07.08.2003 · Auch in seinem neuen Roman sucht Le Clézio das einfache Glück
Von Hendrik Markgraf„In der ersten Zeit war es sehr schön, ich hatte mich noch nie so frei gefühlt.“ Wie ein Refrain durchzieht dieser Satz die Geschichte von Laïla, dem Mädchen aus der afrikanischen Wüste, Hauptfigur in Le Clézios Roman „Poisson d'or“ von 1997, der jetzt unter dem Titel „Fisch aus Gold“ in der deutschen Übersetzung von Uli Wittmann vorliegt. Der Mythos vom Anfang, als alles noch gut war, ist im Werk des französischen Romanciers allgegenwärtig.
Es ist der Traum vom verlorenen Glück, das nur in der Erinnerung fortlebt: in der Erinnerung an frühe Kindertage wie in dem autobiographischen Roman „Onitsha“ (1991) und an jene vergangenen Kulturen, die noch die „Harmonie zwischen Mensch und Welt“, das „Gleichgewicht zwischen Körper und Geist“, die „Einheit von Individuellem und Kollektivem“ kannten, wie Le Clézio in seinem Essay „Le Rêve Mexicain“ (deutsch 1989) schreibt.
Zivilisationsmüder Romancier
Der Franzose hat in seinen frühen Werken das mythische Universum der indianischen Kulturen literarisch-verhüllt wiederbelebt, hat von ihrem Untergang berichtet, aber auch von den Resten, von dem, was noch nicht völlig zerstört und was bewahrenswert ist. Mit „Hai“ (1971) beginnt seine Reise in eine bessere Welt, auf die andere Seite, wo Ich und Welt verschmelzen: im Augenblick des Stillstands, im Einswerden mit der Natur. Diese „extase matérielle“ ist ein Zentralmotiv Le Clézios. Daß es eine Idealisierung darstellt, hat ihm Kritik eingebracht. Kein Wunder, daß der zivilisationsmüde Romancier als „Grüner“ abgestempelt wurde, als exotischer Erzähler von Abenteuer- und Liebesgeschichten wie in „Le chercheur d'or“ (Der Goldsucher, 1987), seinem wohl populärsten Werk.
Doch seine Romane sind keine Gesinnungsliteratur, kein Sprachkitsch. Le Clézio vereinseitigt nicht, hält nicht an einer verkehrt schönen Welt fest. Immer wieder erzählt er von der dunklen Seite der Existenz - mit zunehmender Tendenz; insofern anknüpfend an das Frühwerk, ohne aber dessen Lebensekel zu wiederholen.
Nüchtern und unsentimental
Schon die ersten Sätze seines neuen Buchs geben den Grundton vor: Berichten von einem traumatischen Erlebnis, dem Tag, als die sechsjährige Marokkanerin Laïla geraubt wurde. Le Clézio erzählt die Geschichte aus der Perspektive der inzwischen Erwachsenen, läßt sie sich an ihre Kindheit und Jugend erinnern. Die Ich-Erzählerin berichtet aus großer Distanz, blickt nüchtern und unsentimental auf ihren steinigen Lebensweg. Das macht das Schreckliche goutierbar. Das Schreckliche begegnet dem Mädchen in vielerlei Gestalt, in der Niedertracht der Menschen und im gesellschaftlichen Elend. Ihm setzt sie Überlebenswillen und Freiheitsdrang entgegen: Wege zum immer nur kurzen Glück.
Laïla versucht auf ihrer langen Reise zu sich selbst und in die Freiheit wie ein Fisch zwischen den Leuten und den Dingen hindurchzugleiten. Doch immer wieder verfängt sie sich in den Netzen, die die Menschen nach ihr auswerfen. Selbst wenn man es gut mit ihr meint, fühlt sie sich gefangen; so bei der alten Lalla Asma, die ihr eine Großmutter wird. Mit dem Tod der Alten beginnt der Schrecken von neuem, auf den dann wieder eine Episode des Glücks folgt: im Fondaco, einem Bordell in Rabat.
