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Laurent Binets neuer Roman : Aufschlag John McEnroe, Return Roland Barthes

Illustre Runde im Pariser Café Bonaparte 1978 mit Roland Barthes (Dritter von rechts) und Philippe Sollers (Fünfter von links) Bild: Picture-Alliance

Der Kommissar als Poststrukturalist: „Die siebte Sprachfunktion“ von Laurent Binet ist eine gewitzte Wissenschaftssatire und ein französisches Sittenbild.

          Was war 1980 bloß für ein Jahr! In Frankreich forderte ein bislang glücklos agierender Sozialist, François Mitterand, den konservativen Giscard d’Estaing im Rennen um das Präsidentenamt im Jahr darauf heraus. Im Herrentennis verlor der unbezwingbare Björn Borg bei den US Open gegen einen aufstrebenden Amerikaner namens John McEnroe. Die Welt tanzte zum Logical Song über verlorene Ideale. Und an einem kalten Pariser Februartag lief der Mythenjäger Roland Barthes, von einem Mittagessen mit Mitterrand kommend, einem bulgarischen Wäschereiwagen vor die Kühlerhaube.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ausgehend von dem provozierenden Gedankenspiel, dass der französische Philosoph nicht etwa durch den Unfall ums Leben kam, sondern gezielt überfahren und also ermordet wurde, entwirft Laurent Binet in seinem kontrafaktischen Roman „Die siebte Sprachfunktion“ eine so respektlose wie gewitzte Fiktion. Abgesehen von der Mordphantasie und dem ominösen Papier, auf das der Titel anspielt, stimmen viele historische Ereignisse in dieser grimmigen Farce, die gleichwohl durchgespielt werden, als seien sie ganz anders verlaufen.

          Ein französischer Kommissar begibt sich darin auf den theoretischen Höhenflug einer Zeit, als französische Strukturalisten und Poststrukturalisten den Ton angaben. Anhand des Epochenschnitts von 1980 entwirft der Roman ein Sittenbild der frühen achtziger Jahre. Alle kommen vor: Foucault, Derrida und Althusser, Julia Kristeva und Philippe Sollers, aber auch Umberto Eco, Noam Chomsky und Roman Jakobson, als Nebenfiguren Isabelle Adjani und Françoise Sagan.

          Der ideale Leser

          Der Clou ist: Das Bild des idealen Lesers, das die poststrukturalistische Theorie entwirft, ist das Bild des Lesers als Detektiv. Der Leser wird zum Spurenleser, Bedeutungsschnüffler, immer dicht auf den Fersen des semiologischen Abenteuers. Und seine Beziehung zum gelesenen Text ist eine doppelte: nicht nur intellektuell, sondern auch als erotische Beziehung zum Textkörper, zur „Lust am Text“, um mit Barthes zu sprechen. Deshalb packt Binet seine Wissenschaftssatire ins erzählerische Gewand eines Krimis; von der Spurenlese über das Indizienrätseln bis zur Zeugenbefragung kommen alle Elemente des Genres vor. Es geht um narrative Strukturen und um Sex, um allegorische Tragweite und Attentate, es finden Verfolgungsjagden und Rededuelle statt, und dauernd biegt irgendwo ein Citroën DS um die Ecke, Wahrzeichen der „Mythen des Alltags“.

          Dass Binet Kriminalistik und Semiologie zusammen denkt, ist die Grundlage des Romans. Er nimmt sie als Freifahrtschein für seine wild gewordene Phantasie. Der Dekonstruktion kann das nur gefallen, denn beiden Sphären ist das Beobachten, Hinsehen und Dechiffrieren gemein, mithin den Zeichen mit der Lupe auf die Spur zu kommen; nicht zufällig hat Barthes sich mit James Bond befasst.

          Der Semiotik dichtet Binet die Sprengkraft einer Neutronenbombe an. Die Zeichentheorie sei „eines der schärfsten Instrumente, die der Mensch je geschmiedet hat“, weiß der Erzähler zu berichten. Weil Sprache eben nicht alles sagt, sondern auch die Dinge, die Körper sprechen. Davon handelt dieses vergnügliche Lehrstück: wie man aus einem guten Happen Theorie eine faszinierende Erzählung machen kann.

          Laurent Binet
          Laurent Binet : Bild: laif

          Das Ermittlerpaar erinnert bei seinem Tauchgang ins Pariser Intellektuellenmilieu an Pat und Patachon: Der eine, Bayard, ein konservativer Knochen alter Schule, setzt sich auf der Jagd nach Barthes’ Mörder nur widerwillig mit langhaarigen Geisteswissenschaftlern und komplexen Denksystemen auseinander. Die Lesehilfe „Rolandbarthisch leicht gemacht“ lässt ihn verzweifeln. Deshalb angelt er sich als theoriesicheren Sidekick Simon Herzog von der Universität. Dem schmalbrüstigen Doktoranden geht nicht nur der Alte mit seinem Überlegenheitsgehabe mächtig auf die Nerven. Vor allem findet er sich auf der Seite des Staates und also derjenigen wieder, die er eigentlich bekämpft. Dass Herzog zunehmend Gefallen findet an teuren Anzügen und neuer Autorität, ist eine Pointe des Romans, zu der sich spiegelbildlich verhält, dass auch Bayard, der alle Intellektuellen herzlich hasst, ohne es zu merken bald selbst denkt wie ein Poststrukturalist.

