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Laurent Quintreau: Und morgen bin ich dran. Das Meeting Die geheimen Gedanken der Manager

Der Roman zur Finanzkrise: In seinem Debüt „Und morgen bin ich dran. Das Meeting“ zeichnet der französische Autor Laurent Quintreau auf brillante Weise das Psychogramm einer Vorstandssitzung.

© Unionsverlag Vergrößern

Die moderne Hölle braucht keine Feuer und Teufel mehr, keine Folterwerkzeuge und keine Scheiterhaufen. Für die moderne Hölle, das zeigte schon Jean-Paul Sartre auf der Bühne, reicht ein geschlossener Raum ohne Fluchtmöglichkeit, in dem sich Menschen schon aus Langeweile gegenseitig quälen. Die turbokapitalistisch aktualisierte Version dieses dunklen Szenarios liefert Laurent Quintreau mit seinem ersten Roman, der direkt in die finstere Seele der gegenwärtigen Finanzkrise blickt. Hier nämlich spielt sich das ganze Geschehen in einem Konferenzraum für Manager ab. Um elf Uhr morgens beginnt das schon im Titel angekündigte „Meeting“, wie Sitzungen von einer gewissen Gehaltsstufe an genannt werden. Und bei Quintreau, der hauptberuflich als Werbetexter arbeitet und bislang nur als Theaterautor in Erscheinung trat, darf man beim Begriff „Meeting“ durchaus das lautmalerisch verwandte „meat“ mitdenken, das englische Wort für „Fleisch“.

Denn auf nichts anderes als auf ein notdürftig getarntes Zerfleischungsritual läuft sein zur Groteske gesteigertes zweistündiges Vorstandstreffen hinaus. Der neue Chef eines nicht näher spezifizierten internationalen Unternehmens, ein gewisser Jean-François Rorty, hat seine Führungselite an diesem Morgen zusammengetrommelt, um Bilanz zu ziehen. Es sind keine rosigen Mitteilungen, die er zu verkünden hat. Vor knapp einem Jahr ist Rorty von New York nach Paris versetzt worden, um eine „Umstrukturierung“ der Firma einzuläuten, die vor allem auf Personalabbau hinausläuft. Jetzt nutzt er das branchenübliche Vokabular, um die Kündigungen lang verdienter Mitarbeiter als Notwehrakt auf einem schwer umkämpften Markt schönzureden. Rorty spricht von „Verschlankung“ und von „Auslagerung“. Er zitiert Nietzsches „Willen zur Macht“, auch wenn er den Philosophen nur von den „Websites zur Abiturvorbreitung“ kennt. Und er proklamiert Leitsätze der New-Age-Bewegung wie: „Lasst uns Adler sein und keine Lämmer!“ Kurzum: Quintreaus Firmensanierer führt genau jenes rhetorische Theater aus Suggestivfloskeln, verballhornter Philosophie und kaum verhüllter Drohung auf, das Diktatoren ebenso lieben wie Karrieregurus. Und seine Zuhörer haben die eigentliche Schreckensbotschaft hinter den bombastischen Siegesformeln natürlich sofort verstanden, die da lautet, dass jeder unter ihnen der Nächste sein kann; der Nächste, der gefeuert wird.

