http://www.faz.net/-gr3-11ptp

: Leichtfiguren

  • Aktualisiert am

Im Jahr 2002 war der Autoverkäufer Murong Xuecun ein Star im chinesischen Internet. Sein dort veröffentlichter Roman über das süß-saure Leben junger Angestellter und Herumtreiber in Chengdu fand fünf Millionen Leser und begründete eine eigene Gattung, die Online-Literatur. Beim Lesen versteht man den Erfolg in diesem Medium sofort.

          Im Jahr 2002 war der Autoverkäufer Murong Xuecun ein Star im chinesischen Internet. Sein dort veröffentlichter Roman über das süß-saure Leben junger Angestellter und Herumtreiber in Chengdu fand fünf Millionen Leser und begründete eine eigene Gattung, die Online-Literatur. Beim Lesen versteht man den Erfolg in diesem Medium sofort. Ein überschaubarer Kreis von einprägsamen Figuren kehrt wie in den Folgen einer Fernsehserie in jedem Kapitel mit überraschenden Wendungen und voraussetzungslos verständlichen Pointen wieder: Generalmanager Dong ("der fette Dong", ein Scheusal), Li Liang, der vor lauter Lebensangst unaufhörlich Mahjong spielt und später Drogen nimmt, Großkopf Wang, der unerschütterliche, keinem Bestechungsversuch abgeneigte Polizist, sowie der frauenverschlingende und bisweilen ziemlich verzweifelte Ich-Erzähler, ein Autoverkäufer. Die Episoden sparen nicht an Sex, Zoten, respektlosen Bemerkungen über offizielle und jegliche andere Moral, Gaunereien aller Art sowie Reflexionen über das Leben von mittlerer Reichweite. Weniger verständlich ist, weshalb "Chengdu, vergiss mich heut Nacht" ins Englische, Französische und jetzt auch ins Deutsche übersetzt wurde. Der Roman kann als Dokument dafür dienen, dass es auch in China drunter und drüber geht, dass die allgemeine Orientierungslosigkeit gewaltig und das Leben im Einzelnen mal manisch, mal depressiv ist. Wenn man das aber erst einmal verstanden hat, schleppt man sich mit Mühe durch den Rest. "Ihr Leben war so fad und farblos wie ihre zigmal aufgegossenen Teeblätter", heißt es einmal über die Müßiggänger der Stadt. So aufgekratzt ihre Geschichte daherkommt, kann der Leser diese Einschätzung am Ende doch nicht falsch finden. (Murong Xuecun: "Chengdu, vergiss mich heut Nacht". Roman. Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann und Brigitte Höhenrieder. Zweitausendeins Verlag, Frankfurt am Main 2008. 316 S., geb., 22,- [Euro].) Si.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.01.2009, Nr. 24 / Seite 32

          Weitere Themen

          China setzt auf Gesichtserkennung Video-Seite öffnen

          Totale Kontrolle : China setzt auf Gesichtserkennung

          In China müssen die Menschen damit leben, dass ihr Gesicht in der Öffentlichkeit permanent gefilmt, gescannt und ausgewertet wird. Gesichtserkennung hat inzwischen alle Bereiche des öffentlichen Lebens erfasst.

          Es ist alles zum Verzweifeln

          ARD-Serie „Das Verschwinden“ : Es ist alles zum Verzweifeln

          In der ARD-Miniserie „Das Verschwinden“ zeigt sich das deutsche Fernsehen von seiner schwermütigsten Seite. Es geht um Crystal Meth, kaputte Familien und eine Vermisste. Das ist harte Trauerarbeit.

          Topmeldungen

          Brexit-Verhandlungen : Ohne Qualen geht es nicht

          Theresa May flehte diese Woche in Berlin, Paris und Brüssel um Hilfe bei den Brexit-Verhandlungen. Die Europäer blieben hart. Aber sie gaben sich Mühe, nett zu sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.