Ein Entwicklungsroman mit pikaresken Zügen
Für dessen Bewohnerinnen, die sogenannten „Prinzessinnen“, ist das Mädchen eine kleine Schwester, die sie verwöhnen und der sie alle Freiheiten lassen. Dort lernt Laïla, was sie zum Überleben braucht, dort wird sie zur größten Diebin und Lügnerin, schlau wie ein Fuchs. Vor allem in diesen Passagen im Fondaco, aber auch später trägt der Roman mit seiner Fülle von Schauplätzen, Figuren und Episoden, mit der jungen Spitzbübin, die von unten auf die gesellschaftlichen Verhältnisse blickt, pikareske Züge.
Zugleich rückt Laïlas Selbstfindung ins Zentrum, wird „Fisch aus Gold“ immer mehr zu einem Entwicklungsroman. Aus Fluchten besteht ihr Leben: vor der Polizei, vor zudringlichen Männern, vor Gefühlen und Vereinnahmungsversuchen. Ihre zwölf Jahre währende Odyssee führt sie nach Paris, später nach Nizza, Boston und Chicago, bis sich schließlich ihr Traum erfüllt: Sie kehrt ins Land ihrer Väter zurück, ins Land der Mondsichelmenschen, um zu verstehen, um sich zu finden und sich gleichzeitig zu befreien.
Sympathie für die Verlierer
Die Suche nach den (kulturellen) Wurzeln ist eine Ausprägung des Mythos vom Anfang, aus dem alles hervorgeht und auf den alles wieder zugeht. Laïlas Rückkehr freilich wirkt ein wenig aufgesetzt, wie wenn der Autor ein Gegenbild beschwört, das er für unerreichbar hält. In Le Clézios neuem Buch sind die Reste ferner Kulturen schon zersetzt und mit Mängeln behaftet - Folge der Dekolonisation. Aus ihnen ist nicht die Kraft zu schöpfen, die noch Lalla („Désert“, 1980) oder die vielen anderen Kindergestalten („Mondo“, 1978) aus ihr zogen.
Die Nachfahren dieser Kultur sind aus ihrer Umgebung gerissen, sei es in Afrika, sei es in Paris oder Nizza. Einer dieser Emigranten ist der alte El Hadsch, der in einem verwahrlosten Etagenhaus am Rand der Autobahn vom großen Senegal-Strom träumt. Oder sein Enkel Hakim, voller Haß auf die Weißen und entschlossen, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Hakim konfrontiert Laïla mit politischen Ideen, sein Hausgott ist Frantz Fanon und dessen im Algerien-Krieg entstandener Essay „Die Verdammten dieser Erde“. Ihnen gilt in diesem Roman Le Clézios ganze Sympathie: Es sind Emigranten, die aus Afrika kommen, von den Antillen, aus Haiti, Verlierer fast alle.
Immer auf der Suche
Ihr Leben in den Elendsquartieren am Rand der Gesellschaft wird von anderen bestimmt. Laïla steht und spricht für sie - doch sie wird überleben. Denn sie erkennt, daß nicht die anderen, die die Macht haben, wirklich gefährlich sind, sondern die Opfer - weil sie ihre Opferrolle akzeptieren.
Le Clézio beschreibt über weite Strecken eine trostlose Existenz ohne jede Harmonie. Und wäre da nicht die distanzierte Sicht auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, auf die „condition humaine“ und auf den Werdegang der Heldin, durchbrochen von Schilderungen des Glücks, von guten Fügungen und romanesken Umschwüngen, so müßte man „Fisch aus Gold“ einen durch und durch pessimistischen Roman nennen. Der alte Singsang von der anderen, besseren Seite ist beinahe verstummt. Dennoch entfaltet der Roman durch seinen wie von weitem herkommenden Ton einen Sog, dem sich der Leser trotz allen Überdrusses an der Tristesse nicht entziehen kann.
Le Clézios Helden sind immer schon Suchende gewesen. Ihre Suche entspringt der Beklemmung, in einer unfriedlichen Welt leben zu müssen, und der Obsession, ihr zu entfliehen. Lag in den bisherigen Romanen das Glück im Verschmelzen mit der Natur, so liegt es nun im Einswerden mit der Musik: mit dem Trommeln der Antillaner und Nordafrikaner in den Metrostationen, dem schwerfälligen Rhythmus auf dem Klavier, wie das Grollen eines fernen Gewitters.