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Leanne Shapton: Bedeutende Objekte und persönliche Besitzstücke aus der Sammlung von Lenore Doolan und Harold Morris Die Liebe – zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten

22.01.2010 ·  332 Liebeserklärungen an die Liebe: Mit einem Roman in Form eines Auktionskatalogs erzählt die Amerikanerin Leanne Shapton eine uralte Geschichte völlig neu.

Von Felicitas von Lovenberg
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Der Liebesbrief ist unverwüstlich. Er kann die Form einer Postkarte, einer E-Mail und eines Post-Its annehmen, die eines Gedichts oder eines Menüs. Er kann sich als Widmung tarnen, in einer Einladung stecken oder in einem Artikel. Manche Liebesbriefe kommen ohne Worte aus, verstecken sich in alltäglichen Gegenständen, Gesten, Bildern. Manchmal ist auch ein Buch ein einziger Liebesbrief – so wie dieses. Das heißt: eigentlich ist Leanne Shaptons Werk nicht ein Liebesbrief, sondern derer dreihundertzweiunddreißig. Denn so viele Lose hat die fiktive Versteigerung von „Bedeutenden Objekten und persönlichen Besitzstücken aus der Sammlung von Lenore Doolan und Harold Morris“, für den Valentinstag angekündigt im New Yorker Auktionshaus Strachen & Quinn. Es ist eine schwelgerische Liebeserklärung an die Liebe selbst.

Es soll die Vorbesichtigung eines Verkaufs mit persönlichen Habseligkeiten von Truman Capote gewesen sein, die die New Yorker Autorin und Künstlerin Leanne Shapton auf die Idee brachte, eine Liebesgeschichte in Form eines Auktionskatalogs zu erzählen und so zu ergründen, wie viel die Dinge des Lebens über ihre Besitzer und deren Beziehung erzählen können. Herausgekommen ist eines der originellsten Bücher der letzten Jahre, verspielt und existentiell, dezent und offenherzig zugleich. Denn als Betrachter dieses Inventars einer Liebe, als Zeugen fremder Intimität, begegnen wir uns selbst.

Eine wie keine

Eine Liebesgeschichte wie diese ist schon hundertfach erzählt worden. Aber so wie diese noch keine einzige. Das fängt mit den Protagonisten an. Shaptons New Yorker Lenore Doolan und Harold Morris mag man sofort. Beide sind kreative Individualisten, leidenschaftliche Selberdenker, anspruchsvoll, aber nicht abgehoben, attraktiv, aber nicht übermäßig eitel. Sie arbeitet als Kolumnistin bei der „New York Times“, er, dreizehn Jahre älter, ist Fotograf. Begegnet sind sie sich schon früher einmal, aber gefunkt hat es bei einer Halloweenparty im Jahr 2002. Verliebtheit macht erfinderisch und aufmerksam; wie sehr beide die Annäherung als Pingpongspiel mit Hinweisen und Zeichen zelebrieren, ist großartig zu verfolgen, etwa wenn Lenore sich mit Scrabble-Buchstaben, die „Thank you“ ergeben, bei Harold für einen Abend bedankt (und dieser die Lettern zunächst ratlos zu „okay hunt“ zusammenfügt, wie er einem Freund gesteht). Polaroids dokumentieren Lenores Schwierigkeit, das richtige Outfit zum Date zu finden; ein anderes zeigt Morris, der unten auf der Straße auf ihr Erscheinen wartet.

Zu den sprechendsten Objekten gehören jene, die der Phantasie lächelnd Raum lassen: Zwei nicht eingelöste Kinokarten zu einem Woody-Allen-Film. Eine Ausgabe von Nancy Mitfords Klassiker „The Pursuit of Love“, die Harolds noch jungen Platz in Lenores Leben während einer Reise warmhalten soll. Eine Einladung, auf deren Rückseite die offenbar in ihrer erotischen Vergangenheit schwelgende Lenore achtzehn Männernamen notiert hat, darunter ein Fragezeichen. Mix-CDs mit Lieblingssongs, die das Paar sich gegenseitig schenkt. Das Herzklopfen und die Nervosität der ersten Wochen fängt eine Zeile Lenores auf dem Briefpapier des Hotels St. Regis ein: „Besuch mich in Zimmer 1045. Kuss L.“ Dem Los beigegeben ist ein Umschlag mit diversen verworfenen Formulierungen: „Komm in Zimmer 1045“ / „Bin in Zimmer 1045“ / „Du findest mich in Zimmer 1045“ / „Bis gleich in Zimmer 1045“. Wenn sie getrennt sind, was wegen Harolds Shootings oft der Fall ist, fehlt sie ihm wie dem Satz die Vokale, wie die häufig verwendete schriftliche Anrede „Bttrcrmschntt“ lakonisch zeigt. Hingabe mischt sich bei beiden mit Humor und Selbstironie; für die Pose postmodern gepflegter Abgeklärtheit sind die Gefühle offenbar rasch zu stark.

