Durchhalten entschlossen. Als Rettungssanitäter leidet er nicht unter Beschäftigungsmangel, zumal Palästinenser immer wieder Attentate verüben. Nebenbei betreibt Bram zusammen mit einem zur Hälfte aus Titangliedmaßen bestehenden jungen Mann namens Ikki „Die Bank“, eine Agentur zur Wiederauffindung verschwundener Kinder. Darin ist er Experte, auch wenn er selbst seinen Sohn nicht gefunden hat.

Sein Vater ist der verwitwete Hartog Mannheim, Biochemiker und Nobelpreisträger, ein perfektionistischer Geizkragen. Das Alter macht ihn dünner und friedfertiger, bis er an Alzheimer erkrankt. Die Beziehung zwischen Vater und Sohn gehört zum Delikatesten, weil Genauesten dieses Romans. Die Welt ist alles, was der Pflegefall ist: Während Leon de Winter seine weiblichen Figuren gern auf Begehren und Reizkurven reduziert, gelingen ihm in der Schilderung des Vaters schöne Balanceakte: „Bram trocknete Hartog ab und fühlte unter dem Handtuch die lose Haut mit den zerbrechlichen Knochen darunter, an denen Hartogs verschlissene Muskeln hafteten, und als Bram sich aufrichtete und die Finger seines Vaters von der Stange löste, glaubte er, so etwas wie Begreifen in dessen Augen zu erkennen, einen Blick, in dem für einen Moment der Mann aufschimmerte, der er gewesen war, das Wissen und der Verstand und die Willenskaft, die sein Leben gekennzeichnet hatten. Aber in Hartogs Augen lag auch etwas Betrübtes, als wisse er, was die Zeit ihm angetan hatte.“

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