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Leben hinter dem Paravent

 ·  "Sommergäste in Trouville": Erzählungen von Undine Gruenter als Vorabdruck in der F.A.Z.

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Wie viele Leben hat der Mensch? Mindestens zwei: das Leben, das man tatsächlich führt, und jenes, das man gern führen würde, wenn man jünger, älter, gesünder, reicher, begabter, mutiger oder verrückter wäre. Und dann sind da noch jene anderen Leben, Möglichkeiten, die man ausgeschlagen, Beschlüsse, die man gefaßt, Menschen, gegen die man sich entschieden hat - ungezählte Variationen des Lebens, die als flackernde Schatten durch die Erinnerung spuken.

Wie kaum eine andere Schriftstellerin ihrer Generation verstand es die im vergangenen Oktober gestorbene Undine Gruenter, die Möglichkeit in der Wirklichkeit durchschimmern zu lassen. Mit unerschrockener Leichtigkeit wagte sie sich auf heikelstes Terrain: Ihre Sätze halten die Seele fest, wiegen sie und legen sie behutsam wieder hin. So gelang es ihr, ein fernes Glück aus der Nähe zu betrachten: noble, bisweilen auch unerbittliche Sehnsucht von Literatur. Doch dieser Autorin lag nichts ferner als die Entblößung anderer oder gar ihrer selbst. Sie wollte vielmehr anschreiben gegen die Zeit, die unweigerlich alles vorherige überdeckt. Ihr Prosa bewahrt, palimpsestartig, vergangene Stimmungen, Gefühle und Augenblicke für die Gegenwart. Denn wie das Schreiben kann auch das Leben vornehmlich im Kopf stattfinden. Und wo man sich schon in Gedanken begegnet, verfehlt man sich oft genug in der Realität - allen voran Mann und Frau.

Noch kurz vor ihrem Tod hatte Undine Gruenter, Meisterin der kleinen Form, die Arbeit an dem Erzählungsband "Sommergäste in Trouville" abgeschlossen, den wir von heute an leicht gekürzt vorabdrucken. Die Geschichten zeichnen das Porträt eines Landstrichs, der der Schriftstellerin vertraut war. War es in ihrem letzten Roman, "Das Versteck des Minotaurus", erneut ein Labyrinth, das sie vor Augen hatte, stattet sie nun den Küstenort Trouville mit einem scheinbar zeitlosen genius loci aus.

Es gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen des Flaneurs, sich auszumalen, was für Leben sich wohl hinter den Fassaden abspielen mögen. Undine Gruenter macht sich den introvertierten Blick für das Äußerliche zu eigen. Ihr Trouville ist ganz in der Gegenwart verhaftet und scheint doch aus der Zeit gefallen. Die Hochsaison liegt ihr nicht; ihre Figuren stehen eher abseits, sind froh, wenn die hors-saison beginnt und sie wieder ihre Ruhe haben. Außerdem fällt im Sommer besonders auf, daß die glanzvollen Tage des Seebads vorbei sind.

In den Erzählungen geht es um Schicksale, die gerade eine entscheidende Wendung nehmen, weil die Liebe vor der Tür steht, ein Wunsch in Erfüllung geht, ein neuer Lebensabschnitt beginnt oder der Tod naherückt. Immer wieder geht es um Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen, um die Ungeheurlichkeiten, die sie einander manchmal antun, ohne es zu bemerken. Dabei haben es die Älteren mit ihrem Bemühen, nur ja nichts falsch zu machen, schwerer als die Kinder, von denen oft etwas Unheimliches ausgeht. Gleich in der ersten Geschichte, "Übungsstunde", erkundet ein Mädchen in einer einsamen Ferienvilla die eigene Sexualität. Ein anderes verstört die Pflegemutter mit seiner Pralinensucht. Und dann ist da noch der Schriftsteller, der auf der Suche nach einem Feriendomizil am Abend durch die Gassen Trouvilles streift - und "plötzlich sehe ich ein Kind in der Mitte des Zimmers sitzen, es starrt mit einem weißen, apathischen Gesicht auf eine erleuchtete Weltkugel. . . . Ein Lachen durchläuft mich wie ein Schüttelfrost."

So unvermutet verwischt Undine Gruenter die Grenzen zwischen Leben, die zwar getrennt ablaufen, aber einander doch berühren. Daß man ihr gebannt folgt, liegt an der Schönheit ihrer Prosa, die die Gedanken der Figuren ebenso anmutig abbildet, wie sie Interieurs und Orte beschreibt. Dabei verweilt Undine Gruenter keineswegs nur in Schlössern oder eleganten Villen, sondern etwa auch im Bungalow der wunderlichen Mademoiselle Heuline oder im Appartement jener alten Dame, die jeden Sommer nach Trouville zurückkehrt und ihr Leben Revue passieren läßt. Mehr noch als ihre Romane sind diese Erzählungen Land ihrer Entstehung geprägt, von den müden Farben, Geschmack und Stil des französischen Barock, vom Klang der Sprache. Und so scheinen die "Paravents", denen die abschließende Erzählung des Bands gewidmet ist, als einzige Trennung zwischen verschiedenen Leben, und, in den kostbarsten Momenten des Glücks, als einzige, transparente Wand zwischen Autorin und Leser.

FELICITAS VON LOVENBERG

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.01.2003, Nr. 9 / Seite 33
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