Sie backt, er blitzt

Dem Betrachter, als unversehens Eingeweihter dem Paar in seiner Entwicklung stets etwas voraus, offenbaren sich aber auch bald die ersten Haarrisse. Harold notiert sich eine Liedzeile von Neil Young: „Try to get close but not too close / Try to get through but not be through“. Für ihn, der gehalten, aber nicht festgehalten werden will, ist die hausfrauliche Tortenfixation von Lenore, einer Frau, die Lichtschutzfaktor 40 benutzt, ein stiller Greuel. Nach einem halben Jahr artikulieren sich die unterschiedlichen Erwartungen und Bedürfnisse allmählich. „Es tut mir leid, dass wir uns gestern gestritten haben“, schreibt Harold im Mai 2003 auf ein Post-It. „Ich werde Dich vom Hotel aus anrufen.“

Im Juni feiern sie Lenores 27. Geburtstag – in Venedig. Die Reise ist pure Seligkeit, doch nach einem Streit auf dem Weg zum Flughafen schweigt man sich bis zur Ankunft in New York grollend an. Ihm ermöglichen seine Aufträge, auch räumlich immer wieder Abstand zu gewinnen, während ihre „Cakewalk“-Kolumnen längst nicht mehr nur vom Backen sprechen: „Gib mir auch einen Krümel ab . . .“ Auch die Notizen, die sich Harold während seiner Sitzungen beim Therapeuten auf einem Spiralblock macht, sind beunruhigend. Als eine Liste von Lenore festhält: „Pro: Lustig, guter Sex, andere Welt, Reisen, Kunst / Contra: Depressiv – Alkohol? Promifixiert, Mundgeruch, immer unterwegs, Essen ist ihm gleichgültig, zurückgezogen“, ist die Beziehung gerade ein Jahr alt. Dann erneute Innigkeit. Vier Postkarten Harolds aus Prag, auf jeder nur ein Wort: „Vermisse“ „Dich“ „So“ „Sehr“.

Bitte sei doch unberechenbar

Auch frühere Lieben haben ihre Spuren hinterlassen: Als Lenore einmal unwissentlich mit der blaugerahmten Sonnenbrille seiner Ex-Freundin für ein Foto posiert, flippt Harold aus. Und schon ist man wieder mitten im Beziehungsdickicht aus unausgesprochenen Sehnsüchten und enttäuschten Erwartungen. Die Aufs und Abs häufen sich. Er träumt von einer „unberechenbaren Freundin“; Lenore schreibt im Juni in ein Notizbuch: „Warum weiß er nicht, was zu tun ist, wenn er doch sieht, dass ich ihn brauche?“ Doch dann ein zerbeulter Schlüsselanhänger von Tiffany, an dem Harold Lenore den Schlüssel für seine Wohnung schenkte. Sie ziehen zusammen, und ihre „Cakewalk“-Kolumne trägt den Titel: „Ein Haus aus Biskuit und Sahne“. Das reicht nicht als Fundament. Am Schluss eingekringelte Zeitungsannoncen auf der Suche nach Ein-Zimmer-Apartments in New York und Los Angeles.

Der Katalog inventarisiert knapp vier gemeinsame Jahre. Zwar beziffert er die einzelnen Objekte mit einer Schätzung, doch er bewertet nichts. Die Deutung bleibt allein dem Leser und Betrachter überlassen, dem seine instinktiv gewählten Lieblingsstücke mindestens so viel über eigene Wünsche und Hoffnungen verraten wie über die von Doolan und Morris.

Was am Ende bleibt

Verliebt, verraten, versteigert, verloren. Oder? Das eigentliche Postscriptum der Geschichte ist dem Katalog vorangestellt: eine Postkarte von Harold an Lenore aus dem Jahr 2008, eine späte Antwort auf ihre Frage, ob er je eine Beziehung beendet und es hinterher bereut habe. „Ja. Die mit Dir.“ Ob er sie treffen könne. Eine Antwort Lenores ist nicht überliefert.

Leanne Shapton: „Bedeutende Objekte und persönliche Besitzstücke aus der Sammlung von Lenore Doolan und Harold Morris“. Aus dem Amerikanischen von Rebecca Casati. Berlin Verlag, Berlin 2010. 19,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.

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