Marktgläubige Monster

Welch bizarre Verwüstungen die Angst vor der Entlassung in Managerseelen anrichten kann, hat schon Urs Widmer 1996 in „Top Dogs“ humoristisch ausgeschlachtet: „Business, das ist Krieg, Blut und Tränen“, heißt ein zentraler Satz der bis heute gespielten Tragikomödie. Ein Satz, der leitmotivisch auch Quintreaus Roman durchzieht, den man dank seines Closed-Room-Settings ebenfalls sofort auf die Bühne bringen könnte. Allerdings regiert in diesem 2006 zum besten französischsprachigen Debüt ausgezeichneten Psychogramm ein völlig anderer Blick auf das big business. Statt brutale Riten belustigt von außen zu betrachten, sieht Quintreau seinen elf Managern direkt in den Kopf und listet ihre Gedanken in inneren Monologen auf, die er je nach Sündenschwere in „Höllenkreise“ unterteilt: eine Referenz an Dantes „Göttliche Komödie“. Elf Seelenbeichten, elf verschiedene Beurteilungen der Lage, die schnell klarmachen, dass der wahre Teufel hier nicht wie bei Sartre im Mitmenschen lauert. Die wahren Dämonen erschaffen sich Quintreaus Erfolgsmenschen selbst. Und ihre Hölle ist - ähnlich wie schon bei den bekannteren Schreibkollegen Michel Houellebecq und Frédéric Beigbeder - ein bis ins Letzte verinnerlichtes Verkaufsdenken, das längst sämtliche Bereiche des Privaten erobert hat.

Am Anfang stehen die lässlichen Gedankensünden der Wollust, Schlemmerei, Bequemlichkeit und Wut, die man auch als Nichtkarrierist noch nachvollziehen kann. Der Probezeit-Absolvent Pujol ist ein Schmalspur-Casanova, der fürchtet, dass er ohne Job mit Status keine Chance mehr bei schönen Frauen hat. Die dicke Bremont futtert sich aus Sorge, keinen Mann abzubekommen, immer mehr Kummerspeck an. Der faule Tissier hat sich seit je schmalspurig durchlaviert. Und Stoeffer, der ehemalige Firmenchef, ergeht sich vor lauter Hass auf seinen Nachfolger Rorty in Mordphantasien, die er allerdings nur autoaggressiv mit zu viel Zigaretten und Alkohol auslebt. Sehr viel abgründiger und psychisch bedenklicher sind dagegen die heimlichen Motive der nachfolgenden Kollegen, die in den Höllenkreisen der Bosheit schmoren und entweder von purem Sadismus oder narzisstischer Kränkung, von überzogener Eitelkeit oder Perfektionsgier getrieben sind. Bei ihnen hat sich das allgegenwärtige Diktum des Quotenerfolgs zur gefährlichen Neurose ausgewachsen, die mit Pillen bekämpft werden muss, um nicht im Amoklauf gegen sich oder andere zu enden.

Quintreaus Reigen der Verdammten bestätigt zwar durchaus das schlechte Image vom skrupellosen Manager, das nach dem amerikanischen Bankencrash wahrscheinlich präsenter ist denn je. Anders als die Zyniker Houellebecq und Beigbeder aber gefällt sich der Autor nicht in der Rolle des schwarzmalenden Apokalyptikers, dem es vorrangig darum geht, das Monströse im Marktgläubigen hervorzukehren. In seinem Meeting gibt es auch die Möglichkeit der Erlösung. Immerhin ein Teilnehmer hat es bis ins „Fegefeuer“ geschafft, ein anderer mit dem Dichternamen „Alighieri“ sogar bis ins „Paradies“. Der eine sagt den schönen Satz: „Ich kann doch nicht ständig in Angst vor der Kündigung leben wie ein vom Filzpantoffel bedrohter Käfer.“ Der andere freut sich nach einem Nahtodeserlebnis einfach nur darüber, noch am Leben zu sein. Das mögen keine originellen Auswege sein. Doch Quintreaus humorvolles und leidenschaftliches Plädoyer für den freien Willen ist spannend geschrieben und klug konstruiert. Und es liest sich in Zeiten, da die Unterwerfung unter den Massengeschmack jeden zweiten Fernsehabend in Castingshows als geglückte Existenz gefeiert wird, schon wieder revolutionär.

Laurent Quintreau: „Und morgen bin ich dran. Das Meeting“. Aus dem Französischen von Oliver Ilan Schulz. Unionsverlag, Zürich 2009. 185 S., geb., 16,90Euro.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 18.04.2009, 14:35 Uhr