          Das Duo ermittelt in Hörsälen, Männersaunen und Cafés sowie im Innersten eines bizarren Geheimordens, dessen Mitgliedern bisweilen Finger und andere Körperteile entfernt werden. Rasant wechselt der Roman die Schauplätze, von Paris geht es über Venedig an die Cornell-Universität ins amerikanische Ithaca, wo Bayard und Herzog einem Duell zwischen Vertretern der french theory und amerikanischen Linguisten beiwohnen. Auch bei Umberto Eco in Bologna kreuzen sie in diesem denkwürdigen Jahr 1980 auf. Von ihm, dem „Großen Protagoras“, erhoffen sie sich Aufschluss über jene geheime Sprachfunktion, der im Roman alle hinterherjagen.

          Schlüssel zur Macht

          Angeblich aus der Feder des russischen Linguisten Roman Jakobson, soll es sich dabei um nichts geringeres als den Schlüssel zur Macht handeln: Weil derjenige, der sie beherrscht, in der Lage wäre, Handlungen allein durch Reden auszulösen. Er könnte folglich die Massen mobilisieren und jede Wahl gewinnen, Revolutionen anzetteln und alle nur denkbaren Produkte verkaufen.

          Um an die Geheimformel zu gelangen, ist den Akteuren jedes Mittel recht. Geschickt fängt Binet darüber die aufgekratzte Stimmung der achtziger Jahre ein, in denen die vorherige Theorieseligkeit in eine Phase dekadenter Theoriesättigung zu kippen scheint. Die großen wilden Denker sind längst zu etablierten Institutionen geworden, die im damaligen Frankreich - anders als heute - alle Kanäle des öffentlichen Lebens bis hin zum Elysée-Palast bespielen. Als einer der Brückenköpfe und heimlicher Strippenzieher zwischen Geist und Politik fungiert Jack Lang, 1980 Mitterrands Kulturminister in spe. Die ganze Ära liest Binet semiotisch. Da werden Codes in Abba-Songs dechiffriert, der Wahlkampf zwischen Mitterrand und Giscard d’Estaing oder ein Tennismatch in neuem Licht gesehen. Nicht zuletzt, dass Mitterand als erster Sozialist in der Geschichte der Fünften Republik Präsident werden konnte, hat in dieser Lesart mit der Macht der Zeichen zu tun.

          Roland Barthes
          Roland Barthes : Bild: Imago

          Der politische Wirkungskreis ist dem 1972 in Paris geborenen Binet nicht fremd. Über den Präsidentschaftskandidaten François Hollande veröffentlichte er 2012 eine entlarvende Langzeitbeobachtung, für seinen Roman „HHhH“ über Himmler und Heydrich erhielt er 2010 den Prix Goncourt. In diesem von Kristian Wachinger stimmig übersetzten Roman taucht Giscard d’Estaing als Konservativer auf, der nur zu sagen weiß, was offensichtlich ist, und Mitterrand als Schmeichler und Menschenfischer.

          Auch die Intellektuellen und Wissenschaftler zieht Binet durch den Kakao. Der Erzähler führt bei seinem Flug über das Kuckucksnest ihren Jargon vor und breitet ihre Eifersüchteleien und Grabenkämpfe aus. Trotzdem ist der Roman keine Abrechnung mit einer Epoche, die es als komische Episode auszustehen gelte. Das Kapitel will Binet keinesfalls streichen, sondern fuchst sich in die Theorien, denen er viel abgewinnt. Sein Personal leuchtet er nicht psychologisch aus, vielmehr wird es heftig überzeichnet. Gedanken, Dialoge und Handlungen fließen ansatzlos ineinander und Komik entsteht, wenn etwa beim Kiffen intensiv über das Abjekte nachgedacht wird. Diese Figuren leben buchstäblich ihre Theorien. Mancher, wie Bernard-Henri Lévy, hier ein quecksilbriger Wendehals, trägt aber einfach nur gern weiße Hemden.

          Einzig Eco, der gerade mit einem neuen Stoff über mittelalterliche Mönche zugange ist, geht als unbescholtene graue Eminenz aus dem Roman hervor. Philippe Sollers dagegen, der lange Jahre die Rolle des gottähnlichen Autors in Frankreich gespielt und dabei unleserliche Romane geschrieben hat, kommt am schlechtesten weg - wenig schmeichelhaft wird er als Aufschneider und Hofschranze dargestellt. Doch obwohl mit Sollers, der gerade achtzig wurde, noch andere wie der Philosoph Lévy oder die Literaturtheoretikerin Julia Kristeva sich selbst ein Bild von sich als Romanfigur machen können, hat niemand den Autor verklagt. Als sein Roman 2015 in Frankreich erschien, ausgerechnet in Barthes’ 100. Geburtsjahr, sorgte er dennoch für Wirbel, zumal Weggefährten Sollers’, wie Binet sich beklagt, dagegen polemisierten.

          Wer austeilt, muss auch einstecken. Übersehen aber sollte man nicht, dass sich „Die siebte Sprachfunktion“ keineswegs nur als Farce, sondern auch selbst als Reflexion zu Sprache und Kommunikation lesen lässt. Sie ist ein Dekonstruktionsroman, der viele Spuren legt und sich dabei als pointenreicher Theorietransfer erweist.

          Laurent Binet: „Die siebte Sprachfunktion“. Roman. Aus dem Französischen von Kristian Wachinger. Rowohlt Verlag, Reinbek 2016. 524 S.,

          geb., 22,95 €.

          Quelle: F.A.Z.

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