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Lena Muchina: Lenas Tagebuch : Wie unbemerkt so ein Schreckenstag vergeht

  • -Aktualisiert am

Bild: Graf Verlag

Vor mehr als fünfzig Jahren kam ein Tagebuch in ein russisches Archiv: Aufzeichnungen der jungen Lena Muchina aus Leningrad zur Zeit der Belagerung durch die Deutschen. Jetzt ist es übersetzt worden.

          Als der Zweite Weltkrieg ausbricht und Leningrad erreicht, ist Lena Muchina sechzehn Jahre alt. Sie schwärmt gerade für einen Jungen namens Wowa, liest Lermontow und sucht eine allerbeste Freundin, mit der sie alles teilen kann. „Mir fehlt immer irgendetwas. Ich spüre eine Leere“, notiert sie in ihr Tagebuch. Würde die Liebe helfen? Wie fühlt sich der erste Kuss an? Das sind drängende Fragen der Schülerin, die sich zum Lernen für Prüfungen disziplinieren muss. Sie schreibt, wie man in dem Alter so schreibt, mit ein bisschen Pathos, verärgert, fröhlich, tratschend. Dazwischen ein lebenskluger, verdunkelter Satz: „Und wie unbemerkt so ein Tag vergeht.“

          Dass der Krieg ein ganz normales Leben zerschneidet, das weiß man, das ahnt man. In Lenas Tagebuch teilt sich der Bruch als brutale Erschütterung in Stil und Inhalt mit, und zwar exakt am 22. Juni 1941, als deutsche Truppen die Grenze überschreiten. Lena altert über Nacht. Sie ist eine andere danach. War sie vorher böse mit Wowa, der sie nicht bemerkt, oder traurig wegen des abgesagten Sommerurlaubs, ist sie jetzt sachliche Protokollantin. Sie informiert, wo „der Feind“ steht. Sie repetiert mutmachende Phrasen, die das Radio bringt, als würde das genaue Notieren Sicherheit geben in einer haltlos gewordenen Lebenswelt.

          Ein Dokument aus dem Innern der Blockade

          Dieser Wechsel im Ton ist eklatant spürbar, ein schmerzhafter Ruck geht durch Lenas Persönlichkeit. Das Mädchen klebt Schulfenster ab, füllt Papiersäckchen mit Sand und häuft sie an Türschlitzen gegen Explosionen. So, schreibt sie, wurde es im Kino erklärt. Sie wird auf eine lange Wanderung in die Dörfer geschickt, zum Arbeitsdienst in Nachtschichten. Manchmal denkt sie noch an Wowa. Dann reglementiert sie sich: „Flugzeuglärm unterbricht meine Grübeleien. Ich kehre zur Wirklichkeit zurück.“

          „Lenas Tagebuch“, spät entdeckt - die russische Originalausgabe erschien 2011 -, ist nicht nur in seiner Vollständigkeit eine Sensation. Lena Muchina macht die Zeit der Leningrader Blockade 1941/42 - die Belagerung dauerte bis Januar 1944 - exemplarisch für viele sichtbar und spürbar. Sie protokolliert, was sie tut, was sie denkt, was sie nicht isst, aber herbeiphantasiert; wie sie Hunger, Frost, Schwäche während der von den Nationalsozialisten angewiesenen Aushungerung eines Volkes überlebt. Und was das heißt: so etwas zu überleben. Ihr Tagebuch ist wie das der Anne Frank ein Dokument, das dieses unmenschliche Kapitel der Geschichte von innen her ausleuchtet.

          Brot, Tee und das Tagebuch

          Dass man es jetzt lesen kann und sogar weiß, was aus Lena Muchina später wurde, ist ein Glücksfall. 1962 gelangten die Seiten ins Leningrader Parteiarchiv. Die Suche nach der unbekannten Autorin aber erwies sich als schwierig und langwierig. Eine Randnotiz führte zu Verwandten, da war Lena Muchina schon tot, aber sie hatten noch Briefe und Fotoalben von ihr, und man erfuhr, dass sie es geschafft hatte, im Juni 1942, kurz nach Abbruch des Tagebuchs, aus Leningrad evakuiert zu werden. Sie starb 1991. Dass sie während der Blockade Tagebuch geführt hatte, wussten die Verwandten nicht. Dabei sollte das Tagebuch Lenas „traurige Geschichte“ nicht zuletzt für die Familie aufbewahren.

          Man liest es mit wachsender Beklemmung, kann es kaum aus der Hand legen. Zunächst, weil darin die Wirklichkeit wie ein grausames Abenteuer erscheint, mit einer großen, tapferen, wortgewandten Heldin darin. So funktioniert ja Literatur. Aber das hier ist ein Tagebuch, in knapper, klarer Sprache mit gutem Blick für verstörende Details. „Es ist erst elf Uhr, doch es gab schon drei Fliegeralarme. Ich gehe nun jedes Mal in den Luftschutzkeller. Ich ziehe meine Winterklamotten und Gummigaloschen an und nehme mein kleines Köfferchen mit. Ich werde mich nun bis zum Kriegsende nicht mehr von ihm trennen, ich habe darin ein leeres Heft, Wowas Foto, Geld, zwei Taschentücher, eine Flasche mit Tee, Brot und ebendieses Tagebuch.“

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